Dr. med. Harald Bresser, Facharzt für Dermatologie und Venerologie, Facharzt für Anästhesiologie

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Praxis
Dr. med. Harald Bresser
Anästhesiologen
in München auf jameda
Dr. med. Harald Bresser, von sanego empfohlen

www = Witze ? Wahre Wunder der Dermatologie

 

 

Kuriositäten und Unerhörtes aus der Dermatologie: was Sie vermutlich niemals über Hautkrankheiten wussten und auch nicht wissen wollten... von Dr. med. Harald Bresser, Hautarzt, München 

Auf der Tagesordnung medizinischer Kongresse erscheint regelmässig ein Tagesordnungspunkt "pearls and pitfalls". Zur Erheiterung und Entspannung der gestressten Wissenschaftler werden dort " Perlen" (dh. seltene Absonderlichkeiten) und "Fallstricke" (dh. Dinge, die man im Interesse von Patient und Arzt besser vermeiden sollte)  vorgetragen. Diese Seite soll so etwas ähnliches wie eine barocke Wunderkammer der Dermatologie werden - lassen Sie sich überraschen. Ich hoffe, dass auch die hier vorbeiflanierenden Arztkollegen ihren Spaß daran haben. Falls Sie selbst auf ein passendes Kleinod, eine Geschichte oder eine kuriose Webseite stossen, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich werde Ihren Fund gerne integrieren (unter angemessener Würdigung des ehrbaren Finders). 

"Spezialist für Lepröse, Bresthafte und andere unsittliche Personen..."

Meine genaue Berufs- und Facharztbezeichnung lautet: Facharzt für Dermatologie und Venerologie, auf deutsch: Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten, kurz: Dermatologe. Unter Medizinern wird meine Spezialgebiet als relativ "kleines" Fachgebiet eingeordnet, und mancher Fachkollege hält es - im Vergleich zB zur Chirurgie, für ziemlich unwichtig. Wir Dermatologen dagegen halten unser Fach für besonders bedeutsam - darin unterscheiden wir uns in keiner Weise von allen anderen Ärzten. Hautärzte haben in den letzten Jahrzehnten kräftig daran gearbeitet, ihren  Arbeitsbereich auszudehnen (die Übersicht über mein Leistungsspektrum mag manchen überraschen, der vom Hautarzt nur Kortisoncreme erwartet). Dermatologen in Deutschland heilen heute nicht nur Hautkrankheiten, Allergien und Hautkrebs - viele sind Spezialisten für Schönheitsoperationen jeder Art, Immunspezialisten, Genetikforscher oder AIDS-Experten. Doch wie ist das Fachgebiet Dermatologie entstanden? Erst nach dem 2. Weltkrieg wurde die Dermatologie langsam das, was sie heute ist. Unsere älteren Vorgänger dagegen kümmerten sich um Leprakranke in den städtischen Leprosorien vor den Stadtmauern, um "Aussätzige", Syphilitiker und andere "chronisch Bresthafte" (so nannte man ehedem die Hautkranken). In München geht diese Tradition bis ins 13. Jahrhundert zurück. Damals baute man weit vor der Stadt auf einem Hügel, dem Gasteig, ein Spital für Unheilbare, ein Sondersiechenhaus, um Arme, Alte, Kranke und die verstümmelten Pilger zu versorgen, welche von ihren Pilger- und Kreuzfahrten aus dem heiligen Land auch die Lepra, den schon in der Bibel benannten "Aussatz", mit heimgebracht hatten. Charakteristisch für die Lepra sind u.a. anfangs helle oder rote Hautstellen, in denen das Gefühl abstirbt und monströse Hautschwellungen entstehen (zB das "Löwengesicht". Durch Verletzungen und Befall innerer Organe enstehen typische Verstümmelungen). Ähnliche Einrichtungen gab es wohl in allen grösseren Städten. Später füllten sich solche Häuser mit Menschen, deren oft entstellende Hautkrankheiten von den Ärzten der Zeit kaum zu deuten waren. Nicht nur, dass Pest und Pocken vor allem als Hautkrankheit erlebt wurden - obwohl die betroffene Haut nur der eher unproblematische Teil der Krankheiten war. Vor allem die "Franzosenseuche", die Syphilis, beschäftigte unsere Vorväter. Jahrhundertelang war die Syphilis eine Geißel Mitteleuropas. Sie war weit verbreitet und mit einem unsittlichen Lebenswandel assoziiert. In ihren Spätstadien kann sie fast jede der heute exakt unterscheidbaren Hautkrankheiten imitieren (noch heute lernt man als junger Arzt, bei jeder unklaren Hauterkrankung den Syphilis-Bluttest zu veranlassen). So kam es, dass die "Hautärzte" der damaligen Zeit sich vordringlich um "Geschlechtskranke" kümmern mussten - was sich bis heute in der Bezeichnung "Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten" spiegelt.    

Anzahl der Schmerzpunkte auf jedem cm2 Haut: durchschnittlich 200

Alkoholallergie - das letzte Glas Bier ist immer verdorben 

In München kursieren Gerüchte, dass die Schankwirte des Oktoberfests den Zechern am Ende ihres Wiesnaufenthaltes absichtlich ein verdorbenes Glas Bier kredenzen - anders lässt sich der Kater am nächsten Morgen auch kaum erklären. Eigentlich sollte Bier, das nach dem bayerischen Reinheitsgebot gebraut wurde, überhaupt keine Kopfschmerzen auslösen - schliesslich wurden alle bedenklichen Ingredienzien vor langer Zeit verbannt. Die Erfindung des bayerischen Reinheitsgebots für Bier gilt als eines der ersten Drogengesetze. Die Regierung wollten damit vielleicht nicht nur die Volksgesundheit fördern, sondern auch vehindern, dass der gemeine Bierdimpel sich ausser an Alkohol noch an andere Rauschsubstanzen gewöhnt. Immerhin setzte man vorher dem Bier ua Bilsenkraut, Tollkirschen, Porst, Schlafmohn, Muskat oder Wermut zu – alles Substanzen, die den Alkoholrausch beträchtlich verstärken konnten. Als allergologisch tätiger Hautarzt wird man immer wieder gefragt, ob es eine Alkoholallergie gebe. Einzelne Bierallergien sind tatsächlich beschrieben: Quaddelsucht bis zum allergischen Schock können nach Biergenuss auftreten bei Gerste-, Weizen-, Mais- und Malzallergie. Auch Bierhefe und Enzyme im Bier können Allergien auslösen, während eine Hopfenallergie eher unbekannt geblieben ist. Ob es echte Ethanolallergien gibt, ist umstritten. Allergische Reaktionen nach Genuss alkoholischer Getränke haben aber meist andere Ursachen: 1) v.a. bei Wein, Likören usw eine Unverträglichkeit von Geschmacksstoffen, Getreide oder Obst; der Birkenallergiker verträgt zB keinen Kräuterschnaps 2) verstärkte Aufnahme anderer Lebensmittelallergene im Darm durch den Alkohol; nur in Kombination mit Alkohol wandert genug Allergieeiweiss durch die Darmschleimhaut, um die Allergie auszulösen 3) pseudoallergische Reaktionen, zB durch Histamin oder Metabisulfit nach Weingenuss; verschwefelter Wein und Fuselschnaps sind eher unbekömmlich, vor allem für den histaminintoleranten Menschen  4) verstärkte "vasomotorische" Reaktionen durch den Alkohol selbst; Rötungen, Juckreiz und Hitzewallungen beim Zechen plagen relativ viele Menschen.  Interessanterweise geben die Hälfte aller Asthmatiker in Japan an, ihr Asthma werde durch Alkohol provoziert. Genetisch bedingte Veränderungen im Acetaldehyd-Dehydrogenase-Metabolismus sind die Ursache, weshalb der durchschnittliche Asiate nicht nur schneller betrunken wird, sondern beim Oktoberfest sogar einen Asthmaanfall im rauchfreien Bierzelt fürchten muss.  

Ungefähre Anzahl der Schweissdrüsen auf der menschlichen Haut: 3 Millionen

"Moses und der 3. Mann" 

Die venerischen Krankheiten zählen zu den ersten beschriebenen Leiden unserer Fachdisziplin. Schon Moses berichtet über eine Krankheit, die mit brennendem Ausfluss aus der Harnröhre einherging. In den Texten der jüdischen Thora wird davon erzählt, dass die Israeliten vor der Auswanderung ins Heilige Land beim Liebeskontakt mit anderen semitischen Völkern diese ansteckende Krankheit erworben hatten. Die Therapie 1200 vor Christus: Tötung der Kranken. In einer griechischen Übersetzung des alten Testaments wird dann ca. 300 v.Ch. erstmals der Begriff Gonorrhoe für diese, wie wir heute wissen, bakterielle Infektion mit Gonokokken-Bakterien verwendet. Viele Jahrhunderte kannte man lediglich die Gonorrhoe als Geschlechtskrankheit; die vielen anderen Krankheiten, die beim Verkehr übertragen werden konnten, wurden nicht mit solcherlei Aktivität in Verbindung gebracht. Im Persien des 13. Jahrhunderts bestand die Therapie in einem Faustschlag auf den Penis, der vorher auf einen Stein drapiert wurde (immerhin führte man die Krankheit auf den unsauberen Verkehr mit Tieren zurück).  Etwa 100 Jahre später verbreitete sich die viel gefährlichere Syphilis in Europa; die beiden Krankheiten konnten lange nicht auseinander gehalten werden, obwohl ihre Symptomatik sehr unterschiedlich ist. Paracelsus beispielsweise war überzeugt, dass beide Krankheiten identisch seien. Der Franzose Rabelais benutzte den, noch heute verwendeten, bildhaften Ausdruck „Pisse chaude“ für die Gonorrhoe, womit das wesentliche Unterscheidungskriterium zur Syphilis eigentlich klar benannt war. Die brennenden Schmerzen beim Urinieren erleichtern noch heute die rasche klinische Diagnose der Gonorrhoe, des „Trippers“. Unbehandelt kann diese sehr unangenehme Akutphase mehrere Wochen dauern. Vor der Einführung der Sulfonamide, der ersten Antibiotika, um 1940 waren die Behandlungsversuche teils genauso drastisch wie in Persien im 13. Jahrhundert. Siphonspülungen der Harnröhre mit Permanganatlösungen, Einführen von Wachskathetern, Einhaltung bestimmter Stellungen beim Verkehr, Silberinjektionen, besonders langdauernder Geschlechtsverkehr, Sandelholz, Vekehr mit einer Negerin oder Jungfrau, all das sollte die bakterielle Infektion mit Gonokokken heilen. Erst der Breslauer Arzt Albert Neisser sah 1879  erstmals die kaffebohnenartigen „Diplokokken“ als Erreger des Trippers im Mikroskop. Damit war die Ursache geklärt.  Dem Chemiker Domagk gelang es endlich 1935, aus einem roten Farbstoff das erste Sulfonamid-Medikament zu synthetisieren. Sein „Prontosil“ eröffnete die Ära der Antibiotikatherapie; in den 30iger und 40iger Jahren war Prontosil das Wundermittel der europäischen Ärzte, denn Gonokokken starben damit rasch, die Krankheit war nach 5 Tagen geheilt.  Später griff man wegen zunehmender Resistenzen auf das Penicillin von Alexander Fleming zurück, das seit 1943 (nur) in Amerika industriell hergestellt werden konnte. Da das Medikament in Europa sehr kostbar war, entstand nach dem 2. Weltkrieg ein krimineller Schwarzmarkt in den besiegten Mittelstaaten. Im Roman „Der 3. Mann“, mit Orson Welles in der Hauptrolle verfilmt,  schildert Graham Greene den Handel mit Penicillinampullen, die aus amerikanischen Militärhospitälern gestohlen worden waren. Wobei man nicht so genau weiss, ob das Penicillin im Wien der Zeit öfters gegen Wundinfektionen verletzter Soldaten oder brennende Harnröhreninfekte eingesetzt wurde…  

Zeitdauer einer vollständigen Erneuerung der äusseren Hautschicht beim Gesunden: 28 Tage

"Spätfolgen..." 

Eine Frau in den besten Jahren wird schwer krank. Im Krankenhaus auf dem Operationstisch hat sie eine todesnahe Erfahrung. Sie sieht Gott und fragt ihn: "Ist mein Leben zuende?" Gott beruhigt sie: "Nein, du hast noch 43 Jahre, 2 Monate und 36 Stunden zu leben". Nach der Operation entscheidet sich die Frau, aus ihrer verbleibenden Zeit das Beste und Schönste zu machen. Sie lässt sich die Nase richten, die Lippen unterspritzen und Fett absaugen. Nach der letzten Operation wird sie aus der Schönheitsklinik entlassen. Beim Gang zum Parkplatz wird sie vom Auto erfasst und totgefahren. Als sie vor Gott steht, schreit sie ihn an: "Du hast mir gesagt, ich hätte noch mehr als 40 Jahre zu leben. Warum hast du mich nicht gerettet?". Da antwortet Gott: " Entschuldigung, ich hab dich leider nicht erkannt"...    


Etienne Ray: "Ironie ist nichts anderes als verschämte Zärtlichkeit"  

"Wachs und Co: Madame Tussaud wäre hier froh" 

Fast jeder kennt die Wachsfigurenkabinette der Madame Tussaud. Wir amüsieren uns darin über Politiker, Filmstars, Mörder und andere prominente Menschen, täuschend echt aus Wachs geformt. Aber nicht alle Wachsfigurenkabinette dienen der Unterhaltung; medizinische Wachsfigurenkabinette waren früher wichtige, teils hochberühmte wissenschaftliche Lehrmaterialien für Ärzte. Die medizinische Form der Wachsfiguren nennt man Moulagen (franz. mouler, etwas formen). Es handelt sich dabei um Abformungen kranker Körperteile, vor allem von Hautkrankheiten in bemaltem Wachs. Bis zur Einführung der Farbfotographie waren sie das beste wissenschaftliche Demonstrationsmaterial für angehende (Haut-) Ärzte. Schon vor 200 Jahren wurden sie in Florenz hergestellt. Zu den ersten "Moulageuren" zählte F.H. Martens (1778-1805), Privatdozent in Jena. Goethe schrieb über ihn, dass er um "besonders pathologische Curiosa, vorzüglich auch spyhilitische Krankheitsfälle in gefärbtem Wachs mit grösster Genauigkeit darzustellen bemüht war".  Seit dem ersten internationalen Dermatologenkongress 1889 im Musee des Moulages am Hopital St. Louis in Paris galten sie bis in die 50iger Jahre des 20. Jahrhunderts als ideale Lehrmittel. In Paris wurden ca. 3000 Krankheitsbilder in Moulagen nachgebildet. Bei der Herstellung wurden direkt von der Haut des Kranken Gipsabdrücke genommen, mit einer Wachsschicht, Silikon o.ä. überzogen und in Anwesenheit des Patienten möglichst realistisch bemalt. Das genaue Herstellungsverfahren war immer ein streng gehütetes Geheimnis des Moulageurs. Sie dienten als Hilfsmittel bei Vorlesungen, wurden später in Atlanten und Lehrbüchern reproduziert und zuweilen auch in der Öffentlichkeit gezeigt, um den Menschen die schrecklichen Folgen der Syphilis zu demonstrieren. Mit der Farbfotographie fast vergessen, dienen die erhaltenen Moulagen heute als wertvolle medizinhistorische Dokumente. Viele der abgebildeten Krankheitsformen gibt es heute kaum noch (zB Spätformen der Tuberkulose, Syphilis oder Pocken). Bedeutende Moulage-Sammlungen existieren in Zürich, Berlin, Dresden, Erlangen, Göttingen, Hamburg, Kiel und Münster. Viele dieser Sammlungen sind heute in Museen der Öffentlichkeit zugänglich. Ein Besuch lohnt sich - man lernt hier mehr, als bei Körperwelten- und Plastinierungsshows des modernen Moulageurs und Pseudowissenschaftlers Gunther von Hagens.  

Eine Verbrennung 1. Grades entsteht bei einer Erhitzung der äusseren Haut auf ca. 45 Grad Celsius

Aperol-Spritz und die Lausallergie 

Von Italien kommend, hat sich Aperol-Spritz als Modegetränk der Saison fest in den Strassenkaffees Münchens etabliert. Wer weiss schon, dass rote italienische Bittergetränke ein bitteres Geheimnis bergen? Gefärbt werden Aperol und Campari nämlich mit dem roten, natürlichen Farbstoff Karmin. Karmin wiederum wird gewonnen - aus toten Läusen, genauer: aus der echten Kochenille-Laus, die in Mexiko, Spanien, Nordafrika und auf den Kanarischen Inseln auf Kakteen gezüchtet wird. Die Läusekolonien werden von den Kakteen abgekratzt, und aus den getrockneten Körpern der weiblichen Tierchen wird ein wässriger Extrakt gewonnen, das Kochenille.  Aus Kochenille wird Karmin ausgefällt. Die rote Farbe sind die Erdalkali- bzw Aluminiumkomplexe der Karminsäure, eine Anthrachinoncarbonsäure. Nicht nur Campari, auch rote Lippenstifte und rote Pillen können Karmin enthalten. Einzelne allergische Reaktionen gegen Campari-Orange oder Karmin im Erdbeer-Joghurt sind beschrieben worden. Sie sind aber selten - dem weiteren Aperol-Spritzgenuss steht also nichts im Wege...  

Christian Morgenstern: "Der Ironiker ist nur ein beleidigter Pathetiker"  

"Der wahrhaft Aufständische...."

 Stadtarzt 
Stadtarzt, Muskelpresse, 
schaffensfroher Hort,
 auch Hygienemesse 
großes Aufbauwort,  
wunderbare Waltung, 
was der Hochtrieb schuf, 
täglich Ausgestaltung,  
Schwerpunkt im Beruf. 

Normung selbst der Gase, 
amtlich amputiert, 
ob die Säuglingsblase 
luftdicht funktioniert, 
vorne Prophylaxe, 
hinten Testogan, 
und die Mittelachse  
schraubt sich himmelan. 

Zuchttyp: Faustkaliber, 
strebend Buhnen baun, 
Pol- und Packeisschieber, 
Luftverdrängungsclown, 
Rundfunk und Refraktor, 
Wort verkommne Zahl,  
Wort als Ausdrucksfaktor 
gänzlich anomal.  

Wunderbares Walten, 
dort der Affensteiß, 
hier der Hochgestalten 
Licht- und Höhenreiß,  
und als Edelmesse, 
Gottes Gnadensproß,  
züchtet Muskelpresse 
Pithekanthropos.  

Gottfried Benn 

Gottfried Benn gilt als einer der bedeutendsten deutschen Dichter der Moderne. "Benn ist der wahrhaft Aufständische. Aus den Atomen heraus, nicht an der Oberfläche revoltiert er: er erschüttert Begriffe von innen her, dass Sprache wankt und Bürger platt auf Bauch und Nase liegen." (Sternheim 1918). 1917 wird Benn aus unbekannten Gründen aus der Armee entlassen. In Berlin arbeitete er für einige Wochen als Assistenzarzt für Dermatologie an der Charite, bevor er am 10. November 1917 seine eigene Praxis als Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten eröffnete. Das bedeutete zu dieser Zeit:  Geschlechtskranke versorgen, ohne dass Antibiotika zur Verfügung stehen. Die von Benn erhaltenen Briefe zeigen, dass es ihm damals seelisch und körperlich schlecht ging. Seine Ehe war unglücklich, sein dermatologischer Berufalltag langweilte ihn, er wird depressiv. Ausserdem läuft seine Arztpraxis nicht gut. 1921 schreibt er: 
„Es ist kein Leben dies tägliche Schmieren u. Spritzen u. Quacksalbern u. abends so müde sein, daß man heulen könnte. [...] Ja, ich bin unbeschreiblich müde u. abgelebt wieder mal augenblicklich, darüber ist nichts zu sagen, die Sinnlosigkeit des Daseins in Reinkultur u. die Aussichtslosigkeit der privaten Existenz in Konzentration.“  Vom Dermatologen Gottfried Benn stammt übrigens auch die Aussage: "Die Krone der Schöpfung, das Schwein, der Mensch". 
Er mag dies angesichts seiner Erfahrungen als Soldat und Arzt zynisch gemeint haben - in anderen Kulturen gilt das Schwein durchaus nicht immer als schmutziges, unreines, dummes Tier.  In Indonesien und China sind Schweine glücksbringende Boten von Fruchtbarkeit und Wohlstand; ethnologische Lehrfilmsammlungen aus dem Fernen Osten zeigen Frauen, die Ferkel stillen - rechte Brust ein Baby, linke Brust ein Ferkel. George Clooney hielt sich jahrelang ein Dickbauchschwein als Haustier, und Minipigs sind klüger als die meisten Hunde... Was heutige Dermatologen dem Schwein noch alles verdanken, finden Sie ein wenig weiter unten! 

Le Rochefoucauld: "Wir haben alle Kraft genug, um die Leiden anderer zu ertragen"  

"Die Nase des Präsidenten und der Zeh des Rastamanns" 

Bei einer Pressekonferenz während seiner Zeit als amerikanischer Präsident verkündete Ronald Reagan einmal mit einem verschmitzten Lächeln: " Ich kann mich stolz vor Sie stellen und sagen, dass meine Nase sauber ist". Diese kryptischen Worte hatten einen ernsten Hintergrund: seit 1987 litt er unter einem Basalzellkrebs / Basaliom der Nase. Er wurde daran operiert, erlitt nach 6 Monaten einen Rückfall, wurde wieder operiert - dieses Mal erfolgreich. All das, ohne dass die Öffentlichkeit es registrierte. Auch seine Nachfolger George H. Bush (Senior) und George W. Bush (Junior) haben zu lange und oft die texanische Sonne auf ihrer Ranch gesehen. Beide mussten wegen aktinischer Keratosen operiert werden. Bill Clinton wurde operativ von einem Basaliom am Rücken befreit. Michael Jackson wurden mehrfach mittels Shave-Exzisionen an Nase, Brustkorb und Armen Vorformen von weissem Hautkrebs entfernt. Roger Moore (ehem. Darsteller von James Bond) hatte ein Basaliom, ebenso wie Clint Eastwood, Elisabeth Taylor an der Wange oder James Last an der Nase. Auch George Washington litt unter weissem Hautkrebs ( "... an irritable spot on my right cheek which had for years been increasing in pricking an disagreeable sensations; and in june last assumed the decided character of a cancer", 25.2.1795). Sie alle überlebten diese häufige, aber relativ wenig aggressive Form des Hautcarcinoms. Viel dramatischer ist es, wenn ein Melanom festgestellt wird. Dwight Eisenhower, ebenfalls amerikanischer Präsident, überlebte ein rechtzeitig entdecktes malignes Melanom. John Mc Cain, Rivale von Barak Obama um das Amt des Präsidenten, wurden 1993 ein Melanom an Arm entfernt, später ein weiteres im Gesicht. Weniger Glück hatte Bob Marley, legendärer Rastamann und Pabst des Reggae. Oft stand er als Musiker mit blutigen Schuhen auf der Bühne. Auf das Drängen seiner Mitmusiker, endlich zum Arzt zu gehen und den blutenden Fleck an der Grosszehe untersuchen zu lassen, antwortete er: " Rasta no abide amputation. I don`t allow a man to be dismantled". Er starb mit 36 Jahren an den Hirnmetastasen, die vom akrolentiginösen Melanom seines Grosszehs gestreut hatten. Ein rechtzeitiger Gang zum Hautarzt hätte ihm wahrscheinlich das Leben gerettet.  

Hautdicke an der Fussohle: ca 5 mm, Hautdicke am Augenlid: etwa 0,1 mm. Hautdicke des Walhais: 15 cm

"Sarah Berhardt und die erste Schönheitschirurgin" 

1878 wurde in Frankreich Suzanne Blanche Marguerite Gros geboren, die sich später Suzanne Noel nannte. Sie war die erste Schönheitschirurgin und gleichzeitig Dermatologin. 1905 begann sie ihre dermatologischen Studien und heiratete 1910 einen Hautarzt. Die kosmetische Chirurgie entwickelte sich damals gerade als Teil der kosmetischen Dermatologie, während plastische Operationen sich aus der Wiederherstellungschirurgie von Kriegsverletzungen entwickelte. 1912 traf und bewunderte sie die berühmte Schauspielerin Sarah Bernhardt, die sich in Amerika hatte operieren lassen (ua Facelift und Halslift). Fasziniert von dem Können ihrer amerikanischen Kollegen, lernte sie die Kunst, überflüssige Haut herauszuschneiden, um Gesichter zu straffen und Falten zu beseitigen. "Frauen lassen sich operieren und reden nicht darüber" sagte Noel - kein grosser Unterschied zu heute. Ihr Mann nahm sich 1924 das Leben, doch damals war sie bereits eine erfahrene operativ tätige Hautärztin. Im 1. Weltkrieg hatte Noel ihre plastisch-chirurgischen Fähigkeiten bei der Operation grausam verstümmelter Soldaten verfeinert. Sie selbst hatte mehrere Gesichtstraffungen und Augenlidoperationen an sich durchführen lassen, und Besucher ihrer Sprechstunde waren noch 1942 von ihrem glatten, faltenlosen Gesicht beeindruckt. Sie starb 1954 und zählte zu der ersten Generation von SchönheitschirurgInnen, die ihr Handwerk auf den Schlachtfeldern Ostfrankreichs erlernt hatten.  

2-3% aller Männer haben Angst davor, Falten zu bekommen. 10% aller Männer sind bereit, sich Botox gegen Falten spritzen zu lassen

"Laments of a clinical clerk..." 

Dermatology or Give me a man who calls a spade a geotome  

I wish the dermatologist 
where less a firm apologist 
for all the terminology 
that`s used in dermatology. 

Something you or 
I would deem a 
redness he calls erythema;  
if it`s a blistered, raw and warm he 
has to call it multiforme. 

Things to him are never simple; 
Papule is his word for pimple 
what`s a macule, clearly stated? 
Just a spot that´s over-rated! 

Over the skin that looks unwell 
he chants latin like a spell;  
What he`s labeled and obscured 
looks to him as good as cured.  

(J.B.Frank, NewEngl J Med (1977); 297(12): 660) 

1 von 20000 Menschen leidet weltweit unter Albinismus - d.h. an einer völlig weissen, pigmentfreien Hautfarbe

"Der schwarze Tod" 

Grossflächige Blutungen färben die Haut schwarz, plötzliches hohes Fieber wird von riesigen, schmerzhaft geschwollenen Lymphknoten an Nacken, Achselhöhlen und Leisten begleitet. Die Beulen brechen teilweise schwarzblutig auf, der Befallene deliert. Irgendwann erbrechen die Kranken Blut, die Hälfte stirbt innerhalb einer Woche. Die Pest, der schwarze Tod! Das apokalyptische Schauspiel verbreitete sich ab 1347 rasend schnell in Europa. Innerhalb von 4 Jahren starben 30% der damals 75 Millionen Europäer. Nachdem die Pest in den folgenden 80 Jahren in mehreren Seuchenzügen wiederkam, löschte sie 75 % (!!) der gesamten Bevölkerung Europas aus. Wo kam sie her? Im 14. Jahrhundert wurden asiatische Murmeltiere von der Pest befallen und starben massenhaft. Trapper sammelten die Felle der toten Tiere und verkauften sie über die Seidenstrasse an europäische Händler.  Auf den Murmeltierfellen saßen Flöhe, die den Pesterreger Yersinia pestis in sich trugen. Die hungrigen Parasiten sprangen rasch auf jedes warmblütige Wesen über, das sich den Fellen näherte. Verbreitet von infizierten Rattenflöhen, jagte die Krankheit in Windeseile durch den Kontinent. Der Sprung über den Ärmelkanal gelang der Krankheit höchstwahrscheinlich mit einem rotweinbeladenen französischen Schiff. Wir wissen bis heute nicht, warum diese besonders aggressiven, verheerenden Pestzüge 100 Jahre später einschliefen. So schlimm die Pest für die Menschen war, so hatte sie nicht nur schlimme Folgen. Indem sich die Überlebenden an den Besitztümern der Toten bereicherten, wurde die Konkurrenz unter den Menschen um Nahrung, Arbeit und Sicherheit geringer. Die Krankheit legte damit nach Meinung vieler Historiker die wirtschaftliche Basis für den Übergang des Mittelalters zur Renaissance. Pest lässt sich heute mit Antibiotika heilen. Wenn Yersinia pestis allerdings erneut in eine aggressive Form mutieren würde...?  

"Doctor`s games..." 

A 7 year old girl told her mom: " A boy in my class asked me to play doctor with him". "Oh dear", the mother nervously gasped. " What happend, honey?". "Nothing, he made me wait 45 minutes and then double-billed the insurance company".     

"Pabst Pius XII und die Gefahr im Schönheitssalon: Frischzellenalarm" 

In der Provinz Limburg in den Niederlanden erkrankten 1981 und 1982 zahlreiche Besucher eines Schönheitssaloons an einer schweren Infektionskrankheit. Sie litten an "Wechselfieber"  (periodische Fieberanfälle) und Symptomen wie bei einer schweren Grippe. Ihre Gemeinsamkeit: sie waren zur Erhaltung und Erneuerung ihrer Jugend mit einer Creme aus der Placenta und den Feten von Rindern äusserlich behandelt worden, einer sogenannten äusserlichen Frischzellentherapie. Diese Zellen waren mit dem Erreger der sog. Brucellose infiziert. Früher war die Brucellose eine häufige, gefürchtete Krankheit, die durch Kuh- und Ziegenmilch verbreitet wurde. Die Impfung von Jungtieren und das Pasteurisieren der Milch hat die Krankheit fast ausgerottet, die Bakterien existieren aber weiter. Nicht nur aus Tierschutzgründen sollte man es daher unterlassen, sich die Haut mit Pasten aus geriebenen, frischen Organen unschuldiger Tiere einreiben lassen. Auch die Einspritzung solcher Frischzellen könnte riskant sein: 1987 wurden sie verboten. Es konnte nämlich nicht ausgeschlossen werden, dass der Erreger des Rinderwahnsinns BSE darin enthalten sein könnte. Dieses Verbot beendete (vorerst) die berühmt-berüchtigten Frischzellenkuren nach Niehans, die in Jet-Set-Kreisen sehr beliebt waren. Die Frischzellen des Schweizer Arztes Paul Niehans (1882-1971) stammten aus dem Blut und den Organen von jungen Rindern und Schafen. Sie sollen nicht nur Konrad Adenauer und andere Promis der Wirtschaftswunderzeit erfrischt haben. 1954 behandelte Niehans den schwerkranken Pabst Pius XII. Die Kur schlug an, woraufhin Niehans als Mitglied in die Päpstliche Akademie der Wissenschaften berufen wurde. Den wissenschaftlichen Ruf seiner Methode konnte er damit trotzdem nicht retten. Dabei könnte die Behandlung mit lebenden menschlichen oder tierischen Zellen bald eine Renaissance erleben: sogenannte pluripotente Stammzellen aus allen möglichen menschlichen und tierischen Geweben (ua auch abgesaugtem Fett) können tatsächlich der Schlüssel zum Jungbrunnen der Zukunft sein...  

"Sie sind doch Venerologe: können Sie mir meine Krampfadern operieren?"

Viele Laien halten den "Venerologen" für einen "Venen"-Spezialisten. Es stimmt zwar, dass der Hautarzt sich auch um Venenkrankheiten kümmert. Sprachlich liegt allerdings ein Mißverständnis vor: "venerische" Krankheit ist in Wirklichkeit der medizinische Ausdruck für Geschlechtskrankheit; Venenspezialisten nennen sich "Phlebologen".   

Weltrekordlerin im Piercing: die Britin E. Davidson mit 4225 Piercings; Weltrekordler der Männer: J. Lynch, England, mit 241 Piercings

"Der Hirschbock aus Connecticut"

 In der Dermatologie kennen wir viele Krankheiten, die seit Jahrzehnten bekannt, genau beschrieben und wissenschaftlich vielfältig erforscht sind - deren Ursache aber völlig unklar bleibt. Zu diesen Krankheiten zählte bis Mitte der 70iger Jahre auch die Wanderröte. In älteren Lehrbüchern der Dermatologie wird genau beschrieben, dass viele Menschen in der warmen Jahreszeit langsam wachsende, hellrote oder rotviolette Hautflecken entwickeln. Sie schmerzen nicht, jucken nicht und verschwinden irgendwann wieder. Was soll`s - scheint ja harmlos zu sein? Leider nein! Im Jahr 1975 war einer aufmerksamen Mutter im Ort Old Lyme in Connecticut/USA (5000 Einwohner) aufgefallen, dass in ihrem Ort 12 Kinder an einer besonderen Rheumaform litten (juvenile rheumatoide Arthritis). Gesundheitsamt und Wissenschaftler reagierten zuerst überhaupt nicht auf ihre wiederholten Alarmrufe - Rheuma ist nicht ansteckend und nicht übertragbar, also war das Alles anscheinend Zufall. 1977 endlich kümmerten sich Forscher ersthaft um die "Rheumaepidemie". Sie stellten rasch fest, dass bei vielen Betroffenen einige Wochen vor der Erkrankung ein merkwürdiger Hautfleck aufgetreten war - eine "Wanderröte" (medizinisch: Erythema migrans). Einige wenige Patienten erinnerten sich, an dieser Stelle von einer Zecke gestochen worden zu sein (später stellte man fest, dass es sich bei dem Untier um eine amerikanische Hirschzecke handelte, während in Europa bei ähnlichen Erscheinungen der gemeine Holzbock verantwortlich war). 1983 veröffentlichte der Forscher Burgdorfer als Rätsels Lösung die Entdeckung, dass ein spezielles Bakterium, eine sog. Spirochäte, die krankheitsauslösende Mikrobe war. Sie wurde vom Biss der Zecke übertragen, verursachte zuerst die Wanderröte und - vielleicht - später das Rheuma. Man nannte die Bakterie zu seinen Ehren Borrelia burgdorferi, und die Krankheit ist heute als Borreliose bekannt - ein leider auch in Mitteleuropa weit verbreitetes Übel (siehe Stichwort: Borreliose). Die Geheimnisse um die Krankheit sind aber bis heute längst nicht gelöst. Die Borrelien-Mikroben sind nämlich Meister der Tarnung und Verstellung, sie täuschen und tricksen unser Immunsystem aus, wo sie nur können. Damit ähneln sie frappierend einem nahen Verwandten, einer anderen Spirochäte - den Syphiliserregern. Übrigens: auch George W. Bush und Richard Gere wurden schon wegen Borreliose behandelt.  

Multatuli: "Der heftigste Ausdruck von Schmerz ist Sarkasmus"   

"Der Schönheitschirurg  - vom Außenseiter zum Gesellschaftsgockel" 

Die Schönheitschirurgie boomt - ca. 10 Millionen Eingriffe und Anwendungen werden jährlich allein in den USA durchgeführt. In den Anfängen dieses medizinischen Zweiges waren es fast nur Männer, die operiert wurden. Anfang des 20. Jahrhunderts verschob sich dies fast völlig zugunsten der Frauen; erst in den letzten Jahren steigt der Anteil der behandelten Männer wieder an. Die gesellschaftliche Rolle der Schönheitschirurgen selbst hat sich gleichzeitig deutlich gewandelt. Hohes Ansehen unter Ärzten und in der Bevölkerung genossen schon immer die plastischen Chirurgen - ihre Eingriffe bei angeborenen Verstümmelungen, ihre Korrekturen von Kriegs-, Verbrennungs- und Unfallschäden waren seit jeher als hohe chirurgische Kunst anerkannt und wurden an den besten Universitätskliniken erforscht und gelehrt. Es waren im 19. Jahrhundert vor allem deutsche (nicht amerikanische) Ärzte, welche die plastische Chirurgie vorantrieben. Die eigentliche Schönheitschirurgie aber wurde traditionell abseits des wissenschaftlichen Betriebs von kreativen Chirurgen, Hautärzten und Self-made-Ärzten anderer Fachdisziplinen in ihren eigenen, kleinen Operationsabteilungen weiterentwickelt. Eine strukturierte Weiterbildung gab es jahrzehntelang kaum; als interessierter Arzt lernte man Schönheitschirurgie im Operationssaal der geheimnisumwitterten Stars diese Genres - sofern es gelang, eine der begehrten Einladungen zu einer solchen Gasttätigkeit zu erhaschen. Noch heute schmücken fast alle Schönheitschirurgen ihre Ordinationszimmer mit Photos von sich und Ihren chirurgischen Lehrmeistern ( "Das bin ich mit Prof. Pitanguy" ist ein häufiges Photomotiv; Pitanguy ist der berühmteste brasilianische Schönheitschirurg). Bis in die 80iger Jahre waren die Schönheitschirurgen eine kleine, weltweit verschworene Clique, scheel angesehen von ihren Kollegen, bewundert in der Öffentlichkeit wegen ihres Reichtums und Kontakts zu Stars und Sternchen. Schönheitsoperationen waren wenigen Filmstars und anderen Reichen vorbehalten und in der Normalbevölkerung gesellschaftlich eher geächtet. Jeder Chirurg hatte seine eigene Operationstechnik, und die Risiken der Eingriffe waren sehr hoch. Mit der seit ca. 30 Jahren anhaltenden, rasanten Entwicklung neuer, sicherer und preiswerterer  Behandlungsformen stieg die  gesellschaftliche Anerkennung des Berufsstandes. Die Patienten begannen, sich zu den Eingriffen zu bekennen, Berichte in den Massenmedien fachten das Interesse an, Ärzte begannen mit Werbung für ihre Tätigkeit . Und heute? Fernsehsender übertragen Schönheitseingriffe live; eine Botoxbehandlung ist im Medienbereich alltägliches Statussymbol. Nur wenige Fernsehansagerinnen sind nicht gebotoxt. Immer mehr junge Ärzte beginnen ihre Ausbildung mit dem expliziten Berufsziel "Schönheitschirurgie".  In Amerika verdrängen ästhetische Themen zunehmend die übrigen Fachbereiche der Dermatologie von den Vortragslisten der grossen Kongresse. Und mancher Schönheitschirurg entwickelte sich zum Gesellschaftsgockel - der lieber selbst im Blitzlichtgewitter steht, als dies seinen erfolgreich behandelten Patienten zu überlassen. Immerhin kann man es so zu einem grossen Artikel im Spiegel bringen - unter dem Titel "Der Aufschneider" ?! Oder wie es die Süddeutsche Zeitung im Mai 2010 in einem kleinen Artikel formulierte: "Nasen von der Stange - Was, wenn der bekannteste Vertreter eines Berufsstandes zugleich sein peinlichster ist ?"   

"Abschied auf dem Ärztekongress..." 

Verabschieden sich 2 Augenärzte auf dem Kongress: "Man sieht sich...". Verabschieden sich 2 Tierärzte: " Ich mach die Fliege...". Kardiologe: "By, pass auf dich auf...". Verabschieden sich 2 Hautärzte: "Haut ab!"  

"Ist doch alles nur psychisch? Nein, sondern auch..."

Jedes Ding hat zwei Seiten. Jede Hautkrankheit auch. Einerseits eine körperliche: das juckende Histamin, die entzündete Hautzelle, das Allergieeiweiss im Blut... Andererseits eine seelische: entweder als Ursache oder Folge der Krankheit. Beispiele? Der Volksmund sagt, dass Ekelgefühle einen Herpesschub auslösen kann. Die Wissenschaft hat deshalb herpesanfälligen Menschen Bilder mit ekelhaften, schmutzigen, fliegenbedeckten Tellern gezeigt. Einer Vergleichsgruppe wurden schöne Blumenbilder präsentiert. Ergebnis: 40% der Ekelgruppe entwickelten einen Herpesschub - und 0% der Blumengruppe. Die alten Hautärzte kannten diese Zusammenhänge. Daher nannten sie z.B. die Neurodermitis eben "Neuro"-Dermitis, um den engen Zusammenhang zwischen Nervenkostüm (Neuro-) und Hautentzündung (-dermitis) zu betonen. Jede Mutter mit ekzemkrankem Kind weiß das auch ohne Wissenschaft. Als ab den 80iger Jahren eine ganze Generation von Hautärzten ihre wissenschaftliche Ausbildung in den USA genoß, ging dieses Erfahrungswissen verloren. Krankheitsursachen wurden nur noch als Reagenzglas-Experimente erforscht; das "Neuro" wurde gestrichen, aus der "Neurodermitis" wurde das "atopische Ekzem". Heute wendet sich das Blatt wieder. Eine ganze Forschungsrichtung sucht nach der Verbindung zwischen den zwei Seiten der Medaille - dem Klebstoff zwischen Psyche und Physis. Man erkannte zB, dass Stresshormone im Blut von Neurodermitikern rascher ansteigen als beim Gesunden, dass seelische Ursachen tatsächlich körperliche Folgen haben. Es ist mehr als ein Aphorismus, dass die Haut "der Spiegel der Seele" ist. 

Gewicht der Haut eines Mannes: ca 14 kg

"The good, the bad and the ugly..." 

99 % aller ästhetischen Eingriffe gelingen. Beispiele für offensichtlich verbesserte, natürliche Schönheit sehen wir täglich in Film und Fernsehen: Marlene Dietrich, Greta Garbo, Rita Hayworth, Marilyn Monroe, Jane Fonda, Pamela Anderson, Angelina Joli, Jennifer Lopez, Catherine Zeta-Jones,  Burt Reynolds, Al Pacino, Michael Douglas uvm scheinen gute Schönheitsärzte zu kennen. Einige Eingriffe allerdings misslingen, vor allem deshalb, weil zuviel des Guten getan wird. Einige Beispiele gefällig? http://www.awfulplasticsurgery.com/ 

"Dilettantismus ist Liebe zur Kunst ohne Gegenliebe"

"Revolutionäre Kosmetik - als Puder Köpfe kostete"

Warum gab es 1789 eine Revolution in Frankreich? Historiker streiten darüber, ob eine Währungs- oder  Wirtschaftskrise, schlechte Regierung, kulturelle oder ideologische Umwälzungen zum Sturm auf die Bastille führten. In Wirklichkeit kostete vielleicht die Frisurmode den Kopf des Königs. Das Zauberwort der damaligen Perückenmode  war „Volumen“. Gigantische Perücken waren der Dernier Cri bei adeligen Männern und Frauen. Vielleicht wollte man damit zeigen, dass man nicht arbeiten musste; vielleicht war die weisse Perücke ein Symbol für Sauberkeit – den lockeres, voluminöse Haar konnte doch nicht schmutzig und fettig sein? Jedenfalls entwickelte die Frisurenmode im 18. Jahrhundert immer neue, exzessivere Formen des künstlichen Kopfschmucks. Wie konnte aber bei der krankhaften Scheu des Rokkokomenschen vor dem Wasser, vor Waschen und Körperhyiene eine lockere Frisur erreicht werden? Ganz einfach – man rasierte sich den Kopf glatt, trug eine Perücke und brachte diese immer wieder zum Entlausen zum Perückenmacher. Der Bequemlichkeit halber trugen viele die teuren Perücken nur vor Besuchern oder in der Öffentlichkeit; der kahle Schädel wurde mit einem „Vortuch“ bedeckt. Goethe beschreibt eine solche Szene, als ein Professor 1765 in Leipzig den Hörsaal „kahl und ohne Bedeckung“ betritt, danach ein Bedienstete hastig und verspätet mit der frisierten, grossen Allonperücke erscheint und dafür mit einer kräftigen Ohrfeige bestraft wird. Eigens Haar und Perücken mussten regelmässig entfettet werden, und dazu benutzte man Puder. In einer zeitgenössischen  Enzyklopädie wird Puder definiert als „feines weisses Puder, welches gebraucht wird, das Haupthaar und die Perücken zu bestreuen, damit sie rein und locker werden“. Überflüssiges Puder wurde mit Silber- oder Goldmessern von Stirn und Backen gekratzt. „Die Quaste verwandelt die Gesichter der Opfer in weisse Masken“, schrieb Mercier 1788 über die Perückenmacher in Paris, deren „mit Puder und Pomade beschmierte Fenster…vom Tageslicht kaum einen Schimmer durchlassen“. Der Kunde hielt sich zum Schutz eine grosse Papiertüte mit Glasaugen vor das Gesicht, durch deren Spitze er atmen konnte. Nicht nur Adelige frönten dieser Mode; ein normaler englischer Soldat verstäubte um  1750 etwa ein Pfund Puder pro Woche.  Ein zunehmendes Problem war aber leider die Tatsache, dass dieses Puder nichts anderes war als -feinstes Weizenmehl. Im Frankreich des 18. Jahrhunderts verschlechterte sich die Versorgung der Bevölkerung mit Getreide zunehmend, und die Kritik an der Verschwendung des Weizenmehls wurde lauter. Schon 1715 gab es in Caen einen Aufruhr gegen die Verwendung des knappen Weizens für die Körperpflege. Zedlers Universallexikon monierte 1741, dass „jährlich eine recht unverantwortliche Menge des besten Weizens vertan“ würde. Der französische Puderverbauch dieser Zeit wurde auf mehrere Hundertausend Pfund im Jahr geschätzt. 1740 stieg der Weizenpreis in Paris so stark, dass das Backen von Luxusgebäck und das Pudern kurzzeitig verboten wurde. Ersatzstoffe wie Gips oder weisse Erde, die ein deutscher Hüttenbesitzer names Schnorr entdeckte, konnten sich nicht durchsetzen. 1788 schrieb Mercier: „ Wenn man noch dazu bedenkt, dass das Puder, mit dem sich 200000 Leute die Köpfe einstäuben, den Armen zur Nahrung dienen könnte, dass all dies aus den besten Teilen des Getreidekorns gewonnene Mehl, das sich da in der üppigen Perücke des Rechtsverdrehers, in der Tolle des Modegecken und im Haarband des Faulenzers verfängt und nutzlos auf den Nacken dieser Müßiggänger endet -  dass dieses Mehl zehntausend Hungernde satt machen könnte, möchte man ob der absurden Sitte, die sonst zu nichts gut, als dazu, dem Haar die natürliche Farbe zu rauben, vollends verzweifeln“. Kein Wunder, dass das französische Volk  bald darauf mit Puderspuk und Perückenmode aufräumte - Revolution . England war klüger – 1795 wurde eine Luxus-Pudersteuer eingeführt, welche die Mehlverschwendung für Modezwecke einschränkte. In Frankreich dagegen wurden  die Köpfe abgeschnitten, welche Perücken trugen. Die gepuderte Perücke wurde zum verhassten Symbol des alten, königlichen Systems. Auf den ungepuderten Köpfen der Revolutionäre prangte die feuerrote „phrygische Mütze“ – die kegelförmige, umgedrehte Mütze kleinasiatischer Schiffer. 

"Dreierlei..." 
Fragt die Frau ihren Gatten: "Was magst du mehr, meinen wunderschönen Körper oder meine überragende Intelligenz?" Seine Antwort nach kurzem Nachdenken:" Eher deinen Sinn für Humor". 
 

"Twilight: Sonnenallergie in Trannsylvanien" 

In Trannsylvanien, einem Landstrich des heutigen Rumäniens, muss vor langer Zeit eine fruchtbare Familie mit einem seltenen Gendefekt gelebt haben. Die Nachkommen dieser Familie sollen heute über die ganze Welt zerstreut leben. Das besondere an Ihnen: sie leiden unter einer schrecklichen Form der Sonnenallergie. Ihre blasse Haut reagiert sehr unterschiedlich auf die UV-Strahlen der Sonne. Bei manchen Familienmitgliedern glitzert die Haut verräterisch (dargestellt in dem Film "Twilight"), manche gehen dagegen in Flammen auf oder explodieren (wie zB im Tarantino-Film "From Dusk till Dawn"). Viele Wissenschaftler haben schon versucht, dem Geheimnis der Krankheit auf die Spur zu kommen. Zahlreiche Bücher und Filme berichten über die Leiden dieser Familie.  Heutige Forscher nehmen an, dass der Gendefekt aus der Gruppe der sog. erythropoetischen Porphyrien stammen muss. Bei den verschiedenen Porphyrieformen handelt es sich um angeborene oder erworbene Enzymdefekte der Hämbiosynthese (Störung der Blutbildung). Bei der sog. erythropoetischen Porphyrie (Morbus Günther) absorbieren Porphyrine sowohl UV-Licht als auch sichtbares Licht. Im Bereich der belichteten Hautstellen entstehen schwere, entstellende Verletzungen, der Urin der Betroffenen ist dunkelrot (wie blutig...), die Zähne sind rötlich-braun verfärbt. Die Eckzähne sind oft verlängert. Haut, Zähne und Urin fluoreszieren rot. Die Betroffenen müssen Licht und Sonne strikt meiden. Es handelt sich natürlich nicht um eine "Sonnenallergie" (näheres zur Sonnenallergie siehe unter diesem Stichpunkt), sondern um einen Enzymdefekt. Eine andere, merkwürdige Form der "Sonnenunverträglichkeit" ist der Lupus erythematodes (hat keinerlei Zusammenhang mit Porpyhrie). Diese Autoimmunerkrankung der Haut frisst sich - unbehandelt - wie ein "Wolf" durch die Haut (Lupus = lateinisch für Wolf) und kann schlimme Narben hinterlassen. Die Gesichtsnarben des Sängers Seal (Gatte von Heidi Klum) sind Folge einer Lupus erythematodes-Erkrankung. Neben den Gesichtsnarben führte die Krankheit bei ihm auch zu weitgehendem Haarverlust.     
 
"If it is dry - add moist. If it is moisten - add dryness. Congratulations, now you are a dermatologist" 

 "Dichter und Diktator - die stecken in einer Haut" 

Josef Stalin regierte die damalige Sowjetunion bis zu seinem Tod 1953 mit brutaler Gewalt. Wir wissen fast nichts über die Persönlichkeit dieses Mannes, der Millionen Menschen ermorden ließ. Wir wissen auch nicht, wie sehr er selbst unter seiner Hautkrankheit litt - er hatte Schuppenflechte. Berichte darüber waren verboten - wie alles, was das Bild des "genialen Helden der Revolution" hätte menschlicher, und damit weniger überlebensgroß erscheinen lassen. Viele andere Berühmtheiten leiden oder litten ebenfalls unter Psoriasis, wie zB die Musiker Art Garfunkel und Tom Waits und der Anführer der französischen Revolution, Jean-Paul Marat.  Die Meisten versuchten, die Krankheit vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Besonders eindrucksvoll schildern Schriftsteller die Bedeutung der Krankheit für ihr Leben. Vladimir Nabokov schrieb im Februar 1937 nach einem schlimmen Schub an seine Frau: " I continue with the radiation treatments every day and am pretty much cured. You know now I can tell you frankly the indescribable torments I endured in February, before these treatments, drove me to the border of suicide. A border, I was not authorised to cross because I had you in my luggage." Sehr offen beschrieb der immer wieder für den Nobelpreis favorisierte, amerikanische Pulitzerpreisträger John Updike (1932-2009) den Einfluss seiner Schuppenflechte auf sein Leben und literarisches Werk. Er hatte die Krankheit von seiner Mutter geerbt und fühlte sich viele Jahre stark stigmatisiert (näheres zB bei Jackson R: John Updike on psoriasis: at war with my skin, from the journal of a leper. J Cutan Med Surg 2000 Apr; 4(2): 113-5). Der Zustand seiner Haut und der Zustand seines Selbstbewußtseins und Selbstbildes entwickeln sich in seinen autobiographischen Werken Hand in Hand. "From the Journal of a Leper" ist eine autobiographisch Kurzgeschichte, die ca. 1975 nach dem bis dahin schwersten Psoriasisschub fertiggestellt wurde. Jeden Morgen musste er sein Bett von den abgefallenen Hautschuppen per Staubsauger reinigen; er erlebte den Zerfall seiner Haut auch als Erniedrigung und Zerfall seiner ganzen Persönlichkeit. Grosse Erleichterung brachte ihm eine PUVA-Therapie in einer Hautklinik in Boston. "What was my creativity, my relentless need to produce, but a parody of my skin`s embarrassing overproduction? Was not my shamelessness on the page a distraction from my real shame?" Schriftsteller wurde er nach eigener Aussage, weil andere Berufe ihm aufgrund seiner Hautkrankheit verwehrt waren. Kunst wurde ihm "zur zweiten Haut". Die ungeheure Belastung, die eine chronische Hautkrankheit darstellt, wird von ihm literarisch erschütternd geschildert. Die moderne psychosomatische Forschung hat bestätigt: eine chronische Schuppenflechte stellt für den Kranken einen grösseren Stressfaktor dar, als ein Herzinfarkt oder eine Blutzuckerkrankheit. 

Gerhard Uhlenbruck: " Ein Chefarzt ist eine persona non gratis" 

"Kommt eine Frau zum Hautarzt..."
Kommt eine Frau zum Hautarzt und sagt: "Ihre Verjüngungscreme hat tatsächlich geholfen. Ich habe meine Pubertätspickel wieder bekommen..."  
 

"Geniale Asthmatiker"

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen mit der genetischen Anlage zu Asthma, Allergie und Atopie intelligenter sind als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die folgende Liste  zeigt eine kleine Auswahl von Menschen, die an Asthma oder Allergien leiden oder litten. Wenn das nicht allesamt Genies sind?! Antonia Vivaldi, Benjamin Disraeli, Che Guevara, John Locke, Joseph Pulitzer, Leonard Bernstein, Marcel Proust, John F. Kennedy, Ludwig van Beethoven, Alice Cooper, Liza Minelli, Elizabeth Taylor, Theodor Roosevelt, Woodrow Wilson, Charles Dickens, Drew Barrymore (Shrimps und Kaffee), Halle Berry (Shrimps), Billy Bob Thornton (Weizen, Fisch), Serena Williams (Erdnüsse), Hugh Grant (Pollen), Bernhard Langer (Gräser), Oliver Geisen (Pollen), Thomas Gottschalk (Katzen), Wolfgang Joop (Katzen), Jenny Elvers (Nüsse)... Die hohe Zahl von Asthmatikern unter Spitzensportlern hat  jedoch andere Gründe. Viele Asthmamedikamente wirken leistungssteigernd (Steroide, Epinephrin uvm). Vor der Verschärfung der Dopingregeln in den letzten Jahren war es leicht, sich entsprechende Medikamente wegen eines vermeintlichen Asthmas verordnen zu lassen, um damit die Dopingregeln zu umgehen. 
 

Anzahl der Männer, die Gänsehaut bei Frauen erotisch finden: 64%

"Perpetuum mobile - der Pilz, der von nichts lebt" 

Als Allergologe muss man sich mit den merkwürdigsten Krankheitsauslösern beschäftigen. Von den kleinen Bettmilben über exotische Früchte bis zu Pilzen in feuchten Kellern reicht das Spektrum unserer Widersacher. Pilze, die nicht nur in Hautfalten, im Darm oder an feuchten Wänden, sondern nahezu überall in unserer Umwelt vorkommen, sind bemerkenswerte Wesen. Einerseits sind Schimmelpilzallergien relativ seltene, dann aber sehr unangenehme Krankheiten. Andererseits haben diese Lebewesen einige überraschende Eigenschaften. Nicht nur, dass sie in der Lebesnmittelindustrie bei der Herstellung unserer Nahrung oder bei der Produktion von Medikamenten weit verbreitet sind. Der Stoffwechsel mancher ihrer Vertreter scheinen der idealen Maschine, dem Perpetuum mobile, bemerkenswert ähnlich.  Wohlbekannte Allergiepilze der Art Cephalosporium und Fusarium zählen zu diesen Kuriositäten.  Manchen dieser Pilze haben eine besondere effektive Art der Energiegewinnung entwickelt. Anders als Pflanzen, welche ihre Lebensenergie durch Photosynthese aus dem Licht der Sonne gewinnen, nutzen diese Schimmelpilze die sogeannte Knallgasreaktion zur Gewinnung ihrer Lebensenergie; diese Oxidation von Wasserstoff zu Wasser ist elementar und minimalistisch, aber vom energetischen Standpunkt effektiv und erfolgreich. Solche Pilze, die scheinbar „von nichts“ leben, gibt es noch andere. Zwar glaubt die heutige Wissenschaft im allgemeinen nicht mehr daran, dass Leben aus dem Nichts entstehen kann oder von „Nichts“ überleben kann. Trotzdem existieren weiterhin pilzartige Lebewesen, deren Lebenselexier bisher unerklärlich blieb. Manche „Trichoderma“ – Pilze wachsen zB in einer gänzlich kohlenstofffreien Umgebung. Sie nutzen dazu bisher unbekannte Energiequellen und Grundbausteine zur Synthese neues Zellmaterials.  Vielleicht fand die spontane Schöpfung von Leben aus toter Materie ja doch nicht nur in grauer Vorzeit statt?

"Die merkwürdigsten Tattoos der Welt" 

Die Kunst, mit einem guten Tattoo den Körper zu verschöneren, gelingt nicht immer. Wenn Sie Ihre minderjährigen Kinder davon abhalten wollen, sich ein Tattoo stechen zu lassen, zeigen Sie Ihnen bitte die folgenden Webseiten: www.oddee.com/item_96950.aspx 
www.oddee.com/item_96857.aspx 
Als Tattooliebhaber sollten Sie diese Seiten eher meiden. 
 

"Auf Pille nicht noch Salbe hoff

wer täglich dreizehn Halbe soff ! "   Eugen Roth

 

"Bill Clinton und die Rotfinne" 

Bill Clinton musste während seiner Präsidentschaft zahlreiche peinliche Interviews und Fernsehansprachen durchstehen, die sich um seine Beziehungen zu Frauen drehten. Jedem Zuschauer fiel dabei seine rote, leicht geschwollene Nase und seine rote Gesichtsfarbe auf. Dabei handelte es sich aber nicht um Schamesröte, sondern war Ausdruck seiner Rotfinne, oder Rosacea. Zahlreiche Mythen ranken sich um diese Hautkrankheit, die auch Kupferfinne, Keltenkrankheit oder Acne rosacea genannt wurde. Paul Gaugin, Ivan der Schreckliche, Princessin Diana oder Al Capone waren andere Prominente mit dem gleichen Problem. In einem Lehrbuch von 1937 empfiehlt Prof. Hofmann: "Bekämpfung der ursächlichen Momente durch Sorge für regelmässigen Stuhlgang..., enge Kragen und starkes Schnüren vermeiden..., kleine Insulinmengen und Einspritzungen von Olobintin werden empfohlen. Röntgenbestrahlung... ist als reinlichste Methode bewährt."  200 Jahre früher hatte Alibert schliesslich die "wohltuende Wirkung des haemorrhoidalen Blutflusses..." betont - des Hämorrhoidenstechens! 
 
Gesamtfläche der menschlichen Haut: ca. 1,9 m2

"Von Phuma und Leuchen" 

Hippokrates von Kos, berühmtester Arzt der griechischen Antike, lebte ca. 460-377 vor Christus. Die Sammlung seiner Schriften umfasst 72 Bände. Neben dem Hippokratischen Eid der Ärzte ist uns von ihm noch vieles anderes geblieben, zum Beispiel viele schöne Namen von Hautkrankheiten. 
alopekes wurde zu Alopezie 
anthrax blieb Anthrax 
ekthymata blieb Ekthymata 
elkos wurde zu Ulcus 
ephelides blieb Ephelides 
erpetes wurde zu Herpes 
erusipelas ist Erysipel 
exanthemata ist Exanthem 
kondylodei wurde Kondylom 
lepra blieb Lepra 
psore wurde Psoriasis 
leuchen wurde Lichen 
oidema ist Ödem 
pemphigodeis ist Pemphigus 
phuma wurde Rhino-phym 
"Was Arzneien nicht heilen, heilt das Messer; was das Messer nicht heilt, heilt (das) Brennen; was aber das Brennen nicht heilt, das muß als unheilbar angesehen werden." - Hippokrates, Aphorismoi 7,87, Schluß 
(Original Latein:"Quæ medicamenta non sanant, ferrum sanat, quæ ferrum non sanat, ignis sanat; quæ vero ignis non sanat, insanabilia reputari oportet." 
Hippokrates und seine Schüler wendeten sich von den damaligen magisch-religiösen, schamanischen medizinischen Vorstellungen ab und erklärten die Krankheiten naturphilosophisch, nämlich aus dem Ungleichgewicht von vier Körpersäften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle). Auf dieser Säftelehre waren zahllose Behandlungen begründet, zB die Anwendung von Aderlässen, Schröpfköpfen und Abführmitteln. Auch die Unterscheidung in Melancholiker (schwarze Galle dominiert), Choleriker (gelbe Galle dominiert), Sanguiniker (Blut dominiert) und Phlegmatiker (Schleim dominiert) geht darauf zurück. Hippokrates war auch überzeugt, dass zwischen Körperbau und Charakter ein Zusammenhang bestehe. Die Vorstellung von den Lebenssäften hielt sich in der wissenschaftlichen und Volksmedizin noch bis ins 19. Jahrhundert; manche Laien glauben selbst heute noch daran, dass bei mancher Krankheit "Säfte" herausgelassen werden müssen, weshalb zB eine äusserliche Behandlung einer offenen Wunde oder einer Neurodermitis schädlich sei... "...Ich werde ärztliche Verordnungen nur treffen zum Nutzen der Kranken nach meiner Fähigkeit und meinem Urteil, hüten aber werde ich mich davor, sie zum Schaden und in unrechter Weise anzuwenden...", so steht es im Eid des Hippokrates. 

"Der wahre Arzt beugt sich ehrfurchtsvoll vor der Gottheit"  Hippokrates 

"Jesus und das Gürteltier" 

Jahrhundertelang waren die „Aussätzigenhäuser“ gefürchtete, verfemte Orte vor den Toren der grossen Städte. Heute verschwindet das Wort „Aussätziger“ langsam aus dem allgemeinen Sprachgebrauch (ersetzt vielleicht vom Begriff "Opfer"); noch vor wenigen Jahrzehnten war es eines der schlimmsten sozialen Stigmata, als „Aussätziger“ behandelt zu werden. Lepra galt als Strafe Gottes. Jeder  fürchtete den Umgang mit Aussätzigen, der Kontakt mit ihnen war lange sogar gesetzlich verboten. In der Bibel wird der Umgang von Jesus mit einem Aussätzigen als Gleichnis für besondere Güte und Menschenliebe geschildert. Mathäus 8,1: „ und siehe, ein Aussätziger kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, so du willst, kannst du mich wohl reinigen. Und Jesus streckte seine Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will`s tun; sei gereinigt! Und alsbald ward er von seinem Aussatz rein“.   Der Evangelist Markus berichtet, dass Jesus den geheilten Aussätzigen mit Drohungen zum Schweigen über die Heilung verdonnert hatte; „er aber, da er hinauskam, hob er an und sagte viel davon und machte die Geschichte kund, so dass Jesus hinfort nicht mehr konnte öffentlich in eine Stadt gehen; sondern er war draussen an einsamen Orten, und sie kamen zu ihm von allen Enden“ (Markus 2, 45).  Welche Kranken strömten da in Massen nach diesem ungewollten PR-Erfolg zu Jesus? Die Wissenschaft streitet darüber, ob es sich bei der geheilten Krankheit um Lepra oder Schuppenflechte gehandelt habe. Ein gewichtiges Argument spricht gegen Schuppenflechte: noch heute strömen die Psoriasiskranken ans Tote Meer und werden dort auch ohne göttliche Einwirkung nur von Wasser, Sonne und Luft geheilt. Ich vermute, dass das Klima des Heiligen Landes auch vor 2000 Jahren die Schuppenflechte heilen konnte - und sich daher eher die unheilbaren Leprakranken Beistand von Jesus erhofften. Wie müssen wir uns einen Aussätzigen vorstellen? In Lehrbüchern des 15. Jahrhunderts werden Lepra, Pest, Windpocken und Masern noch durcheinandergewürfelt. Holbein der Ältere (1465-1524) stellt in seinem Bild „Der Aussätzige“ wahrscheinlich keinen Leprösen, sondern einen Kranken mit Impetigo (andere bakterielle Hautinfektion) dar. Der norwegische Arzt G.A. Hansen (1841-1912) entdeckte im 19.Jahrhundert, dass die Lepra eine bakterielle Infektion ist – zu seiner Ehre wird die Krankheit seitdem auch Morbus Hansen genannt. Beim Kontakt mit einem Kranken hat sich der Aussätzige infiziert. Leider liebt dieses sog. Mycobakterium leprae als  Heimstatt warmes Nervengewebe. Erst Jahre nach der Infektion bemerkt der Kranke das Zerstörungswerk der Bakterien: Nervenschäden, entstellende Knoten an Haut und Organen, im Gesicht, an den Ohren, Klauenhände, Blindheit oder auch helle Hautflecken wie bei der Weissfleckenkrankheit / Vitiligo sind die Folge. Der Körper versucht die Ausbreitung der Bakterien durch Knotenbildung (Granulome) einzugrenzen. Diffuse Schwellungen im Gesicht können zum „Löwengesicht“ führen. Besonders fatal sind Störungen des Schmerz- und Temperaturempfindens. Bei der Arbeit, beim Schlaf am offenen Feuer oder beim Kochen verletzten sich die Betroffenen häufig unbemerkt; die schlecht heilenden Wunden enden in Verstümmelungen von Füssen oder Händen, weshalb der Aussätzige oft schwer verkrüppelt war. Noch heute ist der Nachweis der Leprabakterien nicht einfach. Wichtig ist dabei noch immer ein merkwürdiger Tierversuch. Die Vermehrung des Mycobacterium leprae außerhalb des menschlichen Körpers gelang bisher nur im " Mausfußsohlen-Modell" und im neunbändigen Gürteltier - "Armadillo". Die Züchtung der Bakterien auf künstlichem Nährboden ist noch nicht gelungen, was die Forschung nicht wirklich erleichtert. Gürteltiere können als einzige Tierart auch an Lepra erkranken, und eigenen sich daher besonders gut zur Erforschung der Krankheit (übrigens: Gürteltiere sind keine gefährdete Tierart und in ihren Heimatländern eine beliebte Delikatesse). So schließt sich beim Morbus Hansen der Kreis von Jesus zum Gürteltier.    
 

"Man sollte niemals zu einem Arzt gehen, ohne zu wissen, was dessen Lieblingsdiagnose ist" (Henry Fielding, 1707-1754)

"Da niest der Wüstensohn" 

Der Film "Das weinende Kamel" spielt in der Wüste Gobi, und das Kamel hat persönliche Gründe zu weinen. Die Bewohner der arabischen Wüste weinen dagegen immer mehr an allergischen Ursachen. Eine Studie in den Vereinigten Arabischen Emiraten hat entdeckt, dass inzwischen ca. 30% der Erwachsenen dort unter Heuschnupfen leiden. Wie kann man in der Wüste eine Pollenallergie entwickeln? Die Zunahme der Allergien ist auf die massiven Umweltveränderungen in den Emiraten in kürzester Zeit zurückzuführen. Künstlich bewässerte Grünanlagen sprießen aus dem Boden - allein in Abu Dhabi sind 12 neue Parks geplant. Tausende neuer Pflanzenarten wurden in den Jahren des Wirtschaftsbooms neu eingeführt - und jede Grasfläche, jedes Blumenbeet und jeder Strassenbaum sondert allergieauslösende Pollen ab. Smog und Staub machen diese Pollen besonders "aggressiv". Leider ist die genetische Allergieanlage bei Arabern weit verbreitet, sodass immer mehr Wüstensöhne tränend und niesend dem Fortschritt Tribut zollen müssen.   

"Alt, älter, uralt - das macht glücklich" 

Alter macht glücklich. Berliner Max-Planck Wissenschaftler haben festgestellt, dass die Zufriedenheit der meisten Menschen mit dem Alter steigt. Nach dem 60. Lebensjahr lässt man anscheinend weniger negative Gefühle an sich heran. Jugendliche dagegen neigen dazu, schlechte Gefühle zu kultivieren, zu konservieren und zu verstärken. Man müsste also schlussfolgern, dass es auf der japanischen Insel Okinawa besonders viele zufriedene Menschen gibt - es ist die Region mit der weltweit höchsten Lebenserwartung. Noch zufriedener war eine 400 Jahre alte Islandmuschel, die vor Wales aus dem Meer gefischt wurde. Sie verlebte ihre Muscheljugend zur Zeit Shakespares. Da sie keine Geburtsurkunde dabei hatte, wurde ihr Alter nach der Anzahl der Wachstumsringe ihre Muschelschale bestimmt (leider starb sie bei der Procedur). Noch zufriedener als diese Muschel war nur der antarktische Schwamm Scolymastra joubini: dieses wohl älteste Tier der Welt soll ca. 15000 Jahre alt sein. Und am allerzufriedensten ist eine Gruppe von Zitterpappeln in Utah: durch Eigenklonung haben die Bäume ein Alter von ca. 80000 Jahren erreicht. Besonder unglücklich ist dagegen die Qualle Turritopsis nutricula. Wenn man sie auf Diät setzt, stellt sie ihre innere Uhr auf Jugend, verwandelt sich zurück in ihr Polypenstadium und beginnt einfach erneut mit dem Älterwerden... 
 

Preis der teuersten Hautcreme weltweit (Cle de peau beatue, Japan): 10376 Euro für 50 g

"Mann, das tut weh, Mann" 

Immer wieder kommen Menschen in unsere Praxis, die von höllisch schmerzhaften Insektenstichen erzählen. Da der Übeltäter nicht selten unerkannt entkommt, bleibt immer die Frage: Wer oder Was war es? Kann uns der Stichschmerz einen Hinweis auf den Verursacher liefern? Wahre Männer fürchten keinen Schmerz, dachte sich der amerikanische Insektenforscher Justin Orvel Schmidt, und erfand den "Schmidt Sting Pain Index" (=Schmidt Stichschmerz Index). Er suchte und fand 150 verschiedene, schmerzhaft stechende Insektenarten weltweit - und ließ sich mehrfach von jeder stechen. Den Schmerz ordnete und beschrieb er folgendermaßen: 
Stufe 1.0: Leicht, flüchtig, fast fruchtig. Als ob ein winziger Funke ein einziges Haar auf dem Arm ansengt. Beispiel: Blutbienen 
Stufe 1.2: Scharf, plötzlich, etwas beunruhigend. Als ob man über einen Flokatiteppisch läuft und einen elektrischen Schlag bekommt. Beispiel: Feuerameisen 
Stufe 1.8: Ein stechender, irgendwie hoher Schmerz. Als ob jemand eine Heftklammer in deine Wange schießt. Beispiel: Knotenameisen 
Stufe 2.0: Reichhaltig, herzhaft und heiss. Als ob jemand eine Zigarette auf deiner Zunge auslöscht. Beispiel: Kurzkopfwespen 
Stufe 2.x: Wie ein Streichholz, das auf deiner Haut entzündet wird und darauf abbrennt. Beispiel: Honigbiene, Hornisse 
Stufe 3.0: Ätzend, brennend, unerbittlich. Als ob jemand einen Bohrer benutzt, um einen eingewachsenen Zehennagel freizulegen oder man einen Becher mit Salzsäure über eine Schnittwunde schüttet. Beispiel: Ernteameisen, Feldwespen 
Stufe 4.0: Heftig, blendend, furchtbar elektrisch. Als ob jemand einen laufenden Haartrockner in dein Schaumbad fallen lässt. Beispiel: Tarantulafalke 
Stufe 4.x: Reiner, intensiver, strahlender Schmerz. Als ob man über glühende Kohlen läuft und dabei einen sieben Zentimeter langen, rostigen Nagel in der Ferse stecken hat. Beispiel: 24-h-Ameise  
 

"Die Wärmflaschenkrankheit" 

Heute kaum noch vorstellbar - Zentralheizungen gibt es bei uns weitverbreitet erst seit den 70iger Jahren des 20.Jahrhunderts. Bis dahin schützten sich die Menschen vor Kälte meist durch offenes Feuer, an Öfen, mit Wärmflaschen oder sonstigen Wärmequellen. Das war nicht nur gemütlich, sondern manchmal auch gefährlich. Damals sah der Hautarzt öfters eine Hautkrankheit names "Erythema ab igne": ein Hautschaden durch zuviel Wärme. Die Banalität ihrer Entstehung korreliert umgekehrt proportional den vielen Synonyma, die es dafür gibt: Buschke-Hitzemelanose, Erythema e calore, retikuläre Pigmentdermatose, Erythematöse pigmentierte Dermatitis, Dermite erythemato-pigmentee a calore, vulgo: Wärmflaschenkrankheit. Gleichartige Hautbeschwerden kann man auch bei Arbeitern am Hochofen oder bei Glasbläsern beobachten, die chronisch starker Hitze ausgesetzt sind. Heute sehen wir Hautärzte die Krankheit meist dann, wenn ein chronischer Juckreiz zB im Analbereich oder ein chronischer Rückenschmerz durch intensiven Einsatz von Infrarotstrahlern, Wärmflaschen oder Wärmedecken gelindert werden soll. Übertrieben intensive Fango-Anwendung können ebenfalls dazu führen... Silberschmiede und Juweliere litten im 19. Jahrhundert oft an Gesicht und Armen daran; Pariser Strassenverkäuferinnen stellten sich Kohleöfen zwischen die Füsse und entwickelten die Hitzemelanose zwischen den Beinen; und tibetanische Mönche kennen die braunroten Verfärbungen am Bauch und den Oberschenkeln, da sie sich im Winter oft kleine Öfchen in den Schoss stellen. Soweit, so harmlos - wenn man es allerdings übertreibt, kann daraus - selten - Krebs entstehen. In Nordchina kennt man den sog. Kang-Cancer, der durch chronische Hitzeschäden beim Schlafen auf vorgeheizten Ziegeln entsteht, in Kashmir ist weisser Hautkrebs durch das Tragen von Säckchen mit heisser Kohle auf dem Kopf beschrieben worden (Kangri-cancer), und Japan kennt den Begriff des Kairo-cancer, der durch das Tragen von heissen metallischen Reisbehältern hervorgerufen wird. Also: lieber Vorsicht mit der Wärmflasche!  
 
"Generäle und Ärzte betreten den Himmel durch den Lieferanteneingang" (Tristan Bernard, 1866-1948)

"Wer hat`s erfunden`? Wie Hautärzte die moderne Fettabsaugung revolutionierten..." 

Die heute üblichen, modernen Formen der Fettabsaugung wurden erst mit der Entwicklung einer besonderen Form der Betäubung möglich: der sog. Tumeszenz-Lokalanästhesie. Bis ca. 1990 war es üblich, dass Schönheitschirurgen die Fettabsaugung in Vollnarkose durchführten. Dabei blutete es sehr stark, fast immer waren Bluttransfusionen notwendig, dass Thromboserisiko war hoch, und Todesfälle nicht selten. 1987 entdeckte der amerikanische Chirurg und Dermatologe J. Klein eine besondere Form der örtlichen Betäubung wieder, die bereits 1892 von einem Berliner Chirurgen (C. Schleich) beschrieben worden, dann aber vergessen worden war. Dabei werden sehr grosse Mengen einer Medikamenten- und Kochsalzlösung in das abzusaugende Fett gespritzt. Eine Vollnarkose ist unnötig, es blutet kaum noch, die Komplikationen der Fettabsaugung sanken drastisch. Es dauerte allerdings ca. 15 Jahre, bis sich die plastischen Chirurgen von den vielen Vorteilen der Methode überzeugen liessen. Seit ca. 1998 wurde die Methode in Deutschland in der Darmstädter Hautklinik (Dr. Sattler, Hagedorn ua) eingeführt und in zahlreichen Kongressen und Fortbildungsveranstaltungen zuerst den Hautärzten, dann auch plastischen Chirurgen vermittelt. Auch weitere Verbesserungen, wie z.B. die subkutane Infusionsanästhesie, wurden von Dermatologen entwickelt (zB H. Breuninger, Tübingen).  So wurde die moderen Fettabsaugung von Hautärzten (mit-) erfunden. Da ist man als Hautarzt umso mehr verblüfft,  dass manche Fachgesellschaft der Plastischen Chirurgen die Anwendung der Fettabsaugung für ihr Fach reservieren und monopolisieren wollen - nachdem sie die Entwicklung zu minimal traumatisierenden, modernen Absaugetechniken jahrelang verschlafen hatten. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt... 

"Besser als ein guter Wille

wirkt manchmal eine gute Pille "  Wilhelm Busch

Ins Fettnäpfchen getreten...

Viele Journalisten "treten ins Fettnäpfchen", wenn sie den Werbekampagnen der Plastischen Chirurgen aufsitzen und nachplappern, nur diese könnten Schönheitschirurgie. Die Redensart "ins Fettnäpchen treten" stammt aus dem Erzgebirge. Dort stand in Bauernhäusern zwischen Tür und Ofen ein Fettnäpfchen, damit man nach der Rückkehr nach Hause sogleich seine wertvollen Lederstiefel einfetten konnte. Stiess man den Napf versehenlich um oder trat sogar hinein, hatte man es verständlicherweise mit der Hausfrau verdorben. 
 

"Schimmelpilzallergie und industrielle Revolution ..." 

Als Allergologie werden wir immer wieder mit Fragen nach unerklärlichen Nahrungsmittelunverträglichkeiten konfrontiert. Allgemein bekannt ist inzwischen, dass die meisten Milchunverträglichkeiten in unseren Breiten keine Milchallergien sind, sondern auf einem Enzymmangel beruhen: zuwenig Lactase führt zu Laktoseunverträglichkeit mit Durchfall und Blähbauch. Wenig erforscht und sehr schwerer feststellbar sind andere Arten von Nahrungsunverträglichkeiten, die mit der modernen Lebensmittelherstellung zusammenhängen. Bei der industriellen Nahrungsproduktion werden den Grundstoffen absichtlich oder unabsichtlich zahlreiche Zusatzstoffe zugefügt. Dabei liegt das Problem nicht nur bei den mittels E-Nummern deklarierten Nahrungsmittelzusatzstoffen. Antibiotika, Vitamine, Enzyme, Aminosäuren u.a. werden heute in grossindustriellen Maßstab von Hefen, Schimmelpilzen und Bakterien hergestellt und in Medikamenten und Nahrungsmitteln verwendet. Ohne solche mikrobiellen Stoffwechselprodukte ist unsere Ernährung undenkbar. Beispiel Fruchtsäfte: bei der Gewinnung und Klärung von Orangensaft und anderen Fruchtsäften wird die Ausbeute erhöht, indem das Fruchtfleisch mit Enzymen aufgeschlossen wird. Diese enzymatische Verflüssigung ist sehr schonend, die Saftausbeute ist höher als beim mechanischen "Auspressen" - allerdings werden den Früchten dabei bis zu 1 Dutzend Fremdstoffe zugesetzt, die grossenteils aus Schimmelpilzkulturen stammen. Solche Enzyme mit der grössten wirtschaftlichen Bedeutung sind Proteasen (eiweissabbauend), Amylasen (stärkeabbauend), Pektinasen (pektinabbauend), und Glucoseisomerasen (wandeln Glucose in Fructose um). Produziert werden sie v.a. von Bacillus subtilis (Bakterien), Aspergillus oryzae, Aspergillus niger (Schimmelpilze) und Saccharomyces cerevisae - Stämmen (Hefepilze). Zwar sind diese Substanzen völlig ungiftig. Für einen hochallergischen Schimmelpilzallergiker können jedoch Reste davon, die nicht vollständig abgefiltert wurden, unerklärliche Probleme bereiten. Fructose-Sirup, oft als "gesunder" Fruchtzucker dem normalen Zucker vorgezogen, wird enzymatisch aus Stärke gewonnen und ist in Getränken, Süss- und Backwaren, Speiseeis und Fruchtzubereitungen sehr weit verbreitet. Noch gefährlicher sind zB unerwartete Erdnussreste aus der Produktion, die in den USA häufig zu tödlichen Allergieschocks führen (daher der Aufdruck auf vielen Packungen: "dieses Produkt kann Spuren von Erdnüssen enthalten").  Es bedarf eines erheblichen detektivischen Aufwandes, um solche Zusammenhänge im Einzelfall zu klären. Meist sind nur spezialisierte Allergieabteilungen von Uni-Kliniken zu dieser Diagnostik in der Lage.   
 

"Ein Drittel dessen, was ein Mensch isst, genügt zum Leben. Von den übrigen zwei Dritteln leben dann die Ärzte" (Antoine de Lamballe, 1799-1867)

"Die grosse Qual des grossen Herrn Karl" 

Seit Sommer 1849 befindet sich der 31 jährige Karl Marx, Doktor der Philosophie aus Trier, und staatenlos,  im Londoner Exil. Aus Preussen und Paris vertrieben, verweigert ihm auch England aus Solidarität mit dem preussischen Königshaus die Einbürgerung. Die Familie ist arm, Marx übt sich in Sarkasmus und Stoizismus. Eine schmerzhafte „Hämorrhoidalkrankheit“ fesselt ihn 1851 ans Bett. „Du wirst aus meinen Briefen ersehn haben, dass ich die Scheisse, wie gewöhnlich, wenn ich selbst darin stecke und nicht nur von weitem davon höre, mit grosser Indifferenz durchwate. Indes que faire?“ schreibt er 1852 an seinen Freund Friedrich (Engels). Ab 1863 quälen ihn zunehmend Furunkel und Karbunkel. Sie sind so schmerzhaft, dass er kaum gehen, sitzen oder liegen kann. Nur der ausgiebige Genuss von Wein, Bier und rauen Mengen Tabak lässt ihn den Schmerz ein wenig vergessen. Um die Jahreswende 1863/64 zeugt er mit einem Dienstmädchen seinen unehelichen Sohn Frederick. Das unglückliche Kind hat er Zeit seines Lebens nie anerkannt. Ein schweizer Professor Künzli glaubt, in einer umfangreichen Studie einen Zusammenhang zwischen Marxens Fehltritt und seinen Karbunkeln nachweisen zu können – das Eitern des Körpers als äussere Manifestation des Ekels vor sich selbst. Englische Dermatologen allerdings sehen andere Zusammenhänge: Marx litt wahrscheinlich an einer „Hidradenitis suppurativa“. Diese Hautkrankheit geht mit zahlreichen, massiven, sehr schmerzhaften Furunkeln und Abszessen auch im Anal- und Genitalbereich einher. Noch heute ist die Krankheit eine Qual für die Betroffenen, die sich häufigen Operationen unterziehen müssen. Im 19. Jahrhundert war die Krankheit – ohne Antibiotika, Anästhetika oder moderne Chirurgie – praktisch kaum behandelbar.  Hatte die Krankheit einen Einfluss auf das Marxistische Lebenswerk, und was war ihre Ursache?  „Zusätzlich zur Verminderung seiner Fähigkeit zu arbeiten, die zu seiner deprimierenden Armut beitrug…hat die Hidradenitis auch seine Selbstachtung vermindert“, meint der englische Dermatologe Shuster.  Hidradenitis suppurativa hat im allgemeinen tiefgreifende psychologische Auswirkungen; die Kranken fühlen sich sehr unwohl und leiden oft unter „psychischer Entfremdung“, meint der Kollege aus London. Er fragt weiter: Entsprang also das marxistische Konzept der „Entfremdung“ dem schmerzhaften Hinterteil seines Erfinders? Zu wild spekuliert? Immerhin fiel schon Friedrich Engels nach der Lektüre von „Das Kapital“ auf : „Bogen 2 namentlich trägt ein etwas gedrücktes Karbunkelgepräge“. Marx selbst hielt seine Furunkel für eine „wahrhaft proletarische Krankheit“ und wünschte, dass „die Bourgeoisie ihr ganzes Leben lang an meine Karbunkeln denken wird“.  Die chronischen Hautprobleme haben wohl auch die schwierigen Charakterzüge des Rheinland-Pfälzers eher verschlimmert. „Niemals habe ich einen Menschen gesehen von so verletzender, unerträglicher Arroganz des Auftretens“, schrieb Zeitgenosse Carl Schurz. Und was war die (wesentliche Mit-) Ursache der Krankheit? Marburger Hautärzte konnten Rauchen (neben der Genetik) als eine wesentliche Ursache der Hidradenitis identifizieren. Marx war seit seiner Studentenzeit ein extremer, süchtiger Raucher. „Die Hautstörung des Gründervaters der kommunistischen Doktrin kann als lehrreiches Beispiel für die ernsthaften Folgen des Rauchens dienen“, schlussfolgern Happle und König. Umso erstaunlicher, mit welch zähem Arbeitsfuror er trotzdem in der Bibliothek des Britischen Museums über viele Jahre sein wissenschaftliches Werk erstellt. Oft bis 4 Uhr morgens arbeitet er sich durch Bücherberge über Ökonomie, Technologie, Finanzpolitik, Geschichte, um „wenigstens eine Art Anschauung vom Gelddreck“ zu haben, wie er es nennt.  Es ist die Phantasie, die ihm die Kraft und Ausdauer gab, gegen alle Gespenster und Geister der Warenwelt, alle Schwären und Schmerzen, reale Gegner und menschliche Grillen anzukämpfen und ein – nach Meinung der halben Menschheit – übermenschliches Werk zu schaffen.

'"Drei Dinge braucht ein Arzt, um erfolgreich zu sein: einen spitzen Hut für die Autorität, einen dicken Bauch für die Würde - und Hämorrhoiden für den besorgten Gesichtsausdruck" (Autor: unbekannt)

"Pontius Pilatus war kein Ferkel" 

Jedes Jahr sterben tausende Menschen, weil sie selbst oder andere nicht die Hände gewaschen haben. Hände sind der häufigste Übertragungsweg von Infektionen im Alltag und im Krankenhaus. Erkältungsviren werden leichter über Hände als über das Küssen übertragen – der häufigste Ansteckungsweg einer Grippe ist nachweislich: Nasebohren - Händeschütteln. Wer seine Mitmenschen auf öffentlichen Toiletten in Deutschland beobachtet, wird die leider grosse Zahl von „natursterilen“ Deutschen unschwer erkennen, die sich überhaupt nicht die Hände waschen.  Nicht nur deshalb ist es in Deutschland gesetzliche Vorschrift, dass in Krankenhäusern und Arztpraxen Desinfektionsmittelspender auf den Toiletten und vor den Türen der Krankenzimmer hängen. So fällt es dem Personal leichter, sich ständig die Hände zu desinfizieren. In Nordengland waschen sich die Menschen die Hände übrigens seltener als im Süden: dort hatten bei einer Untersuchung 53 % der Berufspendler Darmkeime an den Fingern, in London dagegen nur 6 %. Händewaschen hat aber nicht nur somato-hygienische, sondern auch psycho-hygienische Aspekte. Als Pontius Pilatus sich nach dem Urteilsspruch über Jesus die Hände wusch, vollzog er ein Ritual, das tief in der menschlichen Kultur verankert ist. Wer unmoralisch handelt, verspürt mit hoher Wahrscheinlichkeit das Bedürfnis, sich zu waschen. Die Händewaschung reinigt anscheinend auch die Sünden der Seele. Wer sich nach einer schwierigen Entscheidung gründlich die Hände wäscht, kann laut Versuchen amerikanischer Psychologen besser mit den Konsequenzen seiner Entscheidung leben. Andererseits ist übertrieben häufiges Händewaschen eine sehr häufige Zwangsstörung; die betroffenen Menschen können nicht umhin, sich ständig die Hände zu waschen und sind damit oft nahezu lebensunfähig. Sie stellen sich oft in der Hautarztpraxis vor, weil sie unter chronischen Handekzemen leiden. Nur eine ausgefeilte Psychotherapie kann ihr krankhaftes Sauberkeitsbedürfnis auf Normalmaß vermindern. Dabei ist doch auch normales Händewaschen ein wirklicher Sport: die 27 Knochen einer Hand werden von 33 Muskeln bewegt. Jeder Finger des Menschen wird im Lauf des Lebens ca. 25 Millionen mal gebeugt. Das trainiert! Menschen mit Waschzwang müssen übrigens häufig " von Pontius zu Pilatus laufen" (= erfolglos von einem zum anderen laufen), bis ihnen geholfen wird. Diese Redensart ist seit 1704 literarisch belegt und existiert in Deutschland, Frankreich und Holland. Laut Bibel wurde Jesus vor seiner Verurteilung von Pilatus zu Herodes geschickt und wieder zurück - weshalb man in Dänemark auch sagt: "einen von Herodes zu Pilatus schicken". 

"Medikamente verschlimmern die Krankheit, vor allem wenn sie nicht eingenommen werden" Gerhard Kocher, schweizer Gesundheitsökonom

"Das Schwerste von allem..." 

„Was ist das Schwerste von allem? Was dir das Leichteste dünket: mit den Augen zu sehen, was vor den Augen dir lieget“ Goethe, Xenien, aus dem Nachlass. Hautkrankheiten erkennt man mit bloßem Auge, man benötigt als Arzt kaum besondere Techniken oder Kunstgriffe, um sie zu diagnostizieren und zu untersuchen.  So kommt es, dass schon sehr alte dermatologische Lehrbücher sehr genaue Beschreibungen von Hautkrankheiten enthalten, die wir heute kaum besser diagnostizieren können. Zu ihrer diagnostischen Unterscheidung benötigt man besonderer beobachtende und beschreibende Spitzfindigkeit - oder aber, und immer öfter, High-tech-Methoden. Während wir davon ausgehen, dass jedes innere Organ von vielleicht einem Dutzend schwerer, selbstständiger Krankheiten befallen sein kann, kennen wir heute mehr als tausend Hautkrankheiten. Sie sind leicht zu verwechseln, da die Haut immer auf ähnliche Art reagiert. Als „eigentlichen Begründer“ der Dermatologie wird oft der Engländer Willan genannt; er erfand um 1800 eine eingängige, bis heute grob gültige Klassifikation der Dermatosen, die einige wenige Grundformen der Hautreaktionen beschrieb: Papeln, Schuppen, Ausschlag, Blasen, Pusteln, Bläschen, Tuberkel und Flecken. Die penible Beschreibung und Klassifizierung dieser sichtbaren Hautveränderungen war und ist die klassische „Effloreszenzenlehre“, die lange der fast einzige Weg zur Diagnose bei Hautproblemen war. Die Dermatologie ist bis heute eine der medizinischen Disziplinen, bei der die moderne „evidenzbasierte“ Medizin an ihre Grenzen stößt, denn für die Mehrzahl der meist seltenen Hautkrankheiten gibt es kaum wissenschaftliche Diagnose- noch evidenzbasierte Therapieverfahren. Einzelfallschilderungen, kleine Fallserien statt doppelblinder Kontrollstudien, die bewährte Therapietradition und eigene Beobachtungen der Autoren haben auch in berühmten Lehrbüchern ihren festen Platz behalten. So behält die ärztliche Erfahrung hier vorerst ihren hohen Stellenwert.

"Hahnenkämme, Rinderhufe und Schweinehaut: schööön!" 

Zwischen Vegetariern und Fleischessern tobt seit langem der Kampf um die moralische Bewertung des Fleischkonsums. Wenige wissen, dass uns unserer tierischen Brüder nicht nur in Form von Schuhleder, Fischstäbchen und Frikadellen tagtäglich dienen. Zur Verwertungskette einer Schweineleiche zählen Gelatine für Kaugummi und Tiramisu, Knochenleim für Schaumbeton und Kanonenkugel-Bestandteile... Tieranteile werden verwendet bei der Herstellung von Brot, Bier, Seife, Gussformen, Puzzleteilen, Tierfutter, Wein, Bodylotions, Fruchtsäften, Marshmellows, Farben, Bremsscheiben, Paintballs, Papier ( für weitere ca. 180 Produkte aus dem Schwein empfehle ich das Buch: Ch. Meindertsma: Pig 05049). Was hat diese Schweinerei mit der Dermatologie zu tun? Auch in der (Schönheits)-Chirurgie und Kosmetik arbeiten Industrie und Ärzte mit "Bio"-Produkten. Dass viele Herzklappen aus dem Herzen eines Schweines hergestellt, Diabetiker mit Schweine-Insulin behandelt und Heparin als Blutgerinnungsmittel aus Schweineblut gewonnen wurden und werden, mag mancher noch wissen. Dass bis vor wenigen Jahren Fäden zum Verschluss von Wunden aus Katzendarm ("Catgut") produziert wurden, mag manchen wundern - genauso wie die populäre Antibabypille, die aus Stutenurin gewonnen wird. Bis in die 70 iger Jahre liessen sich alternde Promies (inclusiv eines Pabstes) in Schweizer Privatkliniken frische Zellen ungeborener oder neugeborener Schafe einspritzen - Frischzellenkur als Jungbrunnen. Aber dass Tiere uns verschönern? Viele Schönheitscremes enthalten Wollwachs - gewonnen aus dem Fett der Schafwolle. Walfett war früher die Grundlage vieler Hautcremes, und Fett, Gelatine und Kollagen vom Tier sind noch heute in vielen Anti-Aging-Cremes enthalten; zum Kummer von streng religiösen Mohammedanern, die darauf verzichten müssen.  Manche Spritzen zur Faltenbehandlung enthalten Kollagen - gewonnen aus Rinder- oder Schweinehaut. Und die besonders gut verträgliche Hyaluronsäure zur Faltenglättung wird aus den wunderschönen, rotorangen Kämmen von Hähnen, oder aus Bakterienkulturen, hergestellt. All diese Produkte sind umfangreich getestet, gut verträglich und sicher in der Anwendung, und wer möchte auf sie verzichten? Vielleicht ein kleiner Trost: nicht nur Tiere werden verwurstet. Wussten Sie, dass bis zum Jahr 2000 ihre Sonntagsbrötchen mit asiatischem Menschenhaar gewürzt waren? Die Backmittelhersteller verwendeten einen Zusatzstoff namens Cystein, der aus dem Haar von Asiaten gewonnen wurde. Erst 2000 verbot die EU dessen Einsatz in Lebensmitteln... In manchen Mineralstoffpillen ist Cystein noch immer enthalten. 
 

Wer sich für den Weg vom Schweim zum Gummibärchen interessiert, bitte dieses Video studieren:

www.bento.de/essen/gelatine-in-suessigkeiten-so-wird-sie-hergestellt-833078/

 

Düsseldorfer Perlen der Ästhetik 

aus: Süddeutsche Zeitung 17.7.10, Medizin und Wahnsinn Folge 136 von Werner Bartens, leicht gekürzt von mir 
"Düsseldorf ist eine komische Stadt... Was Düsseldorf, die verkannte Perle am Rhein, bisher offenbar nicht hatte, ist eine "Pearl of Aestetic" und eine "Clinic of Medical Experts". Das klingt saublöd, doch diese beiden auch von der Namensgebung innovativen Bereiche befinden sich in einer neuen "Privatklinik im Hause Breidenbacher Hof", an der Kö. Dort gibt es der Eigenwerbung zufolge "das Besondere für Privatpatienten aus aller Welt: die direkte Verbindung zum Hotel Breidenbacher Hof". In unserem Lieblingsbuch über Vorlieben deutscher Chefärzte haben einige Mediziner verraten, dass sie lieber Hotelier als Arzt geworden wären. In der neuen Privatklinik können sie ihrem Traumberuf nachgehen... Vemutlich bietet das Haus der Klinikverpflegung nachempfundene Spezialitäten, etwa eine "Symphonie von Schmelzkäseecken an einer Tricolore von Graubrot"... Die Klinik bietet im medizinischen Bereich Kernkompetenzen für eine typische Düsseldorfer Klientel. Ein Arzt stellt sich als Experte für Tränenwegschirurgie dar. Unklar bleibt allerdings, ob er die Tränenwege beschneidet oder eine - sehr rheinisch ausgesprochene - Schirurgie betreibt, damit die Tränen weg bleiben. Unbedingt erwähnt werden muss auch der Arzt für Koloproktologie, der zusätzlich Vorsitzender im "Deutschen, Europäischen und Weltweiten Hernienbeirat" ist... In der Medizinsatire "House of God" haben die Assistenzärzte früh erkannt, dass sich in dieser Fachdisziplin besonders viel Geld verdienen lässt. Einer von ihnen will nach seiner Ausbildung eine Koloproktologie-Praxis in Hollywood eröffnen. Sein Motto: Durch den Enddarm zu den Sternen. Ähnlich interessant wie diese Karriereplanung klingt der Berufsweg des Düsseldorfer Arztes, der bei einem Herzspezialisten gelernt und sich jetzt auf Haarchirurgie konzentriert hat. Unseren Recherchen zufolge hat das Herz zwar keine Haare, aber der Mann wird hoffentlich wissen, was er tut... Man möchte den Düsseldorfer Perlen der Ästhetik und besonders ihren Patienten wünschen, dass ihre operativen Umverteilungen an Haaren, Tränenwegen und Enddarm einzig medizinischen Zwecken dienen. Ergänzen könnte das Team auf jeden Fall ein Wissenschaftler, der ein originelles Forschungsgebiet bearbeitet. "Neuer Professor erkennt Krankheiten, bevor sie ausbrechen", wirbt die Universität des Saarlandes mit dem Mann. Das hat uns gerade noch gefehlt. Vielleicht ist er gar Vorsitzender im weltweiten Beirat der "Erkenner neuer, noch nicht bekannter Krankheiten, die keiner braucht" und würde deshalb wundervoll nach Düsseldorf passen." 

"Benannt ist gebannt: Dermatologie und die Magie der Nomenklatur" 

 In vorwissenschaftlichen Zeiten bestand die grösste Kunst des Arztes in der genauen Beobachtung und Untersuchung der Beschwerden ("Symptome") des Kranken, deren Beschreibung - und aus scharfsinnigen Schlussfolgerungen aus dem Gesehenen und des vom Kranken Geschilderten. Neu Entdecktes wurde - zu Ruhm und Ehre des Forschers - flugs nach dem Namen des Erstbeschreibers benannt. Vielleicht spiegelte sich darin noch das uralte metaphysische Prinzip, dass jedwedes Phänomen verstanden und gebannt war und man Macht über es hatte, sobald man es beim Namen nennen konnte (weshalb Gott im alten Testament keinen Namen hat).  Unvermeidlich kamen so viele Doppelbenennungen für Krankheitsbilder zustande, die sich in ihrem individuellen Verlauf marginal unterscheiden. Solche unterschiedlichen Namen für die gleiche Krankheit nennt man Synonyme. In meinem dermatologischen Synonymenbuch finde ich so ca. 150 (!) Namen für die verschiedenen Formen der Syphilis - von Morbus Gallicus über Lustseuche bis zu Frengi, Kita, sert sankr und Rückenmarkschwindsucht. Für das häufige, aber meist gut beherrschbar Spinaliom (eine Form des weissen Hautkrebses) entdeckt man beispielsweise folgende Bezeichnungen: carcinoma spinocellulare, spinalioma, carcinoma planocellularis, epithelioma spinocellulare Krompecher - Darier, squamous cell carcinoma, pavement epithelioma, prickle cell carcinoma, epidermoid carcinoma, epitheliome spinocellulaire, epitheliome malphigien - lobule Cornil-Ranvier, - typique Menetrier, Stachelzellkrebs, Stachelzellkarzinom, Plattenepithelcarcinom, Hornkrebs, epitelioma espinocelular, carcinoma epidermoide, saratanah chawhyat al khalaya, yukyokusaibo gan... Ob allerdings die aktinische Keratose schon ein Spinaliom ist oder nicht, das wissen wir Dermatologen bis heute nicht so ganz genau. 

"Aus einem Buch abschreiben, ist ein Plagiat; aus zweien abschreiben, ein Essay. Aus Dreien aber abschreiben, das ist eine Dissertation"   (stammt nicht von einem bayerischen Politiker)

"Malen nach Zahlen - 42" 

Damit auch minderbegabte Maler erkennbare Motive für den Geburtstag der Erbtante vollenden können, existiert das System "Malen nach Zahlen". In vorbereitete Skizzen fügt der Pinselartist Farben ein, die mit einem Zahlencode eindeutig identizierbar sind. So gelingt auch dem farbenblinden Möchtegern-Rubens das eigene Werk. Ähnliches existiert in der Schönheitschirurgie. Da auch plastische Chirurgen dem eigenen ästhetischen Urteil nicht immer trauen wollen, gab und gibt es zahlreiche Versuche, die Ästhetik und Schönheit des menschlichen Körpers mathematisch zu erfassen. Am bekanntesten ist die Darstellung der Proportionen des im Kreis stehenden Menschen von Leonardo da Vinci. Lehrbücher der Chirurgie enthalten weit elaboriertere Zahlencodes über Grösse, Breite und Länge der idealen Nase,  den besten Abstand der Augenbrauen zur Pupille, die ideale Position der Brustwarze, die Breite des Kinns beim Mann usw. Das ideale Verhältnis von Hüfte zu Taille einer Frau beträgt zB 1:0,7. Eine Frau mit diesen Proportionen ist nach Ansicht von Evolutionspsychologen am attraktivsten - was bei der Fettabsaugung berücksichtigt werden sollte. Die Formel für das perfekte weibliche Bein ist  T:Cx(F+S)=1(wobei T=Oberschenkelumfang, C=Wadenumfang, F=Oberflächenstruktur, S=Glanz). Das bestmögliche Ergebnis ist 14,67. Nach dieser Formel haben die schönsten Beinpaare Jennifer Aniston, Cameron Diaz und Elisabeth Hurley. Besonders die amerikanische Schule der Schönheitschirurgie strebt nach der Devise "Operieren nach Zahlen" auf diese Weise das perfekte Ergebnis an. Das Ergebnis ist oft perfekte Langeweile. Gar nicht schön ist die Barbie-Puppe: übertragen auf den Menschen hätte sie die Maße 96-50-83, und wäre damit eindeutig ein körperlicher Krüppel. Die wirkliche magische Zahl ist aber natürlich "42"  - , was nicht nur ein romantischer Blick in den abendlichen Sternenhimmel, sondern auch das Surfen in der www-Galaxy beweist. 
 

"Der Sonnenbrand des Pharao"  

Unerträglicher Juckreiz, zerkratzte Haut, Krusten und Eiterpusteln überall, derbe Knötchen an Nabel, Penis und Hodensack – der göttliche Pharao war es mal wieder leid. Also bediente er sich gerne der einzigen Heilmethode, welche ihm seine Heilgelehrten empfehlen konnten. Er legte sich stundenlang zum Sonnenbaden in die gnadenlose ägyptische Mittagssonne. Der starke Sonnenbrand, der zwangsläufig resultierte, ließ die Haut in grossen, roten Fetzen abschälen. Doch nachdem die Haut wieder verheilt war, hatte er für einige Zeit Ruhe von dem quälenden nächtlichen Juckreizterror. Warum die Kur half, und was ihn nächtens so kratzen liess, das wussten wohl weder er noch seine Ärzte so genau. Es waren kleine Milben, die in den obersten Hautschichten lebten, Gänge bohrten, ihre Eier und ihren Kot deponierten. Der Juckreiz war Resultat einer allergischen Reaktion des Körpers auf ihre Anwesenheit. Mit den Hautfetzen, die sich beim Sonnenbrand ablösten, wurde ein Grossteil von Ihnen ebenfalls entfernt, die Haut kam zur Ruhe – bis sich die verbliebenen Milben wieder vermehrt hatten und das Spiel von Neuem begann.  3000 Jahre später: Hildegard von Bingen (1093-1179) kannte und beschrieb diese kleinen Tierchen, die in inniger Gemeinschaft mit den Menschen jener Zeit lebten, und denen niemand entkommen konnte – die Krätzemilben. Ihr Wissen ging verloren; erst ca. 1650 wurde das Spinnentier mit Hilfe der Neuerfindung Mikroskop erneut entdeckt. Im ausgehenden 18. Jahrhundert hatte man die Krätzemilbe wieder vergessen und glaubte, die Krankheit beruhe auf „schlechtem Blut“. Napoleon soll fast sein ganzes Leben lang darunter gelitten haben und wurde während des Ägyptenfeldzugs dagegen behandelt. Da der Feldherr wenig später unter Magenschmerzen litt, glaubte man – den Krankheitsvorstellungen der Zeit folgend – das man seine Hautkrankheit zu schnell behandelt, „unterdrückt“, habe, weshalb sie an anderer Stelle, am Magen, wieder hervorgekommen sei. Die scheinbar logische Therapie: man zog dem Feldherr das Hemd eines Krätzekranken über, damit seine Hautkrankheit wieder zurückkehre. Erst 1834 überzeugte ein anderer Korse namens Renucci in der hochberühmten Pariser Hautklinik Hopital Saint-Louis seine Kollegen davon, dass die Krätzemilben die Ursache der Krätzekranheit sind. Er zog mit feinen Nadeln die Tierchen aus den Enden einiger aufgekratzer Hautgänge und zeigte sie triumphierend herum. Diese Verfahren hatte er bei alten Frauen auf Korsika gesehen, die mit feinen Nadeln ein kleines Tierchen bei Krätzkranken aus der Haut popelten.  Seitdem verfolgen die Menschen die kleinen Spinnentiere mit Schwefel, Perubalsam, Röntgenstrahlen und Insektenvernichtungsmitteln. Ganz besiegen wird er sie wohl nie.  
 

"Die Kieler Masern des Giacomo Casanova" 

In unserer Zeit gilt AIDS als die verheerendste Geschlechtskrankheit, die Millionen Menschenleben kostet und das Lebensgefühl  und die Verhaltensweisen ebenso vieler Menschen nachhaltig verändert hat. In der europäischen Geschichte hat eine andere Geschlechtskrankheit wahrscheinlich weit bedeutendere Auswirkungen gehabt: die schon öfters erwähnte Syphilis oder Lues. Jahrhundertelang lag ein grosses Geheimnis über der Krankheit; Hunderte verschiedener Namen wurden ihr gegeben, von Lustseuche, über Rückenmarkschwindsucht, Kieler Masern bis zur neapolitanischen Seuche. Ihr furioser Beginn in unseren Breiten fällt mit einem Kriegszug des französischen Königs Karl VIII durch Italien zusammen. Bald nach dem Einfall seiner Armee in Italien war eine geheimnisvolle Krankheit in aller Munde, die v.a. Soldaten und Seeleute befiel. Anfangs „spanische Krankheit“ genannt, wurde sie später in Deutschland als „französische Krankheit“ berüchtigt. Lange wurde Kolumbus bezichtigt, die Krankheit 1495 aus Amerika nach Europa gebracht zu haben. Später entdeckte man Beschreibungen der Krankheit in französischen Medizinbüchern, die viel früher geschrieben worden waren; Knochenveränderungen mittelalterlicher Menschen zeigen ebenfalls, dass die Krankheit schon früher unerkannt in Europa vorkam, wohl aber sehr selten. Vielleicht brachten die Wikinger sie aus Amerika, vielleicht auch Pilger aus dem vorderen Orient – wir wissen es nicht.  Jedenfalls verbreitete sich die Krankheit im 15. Jahrhundert wie ein Sturm in Europa, veränderte die Welt und schrieb eines der interessantesten Kapiteln der Medizin. Es war die Zeit von Luther und Gutenberg, Dürer und Kopernikus, Holbein und Vesal, die sich alle mit ihr auseinandersetzen mussten. Die „Lustseuche“ wütete in allen sozialen Klassen. In Literatur und Volkslied machte man sich über die Opfer lustig, egal ob es sich um Könige, Landsknechte, Bischöfe, Prostituierte oder den Papst handelte. Die tiefgläubigen Menschen früherer Zeiten sahen in  Geschlechtskrankheiten eine Strafe Gottes. Der Römer Flavius Josephus ( ca 50 n.Christus) beschreibt einen Ägypter, der sich über die Beschneidung von Juden und Ägyptern lustig gemacht hatte. Kurz danach wurde er, als Strafe Gottes, von einem Geschwür am Penis befallen; die Vorhaut wurde operiert, der Penis wurde schwarz (Gangrän), der Mann starb unter schrecklichen Schmerzen. Derselbe Geschichtsschreiber berichtete auch, das der böse Herodes an schrecklichen Genitalgeschwüren durch Fliegenlarven und Läuse starb. Andererseits prahlten viele syphiliskranke Schriftsteller sogar mit ihrer Krankheit – bevor sie daran starben. Man glaubte nämlich bemerkt zu haben, dass die intellektuellen Fähigkeiten der Kranken im Spätstadium vor dem geistigen Verfall und tödlichen Ende gesteigert waren. Der erste Arzt, der auf diesem Spezialgebiet tätig war und damit wohl ein grosses Vermögen erwarb, war der Franzose Thierry de Hery. Von ihm wird berichtet, dass er in der Kirche  St. Denis vor dem Grab von Karl VIII (dessen Heer die Krankheit verbreitet hatte) niederkniete und betete: „Er hat die Krankheit nach Frankreich eingeschleppt, die mir zu einem Vermögen verholfen hat, und zum Dank für diese Wohltat will ich für sein Seelenheil beten“. Der Ritter Ulrich von Hutten, streitbarer und berühmter Gefolgsmann von Martin Luther, beschrieb 1521 im Detail seine Syphiliskrankheit, an der er später starb. Er glaubte sich von einem „geflügelten Würmchen“ befallen.  Lange behandelte man die Infektion mit Guaiakholz, das die Spanier bei den Eingeborenen Amerikas kennengelernt hatten und seit 1508 aus Santo Domingo importierten. Die Augsburger Fugger verdienten mit dem Import und Verkauf des Holzes ein Vermögen; aus Angst um Ihr Importgeschäft unterdrückten Sie den Druck und die Verbreitung eines Buchs von Paracelsus, in dem dieser die Wirkungslosigkeit des Holzes behauptete.  Paracelsus sprach sich stattdessen für die Quecksilberbehandlung aus, die etwas später und für lange Zeit zur Standardtherapie wurde. Eingenommen als Medikament, als Einreibung verabreicht oder in einem Ausräucherungsschrank „genossen“, konnte Quecksilber tatsächlich manchen Kranken heilen. Die Giftigkeit der Chemikalie machte allerdings jede Behandlung zu einer Art Russischem Roulette: nicht selten tötete die Behandlung den Kranken schneller als die Krankheit selbst. Selbst Samuel Hahnemann, Vater der Homöopathie, vermutete noch Mitte des 19. Jahrhunderts in Syphilis, venerischen Papillomen, und Krätze (Psora) die Urkrankheiten der Menschheit, von denen alle chronischen Leiden herstammten; noch in der heute praktizierten, klassischen Homöopathie spiegelt sich diese Auffassung in vielfältiger Form wieder. Die Liste der (vermuteten) Opfer der Krankheit ist lang: neben berühmten Königen und Kardinälen  zählen Beethoven und Franz Schubert, Baudelaire, Goya und Tolstoy, Ivan der Schreckliche und Mussolini, Heinrich VIII und Al Capone zu den berühmten Syphilitikern. Blindheit, Lähmungen und Schwachsinn sind mögliche Endstadien der Neurosyphilis - davon stammt das berühmt-berüchtigte Gerücht der  „Rückenmarkerweichung“, mit der noch vor wenigen Jahren Eltern ihre pubertierenden Kinder vor (Eigen-)Sex warnten.   Casanova suchte vergeblich Schutz durch Präservative aus Schafdarm; er glaubte sich sicher und schrieb: „ die Krankheit verringert das Leben nicht für jene die wissen, wie man sie heilen kann. Alles, was sie tut, ist Narben zu hinterlassen“. Er versuchte Quecksilberkuren bei mancher infizierten Geliebten und trug seine Luesnarben stolz als Zeichen seiner Eroberungen. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts waren Quecksilbereinreibungen die wirksamste, und gefürchteste Therapieform und weit verbreitet. 1905 endlich wurde die Spirochäte Treponema pallidum von Berliner Forschern als Erreger entdeckt. Paul Ehrlich entwickelte aus Arsen eine wirksame Behandlung, die 30 Jahre lang als „Salvarsan“ unzähligen Menschen half. Erst mit der Entdeckung des Penicillins ging die Arsenära zu Ende.  Doch noch heute infizierten sich jährlich ein paar Tausend Deutsche mit den „Kieler Masern“ des Casanova – übrigens in 15% gleichzeitig mit dem AIDS-Virus; und der einzige Schutz ist – neben Treue und  Enthaltsamkeit – eine dünne Latexhülle zwischen den Schleimhäuten.   

"Tramp Stamp - Tribals"

Tramp stamp, übersetzt „Schlampen-Stempel“, ist der englische Ausdruck für den deutschen Begriff „Arsch-Geweih“. Der abwertend klingende Begriff Arschgeweih bezeichnet umgangssprachlich eine Tätowierung bei Frauen kurz oberhalb des Steißbeins, in der sogenannten Michaelis-Raute. Weitere deutsche Begriffe für die Tätowierung über dem Steissbein: Bürzelpalme, Arschvignette, Landehilfe, Steißgeweih, Steißbeintattoo oder Steißbeintribal (dieser wertungsfreie Begriff wird in der Tätowierungsszene  verwendet). Die verzweigten Fantasie-Ornamente sind etwa zwei- bis viermal so breit wie hoch. Sie ähneln oft einem Kreuz, einem T, Y oder V. Die Namensgebung erklärt sich durch das geweihartige Aussehen über dem oberen Rand der Unterhose. Das Steissbeintatto wurde in den späten 1990er-Jahren kurzzeitig populär; spätestens seit ca. 2005 überwiegen v.a. im Englischsprachigen abwertende, vulgäre Beurteilungen in der öffentlichen Wahrnehmung des Hautschmucks - sie gelten als "Schlampen-Schmuck". Zwar gilt das Tragen eines Steissbeintattoos inzwischen auch in Deutschland als eher anrüchig, trotzdem steigt die Zahl der Tattoo-Studios weiter an. Etwa 5000 sind beim Verein der Deutschen Organisierten Tätowierer (DOT) registriert. Tattoostudios unterscheiden Kunden, die Tattoos als Mode-Accessoire sehen und wirkliche Tattoo-Liebhaber. Modische Tattoo-„Mitläufer“ erfüllen sich eher dezente Wünsche wie ein Sternchen am Handgelenk oder chinesische Schriftzeichen über der Wirbelsäule. Steiß-Tribals, wie das „Arschgeweih“ korrekt heißt, oder grosse, bunte Tattoos werden meist nur noch von Insidern der Tattooszene nachgefragt. Die Laserentfernung von einfarbigen Steiss-Tribals erfolgt üblicherweise problemlos mit gütegeschalteten Lasern. Für viele Photomodelle ist die Entfernung des Trampstamps inzwischen Voraussetzung für die Weiterbeschäftigung in der Modeszene. 

Bilder vom trampstamp u.a. bei:  
www.urbandictionary.com/define.php?term=Tramp+Stamp&defid=67941http://commons.wikimedia.org/wiki/Lower_back_tattoo?uselang=de


Interessante Aspekte zum Vorkommen des A…geweihs in der Tierwelt finden sich unter  http://de.uncyclopedia.org/wiki/Arschgeweih

 

Nebenbei: kennen Sie den Unterschied zwischen Tussi, Flittchen, Schlampe und Miststück? Ein Flittschen ist eine Tussi, die mit jedem in die Kiste hüpft. Eine Schlampe ist eine Tussi, die mit jedem ins Bett geht, außer dir selbst. Ein Miststück ist eine Tussi, die`s mit jedem macht ausser dir, aber dir davon erzählt...

"Le cour parfumee"

Neben Verpackung, Farbe und Konsistenz ist der Geruch eines der entscheidenden Kaufkriterien für alltägliche Körperpflegeartikel. Leider haben Duftstoffe in Hautcremes und Aftershaves eine unangenehme Eigenschaft: sie können Allergien auslösen. Obwohl stark allergisierende Riechstoffe kaum noch in der Kosmetik verwendet werden, zählen Duftstoffallergien weiter zu den häufigsten Kontaktallergien überhaupt. Der normale Duftstoffgehalt kosmetischer Zubereitungen ist sehr unterschiedlich: Körpercremes enthalten 0,3-0,8%Duftstoffe, Badepräparate ca. 5%, Shampoos zwischen 0,4 - 5%, und 0,4 - 5% der Inhaltstoffe von Deodorantien sind Riechsubstanzen. Duftstoffe in Cremes, Shampoos und Waschmitteln haben drei Funktionen: 1) sie sollen angenehm riechen und so zum Kauf verführen  2) sie sollen den - meist wenig schmeichelhaften - Eigengeruch des Produkts überdecken 3) sie sollen den Körpergeruch des Anwenders kaschieren. Dieser letzte Aspekt spielte in anderen Zeiten die überragende Rolle bei der Duftstoffverwendung. Im französischen Versailles gibt es nicht nur das internationale Parfümeurs-Ausbildungsinstitut Isipca. Es gibt dort auch ein wunderschönes, riesiges Schloss. Als das Schloss von Versailles für seinen Besitzer, Ludwig XIV, erbaut wurde, gab es weder Toiletten noch Badezimmer. Notdurft und Katzenwäsche wurden von den adeligen Bewohnern an tragbaren Behältnissen erledigt - Körperhygiene entsprach nicht dem Stil der Zeit. Eine königliche Audienz im heissen Pariser Sommer konnte sich so rasch zu einem olfaktorischen Desaster entwickeln.  Der Sonnenkönig und seine Entourage benutzten daher Duftwässerchen in so reichem Maß, dass Ludwig eine Duftstoffallergie entwickelte und am Ende nur noch den reinen Duft von Orangenblüten vertrug (und uns die Orangerie hinterlassen hat). So kam Versailles zu seinem damaligen Namen "Le cour parfumee" - nicht unbedingt ein Ehrentitel.

"Barbiere, Botox und Berufsverbote" 

Bis ins 19. Jahrhunddert war es nicht üblich, dass Ärzte in Mitteleuropa in festen Räumlichkeiten arbeiteten oder operativ tätig waren. Sie besuchten die Kranken zuhause oder zogen heilend über die Jahrmärkte. Handwerklich ausgebildete Chirurgen wurden als "Wundärzte" bezeichnet und zählten nicht zu dem angeseheneren Stand der akademisch ausgebildeten Ärzte. Chirurgie war zwar theoretischer Bestandteil der Arztausbildung, die praktische Durchführung oblag aber diesen Wundärzten; manche Eingriffe durften von diesen nur unter Aufsicht eines "richtigen" Arztes ausgeführt werden. Diese Wundärzte absolvierten seit dem Mittelalter eine Lehre bei einem Baader oder Barbier (Bartschneider), absolvierten eine Gesellenprüfung und gingen dann auf Wanderschaft. Zu Ihren Aufgaben zählten: Wundversorgung, Abszesseröffnung, Hämorrhoidenstechen, Krampfaderbehandlung, Behandlung von Verbrennungen und Erfrierungen, Amputationen, Star-Stechen (d.h. Entfernung der Augenlinse bei grauem Star), Blasensteinentfernung, Bruchoperationen, Zahnziehen, Gelenke einrenken und Knochenbruch-Schienen. Die Meisten waren in Zünften organisiert, einige im Dienst bei Hof oder in der Armee. Viele zogen als Wanderchirurgen über die Jahrmärkte, waren gute und zuverlässige Heiler und für die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung unentbehrlich. Manche waren hochangesehen und behandelten Fürsten, Könige und Kardinäle. Zuweilen  war es allerdings für sie günstig, den Ort ihrer Tätigkeit rasch zu verlassen, bevor die Opfer ihrer Heilkunst das Ergebnis des Eingriffs endgültig beurteilen konnten. Ortsständige Ärzte konnten dagegen viel leichter für ihr Handeln zur Rechenschaft gezogen werden. Im Jahr 1819 gab es im Königreich Würtemberg 1463 Wundärzte, aber nur 287 Ärzte (also Verhältnis 4:1). Hundert Jahre später dagegen gab es nur noch 19 Wundärzte, aber 1037 Ärzte. Eine umfassende Modernisierung, Zentralisierung und gesetzliche Neuregelung des Gesundheitswesens führte in nur 100 Jahren zum Verschwinden der handwerklichen Wundärzte und der Integration der Chirurgie in die wissenschaftliche Medizin. Der letzte praktizierende Handwerkschirurg starb 1931 in Waiblingen. Als Relikt aus dieser Zeit der Abgrenzung von Arzt und Wanderarzt steht noch heute in der juristisch verbindlichen "Berufsordnung für Ärzte", das der Arztberuf nicht im Umherwandern oder an verschiedenen Orten ausgeübt werden darf. Diese Regelung galt jahrzehntelang als Kuriosum, hat heute aber wieder juristische Bedeutung: manche Ärzte bieten ihre Botox-Behandlungen oder Faltenunterspritzungen tatsächlich wieder "im Umherwandern" an. Sie ziehen von Kosmetikstudio zu Frisörladen und behandeln willige KundInnen dort im Hinterzimmer. Dieses Vorgehen ist berufsrechtlich verboten und aus medizinisch gutem Grund unter seriösen Ärzten verpönt. Es kann zum Entzug der Approbation führen (d.h. Ausschluss aus dem Ärztestand). Allerdings gilt auch hier: Wo kein Kläger, da kein Richter.   

Vauvenargues: "Spott ist der Prüfstein der Eigenliebe"

"Die Bronzehaut des Präsidenten" 

Jung, schön, mächtig - die kurzen Jahre von John F. Kennedy im Weissen Haus erinnern noch heute viele Amerikaner an den legendären Hof von Camelot, das sagenhafte, überirdische Reich von König Arthur. Der stets strahlende, reiche, gesunde, braungebrannte Märchenpräsident mit der schönen Frau  an der Seite stand für persönlichen Erfolg und politischen Neuaufbruch der 60iger Jahre. Zu schön, um wahr zu sein. John F. Kennedy entstammte einer Familie von Schmugglern mit Mafiakontakten, er war ein notorischer Schwerenöter, seine Ehe war unglücklich und er war schwerst krank. Bis heute halten sich Gerüchte, dass Marilyn Monroe wegen ihrer Affären mit John F. und seinem Bruder Robert sterben musste. Auch sein strahlendes Aussehen war Fassade. Seit seiner Kindheit litt Kennedy unter zahlreichen, schweren Krankheiten, lag häufig im Krankenhaus, bewegte sich in den Jahren vor seiner Ermordung oft nur mit Krücken und war nach heutigen, normalen Maßstäben invalide. Er litt ständig unter Müdigkeit, Bauchschmerzen, Darmentzündungen, Gewichtsverlust, Nierenproblemen, Wachstumsstörungen, Allergien, Knochenschäden, Wirbelsäulenschmerzen ua. Der Schlüssel zu Ursache seiner schweren Knochen- und Wirbelsäulenkrankheiten lag in seinem immerbraunen Gesichtsteint. Wohl seit seinem 13. Lebensjahr litt er - jahrelang unentdeckt - unter einer Erkrankung, die von dem englischen Hautarzt Thomas Addison erstmals 1855 beschrieben und nach ihm "Morbus Addison" benannt worden war. Addison war die Braunfärbung von Haut und Schleimhäuten bei Patienten aufgefallen, deren Nebennieren nicht mehr funktionierten. Bei der Addison-Krankheit fehlen dem Körper die lebenswichtigen Hormone, die in den Drüsen über der Niere gebildet werden, vor allem das unentbehrliche körpereigene Kortison namens Cortisol. Man weiss nicht genau, ob das Versagen der Nebennieren bei Kennedy die Folge oder die Ursache seiner Jugendkrankheiten war. Da die Krankheit auch bei anderen Familienmitgliedern aufgetreten sein soll, ist eine genetische Ursache wahrscheinlich. Unbehandelt verläuft die Addison-Krankheit tödlich. Bis zur richtigen Diagnosestellung 1947 war Kennedy sehr häufig lebendbedrohlich krank und in Krankenhäusern. Zweimal erhielt er die letzte Ölung. Gerettet wurde er letztlich durch Kortisontabletten und Spritzen. Seit den späten 30iger Jahren stand Kortison als Medikament zur Verfügung. Kennedy erhielt es u.a. als Depotpräparat unter die Haut, als Tabletten und Spritzen. Seine gesundheitlichen Probleme und insbesondere seine orthopädischen Wirbelsäulenprobleme wurden allerdings durch die hohen Kortisondosen und die massiven Medikamentendosen, die er seit seiner Jugend zu sich nahm, zusätzlich verschlimmert. Die ständige Einnahme folgender Medikamente - auch während seiner Präsidentschaft - ist dokumentiert: Amphetamine, diverse Schmerzmittel, Antibiotika, Antidepressiva, Antihistaminika, Kodein, Kortison in verschiedener Form, Leberextrakte, Methadon, Testosteron u.a. Im Präsidentschaftswahlkampf 1960 wurde seine Fähigkeit, das Amt des Präsidenten zu meistern, massiv in Zweifel gezogen. Sein Wahlkampfteam bestritt aber ausdrücklich, dass er an M.Addison leide oder gar Medikamente einnehme, und schob seine Krankheiten auf Kriegsverletzungen und Malariafolgen. Bilder von Kennedy im Rollstuhl oder mit Krücken wurden unterdrückt. Oft gab er seine Krücken im letzten Moment einem Bediensteten, bevor er eine Tür öffnete und den Raum mit strahlendem Lächeln betrat. Vor Pressekonferenzen erhielt er zuweilen ein halbes Dutzend Antischmerz-Injektionen in den Rücken, und nahm ständig Kodein, Methadon und andere Analgetika gegen die Schmerzen. Orthopädische Schuhe, Spezialmatrazen, Schaukelstühle und ein Stützkorsett (das er auch am Tag seiner Ermordung trug), linderten seine Beschwerden. Woher aber kam seine Bronzehaut? Je weniger Cortisol die zerstörte Nebenniere bildet, umso mehr ACTH-Hormon produziert die Hirnanhangdrüse. ACTH wiederum entsteht durch Spaltung von POMC, wobei zusätzlich MSH (=Melanozyten-stimulierendes Hormon) entsteht. Dieses MSH regt die in der Haut vorhandenen Melanozyten zu vermehrter Pigmentbildung an. Die Haut bräunt. Deshalb wird der sog. primäre Morbus Addison auch "brauner Addison" oder "Bronzekrankheit" genannt. Neben dieser Krankheit, die ihn nach seinem Tod berühmt machte, publizierte Addison u.a. auch Beobachtungen über Vitiligo, Morphea und Xanthome / Xanthelasmen. Auch beim Tod von JFK  spielte die Addison-Krankheit eine wichtige Rolle: wegen der kortisonbedingten, schweren Osteoporose der Wirbelsäule trug Kennedy auch am Tag des Attentats unter seinem Anzug ein Stützkorsett. Dieses Korsett verhinderte ein Wegducken Kennedys nach dem 2. Schuss, der seinen Hals traf. Er blieb weiter aufrecht sitzen, griff sich an den Hals, taumelte - bot aber weiter ein gutes Ziel für den nächsten, tödlichen Schuss in seinen Kopf. Addisons Leben nahm ein ähnlich trauriges Ende wie das des Kennedy-Präsidenten mit der Bronzehaut - er wurde zwar nicht ermordet, sondern tötete sich aber im Jahr seiner Pensionierung 1860 durch einen Sprung vom Dach seines Hauses selbst. 

Kommt ein Mann zum Hautarzt...
Kommt ein Mann zum Hautarzt und sagt: "Herr Doktor, schauen Sie mal, ich hab da so etwas dunkles am Hals." Der Arzt untersucht den Patienten und sagt: " Guter Mann, Sie sollten sich vielleicht mal waschen...!". Darauf der Patient: "Ja, das hat mein Hausarzt auch gesagt. Aber ich wollte mal eine 2. Meinung vom Fachmann haben...".  

"Blut, Schweiss und Tränen" 

Blut, Schweiss und Tränen zählen zu den wässrigen Inhaltstoffen des Menschen, die oft Abscheu und Ekel hervorufen. Medizinisch ist Blut eher Arbeitselexier von Transfusions - Medizinern und Gefässchirurgen.  Augenärzte und Psychotherapeuten kennen sich mit Tränen aus. Hautärzte dagegen schätzen Schweiss, wenn er zu beseitigen ist. Schweiss ist ein faszinierender Saft. Nach der griechischen Mythologie soll aus dem Schweiss des Göttervaters Zeus - der Gemüsekohl entstanden sein. Die Inkas dagegen betrachteten Gold als "Schweiss der Sonne". Churchill hielt seine berühmte "Blut, Schweiss und Tränen"-Rede, um die Briten auf die Entbehrungen des Krieges mit Deutschland einzustimmen. Er dachte sicher nicht an ein Krankheitsbild, welches als "englischer Schweiss" bezeichnet wurde - und dessen Ursache noch immer unbekannt ist. Die adeligen Engländer unter Heinrich VII litten besonders unter dieser ansteckenden Infektionskrankheit (?), die mit plötzlichen, heftigsten Schweissausbrüchen einherging. Schüttelfrost, Kopf- und Halsschmerzen, Gelenkschmerzen zeichneten das erste, kalte Stadium aus. Dann folgten Schweissausbruch, Hitze, Delirium, starker Durst und Nasenbluten - und nach 4-12 Stunden oft der Tod. Besonders interessant für den Hautarzt: es gab keine Hautveränderungen. Wir wissen bis heute nicht, ob es sich um die Pest, eine Grippeepidemie oder einen andern Erreger gehandelt hatte. Wer 24 h überlebte, hatte gut Heilungschancen. Anna Boleyn, die 2. Gattin von Heinrich VIII soll daran gelitten und überlebt haben (ihren Gatten überlebte sie trotzdem nicht). Eine der berühmtesten Geschichten rund um den Schweiss wurde in einer Schwabinger Altbauwohnung von Patrick Süskind ersonnen. Nicht nur sein Jean-Baptiste Grenouille aus dem Roman "Das Parfum" liebte den Geruch von Menschenschweiss. Goethe gestand, dass er ein verschwitztes Mieder von Fr. von Stein gestohlen hatte, um sich daran olfaktorisch zu berauschen. Frauen mögen - unbewusst -Männerschweiss, da er das Hormon Androstadienon enthält. Amerikanische Wissenschaftler konnten zeigen, das männlicher Achselschweiss bei Frauen eine erhöhte sexuelle Erregbarkeit bewirkt. Ihr Jagdinstikt setzt ein. Wenn richtige Jäger dagegen vom Schweiss des getroffenen Wildschweins reden, meinen sie dessen Blut. Die Schweißspur oder Schweißfährte ist die Blutspur des angeschossenen Wildes. Ein angeschossenes Tier lässt den fehlschüssigen Jäger Blut und Wasser schwitzen und treibt ihm die Tränen in die Augen - womit unser kleiner Kreis von Blut, Schweiss und Tränen geschlossen wäre. 

"Das Grauen: kann man über Nacht graue Haare bekommen?" 

Ein grauer Haarschopf entsteht nach allgemeiner Beobachtung langsam beim Altwerden. Einzelne graue Haare können allerdings schon bei vielen Jugendlichen gefunden werden, wenn man genau sucht. Graue Strähnen sieht man aber erst dann, wenn sich sehr viele graue Haare an einer Stelle bündeln.  Genetische Gründe können dazu führen, dass die Haare schon ab etwa 25 Jahren deutlich eingrauen. Frauen ergrauen meist etwas früher als Männer; da graue Schläfen bei einflussreichen 50 jährigen - genau wie bei dominanten Gorillamännchen - vom weiblichen Geschlecht durchaus als attraktiv empfunden werden, färben Männer ihre grauen Zotteln aber deutlich seltener ein. Dadurch ensteht der Eindruck, dass Männer früher weiss werden. Die schwarze, braune oder rote Farbe der Haare wird von Pigmentzellen (Melanozyten) in der Haarwurzel produziert. Wenn diese Melanozyten älter werden, bilden sie weniger Pigment, und das einzelne Haar wird weiss - nicht grau. Warum sehen wir zuerst grau aus? Weil die Zahl der weissen Haare nur langsam zunimmt, und dunkle und helle Haar vermischt eben grau ergeben - ein langsamer Prozess.  Wieso gibt es immer wieder Berichte, dass Menschen aufgrund von schrecklichen Ereignissen "über Nacht" grau geworden sind - nichts als Sagen und Legenden? Wissenschaftler neigen dazu, Augenzeugenberichte ins Reich der Fabeln zu verweisen, wenn ihnen eine plausible Erklärung dafür fehlt. Dabei gilt grundsätzlich: das Wissen von morgen ist der Irrtum von heute. Der gesunde Menschenverstand sollte Berichte, die über Jahrhunderte reichen und in der Literatur ( und in vielen Internetforen) häufig als persönliches Erlebnis geschildert werden, eher ernstnehmen. Das einzelne Haare ändert seine Farbe sicherlich nicht innerhalb weniger Stunden oder Tage. Trotzdem gibt es eine Erklärung für rasches Ergrauen: ein traumatisches Erlebnis, ein Unfall oder eine Krankheit kann innerhalb kurzer Zeit zu massivem Haarausfall führen. Oft fallen dabei die gesunden, dunklen Haare sehr schnell aus. Dünne, weisse Haare können übrig bleiben - und der Kopf scheint über Nacht ergraut zu sein. Wir sehen dieses Phänomen häufig bei der Alopezia areata; dort können an Teilen der Kopfhaut oder am ganzen Kopf alle dunklen Haare ausfallen, und nur wenige weisse Haare bleiben übrig. Statistisch lässt sich dieser Vorgang kaum erfassen, da er nicht reproduzierbar ist; dies gilt aber für alle seltenen medizinischen Phänomene, die wir nur aus Einzelfallbeobachtungen kennen. Die Medizingeschichte lebt davon. 

"Apollo war ein Indianer: der schöne Gott als Menschenschinder" 

Menschenschinder wurden im Mittelalter die Folterknechte und Scharfrichter genannt, deren berufliche Kunst in der Produktion langdauernder Schmerzen und langsamer oder schneller Tode bestand. Schinden war ein anderer Ausdruck für Häuten: man zog dem verurteilten Opfer die Haut bei lebendigem Leibe teilweise oder komplett ab. Das Häuten als Bestrafungsform hat eine sehr lange historische Tradition. Als Vorbild der Schinderzunft könnte der griechische Gott Apollo dienen. Es geht die Sage, dass die Göttin Athene sich aus den Knochen eines Steinbocks eine Doppelflöte geschaffen hatte. Das Instrument spielte wunderschön. Leider bemerkte die eitle Göttin aber an ihrem Spiegelbild im Wasser, wie das Blasen des Instrumentes ihre göttlichen Gesichtszüge entstellte. Sie schleuderte die Flöte davon und sprach einen Fluch: wer immer die Flöte aufhebe, werde schwer bestraft. Ein Satyr namens Marsyas kannte den Fluch, hob die Flöte trotzdem auf und spielte auf ihr göttergleich. Voller Ehrgeiz forderte er den leierspielenden Gott Apoll zu einem musikalischen Wettstreit auf. Der Sieger dürfe mit dem Verlierer nach Belieben verfahren. Wie zu erwarten, verlor Marsyas das Wettspiel. Apollo hängte ihn an einen Baum und zog ihm bei lebendigem Leib die Haut ab. Mit dem Schinden verlor das Opfer nicht nur die Haut, sondern auch seine Identität als Mensch. Es war eine unehrenhafte Todesart und diente als Warnung vor Überheblichkeit gegen Götter und Herrscher. In Michelangelos "Jüngstem Gericht" in der Sixtinischen Kapelle sieht man die abgetrennte Haut des Heiligen Bartholomäus als Symbol dauerhafter Glaubenstreue. In seiner Ausstellung "Körperwelten" zeigte G.van Hagens 1999 ein Exponat namens "Skinmen" - die plastinierte Leiche präsentiert sich selbst hautlos und hält ihre abgezogene Haut triumphierend in der rechten Hand. Hoffen wir, dass von Hagens nicht eines Tages Apollo begegnet. Eine besondere Unterform des Häutens ist das Skalpieren. Dabei wird nicht die ganze Haut, sondern nur die Kopfschwarte samt anhängendem Haupthaar entfernt. In Nordamerika wurde das Skalpieren von Indianern und Trappern praktiziert - als Trophäe, aber auch deshalb, weil für Skalps Prämien bezahlt wurden. In seltenen Fällen praktizieren wir Dermatologen noch heute das "Skalpieren". Warum treten die operierenden Hautärzte in verzweifelten Fällen in die Fußstapfen grausamer griechischer Götter und Apachen? Manch ältere Menschen leiden unter so ausgedehnten, flächigen Sonnenschäden oder Hautkrebsformen der Kopfhaut (siehe Spinaliom), dass die vollständige Entfernung der Kopfschwarte in Vollnarkose die einzige Heilungschance darstellt. Die Operation selbst ist bei guter Planung nicht gefährlich. Die entstehende, grossflächige Wunde wird danach mit Hauttransplantaten von anderen Körperstellen wieder gedeckt, wobei die Abheilungsphase den Patienten psychisch deutlich belasten kann. Die Methode scheint auf den ersten Blick "heroisch", hat aber manche lange Leidensgeschichte glücklich beendet.    

Vom weissen Gold zur Venuswissenschaft 

Alle 2 Jahre versammeln sich in Dresden die Hautärzte zu ihrem grössten deutschsprachigen Kongress. Beim Besuch der schönen Elbstadt zählt eine Besichtigung der Porcellansammlung von Kurfürst August dem Starken im Zwinger zum Pflichtprogramm jedes "Dermatologen und Venerologen". Dort kann man eine 39 cm grosse Venusstatue von J.J. Kändler bewundern, die der König in seinen neuen Manufakturen in Meissen 1750 fertigen ließ. Porcellan war damals kostbarer als Gold, für den Gegenwert einer Porcellanstatue konnte man ein Haus in der Innenstadt Dresdens kaufen. August der Starke war bekanntlich nicht nur König von Sachsen und Polen, sonder auch ein grosser Frauenfreund, insofern verband in mehr als die Liebe zum Porcellan mit der römischen Liebesgöttin Venus. Im Volksmund galt der Venusberg als Wohnort der Göttin - entsprechend wurde der oberhalb der weiblichen Scham liegende, behaarte Körperteil der Frau in der Medizin eben Venusberg genannt - "Mons veneris". Venushügel dagegen galt als galanter Name für die weibliche Brust. Die erste Krankheit, die man mit dem "Venusspiel" in Verbindung brachte, war die Syphilis. Den Ausdruck "morbus venereus" - also "Krankheit der Venus" - prägte wohl der französische Arzt Jaques de Bethencourt im 16. Jahrhundert.  Da man die Geschlechtskrankheiten nicht voneinander unterscheiden konnte, erscheint in der 1. Auflage des medizinischen Wörterbuchs Pschyrembel von 1894 die "venerische Krankheit" als Oberbegriff für alle sexuell übertragbaren Krankheiten. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts taucht der Begriff "Venerologie" ( = "Venuswissenschaften") als Fachbezeichnung für unser Fachgebiet auf. Welches andere Fach kann sich noch rühmen, daß die Göttin der Liebe ihrem Arbeitsgebiet den Namen geliehen hätte?

"Prügelstrafe, Knötchenflechte und die Nadel der Kleopatra"

Nachdem Lord Nelson die Seeschlacht am Nil gewonnen hatte, schenkte Ägypten den siegreichen Engländern 1789 einen etwa 3000 Jahre alten, ägyptischen Obelisken - die "Nadel der Kleopatra". Fast 100 Jahre blieb das Geschenk in Ägypten. 1877 zahlte ein englischer Gentleman 10 000 Pfund, um den Stein in einem metallenen Zylinder nach England bringen zu lassen. Leider sank das Schiff im Sturm, und es kostete weitere 20 000 Pfund und das Leben von 6 Seeleuten, bis der Obelisk endlich in London angekommen und aufgestellt war. Wer war Erasmus Wilson, der grosszügige Spender der Überfahrt, an den noch heute eine Plakette am Obelisk in London erinnert? William James Erasmus Wilson war einer der berühmtesten Ärzte des viktorianischen Englands. Der Dermatologe wurde 1809 als Sohn eines Marinechirurgen geboren und begann seine ärztliche Laufbahn als Chirurg und Anatom. In dieser Funktion wurde er 1846 um ein medizinisches Zweitgutachten über einen ungeklärten Todesfall gebeten. Der unglückliche englische Soldat John White war durch 150 Schläge mit der "neunschwänzigen Katze" (Lederpeitsche) bestraft worden, nachdem er seinen Sergeant angegriffen hatte. Am Tag vor der Bestrafung und am Prügeltag selbst erhielt er weder Essen noch Trinken, danach musste er zur Kaserne zurücklaufen. 4 Wochen später war er tot - gestorben an einer Lungenentzündung. 3 Militärärzte sahen keinen Zusammenhang zwischen seinem Tod und der Bestrafung. Wilson engagierte sich stark in diesem Fall: er setzte eine 2. Leichenöffnung durch, und veröffentlichte seine widersprechenden Ergebnisse. Die hinzugezogenen Richter folgten seinen Argumenten, dass White letztlich an den Folgen der Prügelstrafe gestorben war. Der folgende öffentliche Aufschrei war der Beginn einer Bewegung, die zur Abschaffung der Prügelstrafe in der Armee führte. Zu dieser Zeit hatte Wilson schon begonnen, sich als Dermatologe zu spezialisieren. Er war ein genauer Beobachter und veröffentlichte ein umfangreiches dermatologisches Werk. 1869 beschrieb er erstmal die Knötchenflechte, Lichen ruber planus, deren Behandlung uns auch heute noch viel Mühe bereitet. Wilson baute in London eine sehr grosse dermatologische Privatpraxis auf, vermarktete Hautpflegeprodukte und investierte geschickt an der Börse. So erwirtschaftete er das riesige Vermögen, das ihm ausser dem Transport des Obelisken zahlreiche mäzenatische Tätigkeiten ermöglichte.  Queen Viktoria erhob ihn wegen seiner medizinischen Bedeutung und seiner öffentlichen Wohltaten 1888 in den Ritterstand - der Höhepunkt im Leben eines jeden Engländers. 

Le Rochefoucauld: "Wir haben alle Kraft genug, um die Leiden anderer zu ertragen" 

SMAS hat Klass - so lacht nur der Primat

Es gibt eine anatomische Struktur im Gesicht, von der die meisten Ärzte noch nie etwas gehört haben: das SMAS (= superfizielles muskuläres aponeurotisches System). Lange war umstritten, ob dieses Lieblingsthema schönheitschirurgischer Kongresse überhaupt existiert. Seit etwa 1976 geistert der Begriff durch die wissenschaftliche Literatur der plastischen Chirurgie und Anatomie. Heute ist das SMAS gut beschrieben: es handelt sich um eine dünne Schicht von Muskeln und Bindegewebe, die vom Hals aufsteigend als eine Art Stütz- und Hüllgewebe in komplizierter Weise in verschiedenen Ebenen die Wangen, die Speicheldrüse, das Gesicht bis zum grossen Stirnmuskel Muskulus frontalis überspannt. Man glaubt, dass es sich dabei um Überreste eines ausgedehnten Platysma-Muskels handelt, der bei Urmenschen und Affen vorhanden war und ist. Das extrem ausdruckstarke Grimassieren, Zähneblecken und Grinsen von Schimpansen und anderen Primaten ist deshalb möglich, weil sie diesen Gesichtsmuskel noch sehr entwickelt und ausgedehnt besitzen, während unser SMAS und Platysma nur noch rudimentär vorhanden ist: das SMAS scheint so etwas wie der Lachmuskel der Primaten und Neandertaler gewesen zu sein. Beim Menschen kann man das Platysma und damit die Ausläufer des SMAS am besten am Hals studieren - besonders eindrucksvoll am "Truthahnhals" älterer Damen (Ausdruck für straffe, senkrechte, lange Falten am Hals beim Grimassieren). Mittels Botox können diese unschönen Halsfalten deutlich gebessert werden. Beim richtigen Facelift wird nicht etwa nur die Haut gestrafft, sondern das SMAS als Anker der Haut  gekürzt und neu fixiert; zwischen Haut und SMAS verlaufen kaum wichtige Nerven, sodass nur bei Operationen unter dem SMAS Lähmungsgefahr besteht. Ob eine Operation also über, durch oder unter dem SMAS verläuft, hat für den plastischen Chirurgen emminente Bedeutung.  Dann doch lieber Botox in den Hals: da lacht es sich gleich viel schöner. 

Dichten, Schach und offne Beine - jüdisch-deutsche Schicksale

Dir 
Drum wein' ich, 
Dass bei Deinem Kuss 
Ich so nichts empfinde 
Und ins Leere versinken muss. 
Tausend Abgründe 
Sind nicht so tief, 
Wie diese grosse Leere. 
Ich sinne im engsten Dunkel der Nacht, 
Wie ich Dir's ganz leise sage, 
Doch ich habe nicht den Mut. 
Ich wollte, es käme ein Südenwind, 
Der Dir's herüber trage, 
Damit es nicht gar voll Kälte kläng' 
Und er Dir's warm in die Seele säng' 
Kaum merklich durch Dein Blut.

Else Lasker-Schüler

Der Berliner „Facharzt für Haut- und Beinkrankheiten“ Bertold Lasker war einer der Pioniere der Phlebologie in Deutschland. Als Sohn eines jüdischen Kantors und Enkel eines Rabbiners geboren, gründete Lasker nach einer Zeit als praktischer Arzt 1894 das erste „Institut für Beinleiden“ in Berlin. Die Erforschung und Behandlung von Beinleiden, also v.a. von Venenkrankheiten, war damals als eigenständiges Fachgebiet erst im Entstehen und wissenschaftlich und institutionell nicht anerkannt. Lasker war der erste niedergelassene Facharzt für Haut- und Beinleiden in Berlin; auch ihm ist es zu verdanken, dass Venenkrankheiten noch heute in der Ausbildung zum Hautarzt eine grosse Rolle spielen. Er war entscheidend an der Entwicklung der Beinwickel bei offenen Beinen beteiligt. 

Neben seiner medizinischen Tätigkeit war Lasker ein exzellenter Schachspieler. In den 1880er Jahren zählte Lasker zu den stärksten Schachspielern ganz Deutschlands. Bertold Lasker begab sich Anfang des Jahrhunderts zu einem längeren Aufenthalt in die USA, wo er zahlreiche erfolgreiche Schachturniere bestritt. Ohne Erfolg versuchte er, in New York eine Zweitpraxis und ein weiteres Institut für Beinleiden zu eröffnen – ein ungewöhnliches, wagemutiges Unternehmen. 1899 hatte Lasker einen Assistenten namens Nathan Brann in sein Institut eingestellt; während seines USA-Aufenthaltes 1901-1902 leitete dieser seine Praxis in Berlin. Nach der Rückkehr aus Amerika lebte und arbeitete Lasker dauerhaft in Berlin. Er starb 1928 nur wenige Monate nach dem Tode seiner zweiten Frau Regina.

Nach dem Medizinstudium in Berlin hatte Bertold Lasker Ende der 1880iger Jahre kurz in Elberfeld gearbeitet und dort seine spätere, erste Ehefrau Else Schüler kennengelernt. Nach der Trauung 1894 lebte das Ehepaar in Berlin, wo Lasker als Dermatologe praktizierte. Seine Gattin Else Lasker-Schüler, die das zitierte Gedicht schuf, wurde 1869 in Wuppertal geboren. Sie gilt heute als herausragende Vertreterin des Expressionismus und der avantgardistischen Moderne. Die Ehe von Dermatologe und Dichterin verlief unglücklich. Lasker-Schüler beschuldigte ihren Mann der Gewalttätigkeit. Seine Vaterschaft des in der Ehe geborenen Sohns wurde von seiner Gattin bestritten. Nach der Scheidung 1903 heiratet Else Lasker-Schüler erneut, wurde aber 1912 auch in 2. Ehe geschieden. Ohne eigenes Einkommen lebte Else Lasker-Schüler in Berlin von der Unterstützung durch Freunde, insbesondere von Karl Kraus. Noch 1912 begegnete sie Gottfried Benn (siehe dort – ebenfalls ein Berliner Hautarzt). Aus dieser Freundschaft entstand eine große Zahl von Liebesgedichten, die sie Benn widmete. Obwohl die Dichterin 1932 mit dem Kleist-Preis geehrt worden war, wurde sie als Jüdin seit 1932 heftig, auch tätlich, angegriffen und emigrierte angesichts der nationalsozialistischen Bedrohung ihres Lebens in die Schweiz. 1938 wurde ihr die deutsche Staatangehörigkeit entzogen; bürokratische Schikanen in der Schweiz und der Kriegsausbruch liessen sie seit 1939 in Palästina leben, wo sie 1945 starb.

Bertold Laskers schachgeschichtliche Hauptbedeutung liegt darin, dass er seinen acht Jahre jüngeren Bruder Emanuel, der zeitweise bei ihm in Berlin wohnte, in dessen 12. Lebensjahr an das Schachspiel heranführte. Bertolds Bruder Emanuel Lasker (*1868 Neumark, † 1941 New York) war das wahrscheinlich grösste deutsche Schachgenie. Der Schachgrossmeister, Mathematiker und Philosoph war der zweite offizielle und zugleich der bislang erste und einzige deutsche Schachweltmeister. Er verteidigte diesen Titel  27 Jahre lang (1894 bis 1921) und damit länger als jeder andere Schachweltmeister. In der „Schachnovelle“ wurde ihm von Stefan Zweig ein Denkmal gesetzt. Seit 1926 entwickelte er sich zu einem guten Spieler des Go-Spiels, von Bridge und Poker. 1927 gründete er in Berlin eine „Schule der Verstandesspiele“. Die antisemitische Politik der Nationalsozialisten erzwang 1933 seine Flucht aus Deutschland. Er starb 1941 in New York.  2008 wurde Emanuel Lasker in die Hall of Fame des deutschen Sports aufgenommen.

Nach seiner Assistenzarztzeit bei Berthold Lasker gründete der bereits erwähnte Nathan Brann ebenfalls ein Institut für Beinleiden in Berlin, in der Friedrichstrasse 108. Da sein Institut als einzige „Venenpraxis“ bei den Krankenkassen zugelassen war, stiegen seine Patientenzahlen rasch an. Bis zu 600 Kranke soll er zeitweise täglich mit Unterstützung durch 5 Assistenzärzte und 25 MitarbeiterInnen behandelt haben. Brann führte einen beständigen wissenschaftlichen und bürokratischen Kampf um die Anerkennung eines Spezialarztes für Beinleiden. Brann und Lasker vertraten – gegen die damalige Lehrmeinung, und aus heutiger Sicht völlig zu Recht – die Ansicht, dass man oberflächliche Venenentzündungen ambulant behandeln könne. Auch an der Entwicklung der Venenverödung / Sklerotherapie von Krampfadern war er beteiligt. 1933 entzogen ihm die Nationalsozialisten seine Kassenzulassung. Er floh rechtzeitig in die Schweiz, wo er 1949 starb. 

Blondinen bevorzugt - 100 g für 100 E

Nach einer groben Schätzung wachsen täglich auf allen Menschenköpfen dieser Welt zusammen etwa 500 Tonnen Haare. Etwa 150 bis 400 g Menschenhaar wird für eine Perücke benötigt. Da sollte es doch nicht schwierig sein, genügend Menschenhaar für die Fertigung von Perücken, Toupets und Haarteilen aufzutreiben? Der Handel mit Menschenhaaren ist ein jahrtausende altes, geheimnisvolles Geschäft. "Schon die alten Ägypter, Griechen und Römer..."  liebten Haarteile aus Menschenhaar. Seit dem frühen Barock auch in Europa wieder in Mode, entstand 1656 die Innung der Perückenmacher in Paris. Sie verwendeten nach 1700 allerdings lieber Rosshaar, Ziegenhaar, Hanf oder Flachs zum Perückenbau - natürliches Aussehen war damals, anders als heute, kein Qualitätskriterium einer Perücke. Seit dem Ende der Perückenmode zur Zeit der französischen Revolution (siehe eigener Artikel dazu auf dieser Seite) waren Perücken nie wieder wirklich modern. Heute werden Perücken bei uns v.a. zur Kopfbedeckung bei krankheitsbedingtem Haarausfall (zB Alopezia areata) angefertigt. Nur Extensions, Teilperücken und Haarteile sind aus modischen Gründen weiter begehrt. Zeitlos begehrt waren und sind die silberweissen Perücken der Lords im englischen Oberhaus. Ihro Lordschaft Haarperücke stammte früher aus dem italienischen Piemont. Im 19. Jahrhundert kauften die italienischen Haaraufkäufer die langen Zöpfe ihrer Landsfrauen direkt vom Kopf der Damen im Piemont, in Veneto, Trentino und der Poebene. Kurze Hinterhaupthaare, ähnlich einer Mönchstonsur, waren dort lange ein Stigma der Armut - die Trägerin hatte ihr Haar aus Not ins englische Oberhaus verkauft. Schweizerisches und französisches Haar war damals etwas billiger, noch billiger war nur das sog. Kammhaar. Noch heute kaufen Haarhändler den "Kamm"-Haarschnitt von Frisören weltweit auf; deren Säuberung, Sortierung und Weiterverarbeitung ist eine eigene Kunst. Informationen über den Haarhandel sind kaum zu finden. Wenige Haarhändler beherrschen den leicht anrüchigen, aber lukrativen Markt. Woher aber stammen die Haare der modernen Perückenmacher? Sofern etwas länger, stammt ein Grossteil aus indischen Tempeln. Indische Frauen haben oft dickes, schönes, allerdings meist dunkles und lockiges Haar. Im Rahmen von Opferritualen werden lange Haare in Tempeln abgeschnitten. Die Haare werden dann teils mit, teils ohne Wissen und Entlohnung der Spenderin gesammelt und verkauft. Aber auch in Pakistan, China, Lateinamerika und Osteuropa sind Haar-Jäger unterwegs. Haargrosshänder v.a. aus Spanien und Italien sind groß im Geschäft. In riesigen Sammelstellen v.a. in Spanien werden die Haare gewaschen, entlaust, gekraust, gekämmt, gebunden oder gefärbt. Oft wird die äussere Schuppenschicht entfernt, um ein Filzen zu verhindern. Das geordnete Haar wird anschliessend um die halbe Welt verschifft und von fleissigen Chinesinnen nach Entwürfen aus den USA und Deutschland geknüpft. Das Knüpfen von Perücken ist Handarbeit; aus vielen Tausend Knoten wird in China in etwa 10 Tagen eine Perücke. Weltweit besteht die grösse Perückennachfrage in den USA, in Europa ist Deutschland der grösste Perückenmarkt. Haargrosshändler verkaufen etwa 20000 Kilo verfeinertes Haar pro Jahr und machen damit Millionenumsätze; ihre Lager enthalten die mehrfache Menge. Pro Kilo Haar sind ca. 10 Spender erforderlich, eine handgeknüpfte Perücke besteht aus ca. 1,5 kg Haaren. Im Internet wird eine Indische Schnitthaartrasse von 50 cm Länge und 120 g Gewicht für ca. 110 E angeboten. Eine fertige Perücke kostet zwischen 300 und 3000 Euro. Besonders gefragt ist zur Zeit europäisches Haar -  vor allem naturblond. Ein Kilo davon kann bis 900 E kosten. Die Zentralukraine ist das Eldorado der Blondhaarhändler. Dort tragen noch viele Landmädchen geflochtene Zöpfe - der lange Haarkranz ist mit dem politischen Erfolg der ehemaligen Premierministerin Julia Timoschenko auch wieder topmodisch geworden.  Das meist gutgepflegte ukrainische Blondhaar ist v.a. für Haarverlängerungen weltweit sehr begehrt; für eine Haarverlängerung mit ca. 150 der etwa 40 cm langen Strähnen werden 1000 Euro bezahlt. Der amerikanische Boom in europäischem Haar wurde u.a. durch neue religiöse Regeln bei orthodoxen Juden ausgelöst. Verheiratete orthodoxe Jüdinnen müssen ihr Haupthaar verbergen -  und tragen deshalb statt Kopftüchern oft Perücken. Diese "Scheitel" genannten Perücken genügen dem rituellen Gebot der Kopfbedeckung. Leider wurde im Jahr 2004 von einigen Rabbinern indisches Haar als unkoscher gebrandmarkt - da bei einem Ritual gewonnen, das anderen Göttern gewidmet ist. Kopfhaar von osteuropäischen Bauersfrauen genügt dem religiösen Anspruch. Seitdem werden Haarfabriken darauf kontrolliert, ob sie religionskonform arbeiten. Nebenbei: wir Männer sollten öfters mal über das Tragen eines Brusthaartoupets nachdenken. Eine Psychologin an der Universität des Saarlandes zeigte 200 Frauen die Brust von Männern vor und nach einer Brusthaar-Rasur. Egal ob alter oder junger Mann, ob Bierbauchtyp oder Athlet: Frauen nach den Wechseljahren liebten zu 60% die behaarte Version. Frauen im fruchtbaren Alter fanden während der fruchtbaren Tag zu 40%, in der unfruchtbaren Zeit zu 50% die Brustbehaarung erotischer. Frauen mit Pille wollten dagegen nur zu 30% an der Brustbehaarung kuscheln. Eine Erklärungshypothese der Forscherin: die generelle Tendenz zur Natürlichkeit sei bei Frauen einfach geringer, die ihren Hormonspiegel künstlich verändern. Über die Herkunft der Haare für Brusthaartoupets konnte ich leider keine spezifischen Informationen finden, hoffe aber, dass sie nicht von indischen Tempeltänzerinnen stammen... 

 

Q: What is a double-blind study?

A: Two dermatologists reading a electrocardiogram

"Der  grösste Hautarzt aller Zeiten – klebt euch eine"

Die erste Veröffentlichung des – oft so genannten – „grössten Dermatologen aller Zeiten“ behandelte ein Thema der Philosophie: es war ein Essay über das Gewissen. Paul Gerson Unna schrieb es als Student an der (damals deutschen) Universität Strassburg, gerade genesen von einer schweren Kriegsverletzung aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Als Doktorarbeit wählte er dann aber ein Thema, das ihn nie mehr verlassen würde. Er promovierte über die Entwicklungsgeschichte der Haut, da er der Meinung war: „Wer an der offen liegenden Haut nichts lernt, kann über jedes andere Organ noch viel weniger lernen“.  Einige Erkenntnisse dieser Doktorarbeit widersprachen den damals gültigen Lehrmeinungen; da er sich nicht dazu zwingen ließ, seine Arbeit umzuschreiben, verbaute er sich damit eine weitere Universitätskarriere. Also kehrte er in seine Heimatstadt Hamburg zurück, gründete nach verschiedenen Zwischenstationen eine private Arztpraxis und wagte es als erster niedergelassener Arzt in Deutschland überhaupt, sich ausschließlich als Dermatologe den Hautkrankheiten zu widmen. Im Lauf seines Lebens beschrieb Unna zahlreiche Hautkrankheiten erstmals exakt – z.B. auch das seborrhoische Ekzem. Er entwickelte viele neue Behandlungsmethoden, die bis heute Bestand haben (zB Eucerin, Cignolin, Ichthyol und Salicylsäure zur äusseren Anwendung). Besonders fruchtbar war seine Zusammenarbeit mit dem Hamburger Apotheker Beiersdorf. Dieser baute aus seiner Hamburger Apotheke heraus das pharmazeutische Unternehmen auf, das wir heute als Fa. Beiersdorf kennen und seinen Hauptsitz noch immer in Hamburg an der „Unna-Strasse“ hat. Unna schuf ein weltweit anerkanntes, privates Ausbildungszentrum, und lehnte mehrfach Berufungen auf Professorenstellen ab; keine Universität konnte ihm die Möglichkeiten und Freiheiten seiner eigenen Praxis bieten. Weltweit uneingeschränkt anerkannt, musste er in Deutschland gegen grosse Widerstände arbeiten: als „Privatier“ ohne akademische Würden, jedoch höchsten wissenschaftlichen Meriten, war er für die meisten Professoren ein ewiger Stachel im Fleisch. Er nahm für sich „die Beseitigung aller hemmenden geistigen Schranken“ ohne Rücksicht auf äusseren Status, Amt oder Würden in Anspruch.  Das erfreute die akademischen Honoratioren nicht wirklich: die Deutsche Dermatogische Gesellschaft überging in bei Kongressen, der berühmte Dermatologe Neisser benannte einen bissigen Hund nach ihm, und der Wiener Hautklinikchef wollte nicht in einer dermatologischen Gesellschaft mit Unna sein. Erst mit ca. 70 Jahren erhielt er endlich eine Professur in Hamburg, nachdem ihm weltweit bereits höchste Ehren erwiesen worden waren. Jeder Hautarzt kennt Unna – und jeder Laie auch. Jeder hat schon einmal von ihm profitiert – wenn er sich eine hat kleben lassen. Unna und Beiersdorf – und der spätere Käufer der Fa. Beiersdorf, O. Troplowitz - sind nämlich die Erfinder des Pflasters. 1882 patientierten sie erstmals einen mit Salben getränkten Mull mit Kautschuk als Trägermaterial. Das erste dafür entwickelte Klebematerial erweist sich als zu stark für die menschliche Haut – und macht in der Industrie unter dem Namen „Tesa“ Karriere. 1901 endlich ist das Hautpflaster praxisreif -  und dem Namen Leukoplast erobert das selbstklebende Zinkoxid-Kautschuk-Pflaster die Welt und fixiert Verbände bis heute. 1922 kommt ein selbstklebende Pflaster mit Mullauflage auf den Markt – der Name Hansaplast wird ebenfalls weltberühmt und ist heute in Deutschland und 21 anderen Ländern Marktführer der Wundpflaster ( in angelsächsischen Ländern übrigens unter dem Namen Elastoplast). Elisabeth Heuss-Kapp, die Gattin des späteren Bundespräsidenten Theodor Heuss, dichtete für eine Werbekampagne: „Jederzeit hab zur Hand : Hansaplast Schnellverband“.  Auch das Warzenpflaster „Guttaplast“ geht auf Unna zurück – so wirkt der Meister noch heute von Kindesschuhen an. 

Das Ende der Wachstumsgesellschaft - AntiAging hat gewonnen"

Von Ch. Zaschke, Süddeutsche Zeitung Magazin, 11/2011, gekürzt von mir
Erst war es nur ein vages Gefühl. Die Art von Gefühl, wie es die Midlife-Crisis hervorzubringen scheint: Alle werden immer jünger. Als mittelalter Mann schiebt man solche Gefühle routiniert beiseite, weil man gelernt hat, dass es so etwas wie eine Midlive-Crisis gar nicht gibt. Außerdem ist quasi täglich zu hören, dass wir in einer Gesellschaft leben, die immer älter wird. Gut, FDP-Chef Philipp Rösler ist 38 und Familienministerin Kristina Schröder erst 34 Jahre als. (…) Ein genauer Blick auf die Angelegenheit zeigt, dass rätselhafterweise tatsächlich alle immer jünger werden. Erst vor zwei Wochen gewann ein Deutscher namens Pius Heinz die Weltmeisterschaft im Pokern uns strich mehr als acht Millionen Dollar ein. Er ist 22 Jahre alt. Seit 2008 hat kein Spieler, der älter als 24 Jahre war, die einst von Haudegen dominierte Poker-WM gewonnen. Das Mittelfeld der Fussball-Nationalmannschaft besteht aus Mesut Özil, 23, Toni Kroos, 21, Mario Götze, 19, und dem etwas in die Jahre gekommenen Bastian Schweinsteiger, 27. Lena Meyer-Landrut gewann den Eurovision Song Contest im vergangenen Jahr als 19-jährige. Im gleichen Jahr veröffentlichte Helene Hegemann als 18-jährige ihr Erfolgsbuch Axolotl Roadkill (…). Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung meldet: Raucher werden immer jünger. Gleiches gilt ausweislich des Internets für Übergewichtige, Ausgebrannte, Pleitiers, Hörgeräte-Kunden, Chefs, Komasäufer, Internet-Hacker, Sexverbrecher, Herbsttscharnier-Opfer, den Kneipp-Verein Bocholt sowie Obdachlose in Österreich. Für jeden Einzelfall mag es eine logische Erklärung geben, aber dass alle zugleich immer jünger werden? Der Schluß, so nahe er zu liegen scheint, dass die Alten damit abgemeldet wären, führt in die Irre. Mehr als 7000 Webseiten warten mit der Nachricht auf, dass Senioren immer jünger werden. Einerseits ein Paradoxin, andererseits nur logisch: Es werden wirklich alle immer jünger. Was heute verwirrende Wirklichkeit zu sein scheint, hat der Autor F.Scott Fitzgerald in den 1920ern als bewegende Fiktion erdacht: In seiner Kurzgeschichte Der seltsame Fall des Benjamin Button komm der Held als Greis zur Welt und stirbt als Säugling. Fitzgeralds 89 Jahre alter Text wirkt bei jedem Wiederlesen frischer denn je. 

Viagra und Hautkrebs

Schweine und Menschen stehen sich – genetisch, fortpflanzungs- und ernährungstechnisch betrachtet – recht nahe. Trotzdem werden, der besseren Handhabung wegen, vor allem genetisch veränderte Mäuse verwendet, wenn es um grundlegende Krebsforschung geht. Einigen dieser Tiere hat man eine häufige, spontane Melanomentstehung gentechnisch angezüchtet, um neue Behandlungsmethoden bei schwarzem Hautkrebs entwickeln zu können.  Man füttert sie mit allen möglichen Medikamenten und beobachtet, welchen Einfluss dies auf die spontane Entstehung von schwarzem Hautkrebs und seinen Verlauf hat. Überraschung: werden diese Mäuse mit dem Potenzmittel Sildenafil (Viagra) versorgt, überleben doppelt so viele diese genetische Veranlagung wie ihre unbehandelten Artgenossen. Unter anderem normalisiert sich die Anzahl der krebsspezifischen T-Zellen, und der Wirkstoff neutralisierte die chronische Entzündung um das Melanom. Der Studienleiter des Deutschen Krebsforschungszentrum Heidelberg schliesst nicht aus, dass Viagra tatsächlich auch beim Menschen helfen könnte, den schwarzen Hautkrebs erfolgreicher zu behandeln.  

Blaue Kinder, blaues Blut und Bayernblues

Der Märchenkönig Ludwig II starb bekanntlich in den blauen Fluten des Starnberger Sees. Bei seinem letzten Diner auf Schloss Berg hatte er, historisch verbürgt, wahrhaft bayerisch-üppig gespeist – und sicher beim Blick auf den See als König ohne Thron den Blues gespürt. Es gab „Bandnudeln mit Bratwurst, Fischmayonnaise, Rindfleisch mit Kartoffelpüree, grüne Bohnen und Kalbsbries, Rehbraten, Spargel, Schokoladencreme und Zitroneneis“. Dazu trank er „1 Becher Bier, 2 Glas Maiwein, 3 Glas Rheinwein und 2 Gläschen Arac“ – so sein Oberpfleger Mauder. Ludwig hatte nicht nur beim Alkoholkonsum ein besonderes Verhältnis zur Farbe Blau. Als er sein Lieblingsschloss Linderhof errichten ließ, legte er 1875 im Park eine „Venusgrotte“ an. Diese Eisenkonstruktion mit Leinwandbespannung und Tropfsteinverzierungen aus Zement bestand aus Hauptgrotte und 2 Nebengrotten und konnte – je nach Beleuchtung – der Venusgrotte aus Wagners Tannhäuser oder der Blauen Grotte auf Capri nachempfunden werden. Leider befriedigten die ersten Blautöne seiner Caprinesischen Nachahmergrotte die Vorstellungen des Königs von Capri-Blau in keiner Weise. Die Architekten hatten es schwer: synthetische Farben gab es zu dieser Zeit noch nicht. Das schönste und tiefste Blau lieferte Indigo – ein tiefblaues, fast violettes Pflanzenblau, von dem 2500 Tonnen v.a. in der britischen Kolonie Indien gewonnen wurde. Natürliches Indigo gefiel dem König gut, eignete sich aber leider nicht zur Bemalung einer Kunstgrotte. Auf der Suche nach einem passenden, besseren Blau wandten sich die Berater von Ludwig an eine kleine chemische Fabrik namens BASF. Die Firma war 1863 – eine Woche nach ihrer Gründung – vom ausländischen Mannheim über den Rhein ins bayerische Ludwigshafen übergesiedelt, angelockt von königlich-bayerischen Subventionen von 1,5 Millionen Gulden. Neben der Produktion von Teerfarbstoffen hatte die Fabrik sich auf die Herstellung von Textilfarben auf Indigobasis spezialisiert. Ihr Name war Programm: Bayerische Anilin und Soda Fabrik. Das Anilin für Anilinfarbstoffe wurde aus Indigo gewonnen. Auf Initiative des Märchenkönigs wurde die Erforschung und Herstellung von synthetischen Indigofarbstoffen forciert, ein bedeutender finanzieller Kraftakt für die Firma. Resultat dieser Forschungen waren u.a. die Farbstoffe Eosin, Methylenblau, Azofarbstoffe und Kristallviolett. 1876 entdeckte BASF ein neues Methylenblau, das den König entzückte. Die ganze Venusgrotte wurde damit ausgemalt, sodass er bei seinen nächtlichen Bootsfahrten im Schwanenboot die ganze Welt in Blau erleben konnte. Der König war bald darauf tot; BASF aber wurde mit seinen Anilinfarben weltweit immer erfolgreicher; bis zum Jahr 1900 hatte man 50% des Indigo-Weltmarkts erobert; 2 Jahre später hatte man das Marktvolumen der Anilinfarben vervierfacht, das Indigomonopol der Briten war zerstört.  Das Methylenblau des Königs machte jedoch nicht nur als Anstreicher- und Textilfarbe grosse Karriere. Man entdeckte, dass man mit seiner Hilfe auch chemische Prozesse, lebendes Gewebe, Bakterien uvm anfärben konnte. Die Entdeckung der Tuberkulosebakterien gelang Robert Koch erstmals mit einer Methylenblaufärbung. Methylenblau ist ein sog. Phenothiazin-Derivat – und wurde um 1900 erstmals als Medikament bei psychischen Erkrankungen erprobt. Seit 1950 sind aus anderen Phenothiazinen zahlreiche gängige Psychopharmaka entwickelt worden. Methylenblau ist noch heute ein wichtiges Medikament gegen bestimmte Vergiftungen (bei Methämoglobinämie), dient als Desinfektionsmittel, Rheumamittel, wird in grossen Studien ernsthaft als Alzheimer-Medikament erprobt und ist, mit anderen alten Farbstoffen, noch immer ein wichtiges Färbemittel bei der Untersuchung von Gewebeproben. Orthopäden spritzen es zur Schmerzbehandlung an die Bandscheiben, Chirurgen färben damit Fistelgänge an, in der Dermatologie dient Methylenblau noch heute bei der Anfärbung von Harnröhrenausfluss zum schnellen Nachweis von Tripper-Bakterien. Eher selten wird es zur abschwellenden Injektion in einen dauererigierten Penis verwendet – dieser fatale Zustand kann als unerwünschte Nebenwirkung bei einer bestimmten Form der Impotenzbehandlung auftreten.  Wenn der Dermatologe dagegen eher mit einem blauvioletten Farbstoff behandeln will, greift er zu Kristallviolett, auch Gentianaviolett oder Pyoktaninlösung genannt ( Gentiana = Enzianblau). Hautpilze und infizierte Wunden lassen sich mit nichts anderem besser säubern; die Anti-Pilzwirkung ist 10 – 100 mal stärker als die üblicher Pilzcremes (zB als Clotrimazol, Canesten oä). Die WHO bewertet daher Pyoctanin als  ein essentielles Medikament. Die grossflächige Blaubemalung neurodermitiskranker Kinder kennen viele Eltern aus Hautkliniken. Die Heilwirkung von Farbstoffen gegen Juckreiz und Ekzeme war lange bekannt, bevor aggressive Hautbakterien als Mitursache des atopischen Ekzems entdeckt wurden. Leider färben Farbstoffe – nicht nur die Haut, sondern auch die Kleidung. Ihre Anwendung ist daher in den letzten Jahren aus der Mode gekommen, wird aber noch immer v.a. in der Naturheilkunde geschätzt. So profitieren noch heute hautkranke Kinder von einem Farbspleen des verrückten Märchenkönigs. 

Schönsein und Neid

"Über ein Jahr nahm sich der König eine andere Gemahlin. Es war eine schöne Frau, aber sie war stolz und übermütig, und konnte nicht leiden dass sie an Schönheit von jemand sollte übertroffen werden. Sie hatte einen wunderbaren Spiegel, wenn sie vor den trat und sich darin beschaute, sprach sie: " Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?" so antwortete der Spiegel "Frau Königin, ihr seid die schönste im Land". Da war sie zufrieden, denn sie wusste dass der Spiegel die Wahrheit sagte. Sneewittchen aber wuchs heran, und wurde immer schöner, und als es sieben (!)  Jahr alt war, war es so schön, wie der klare Tag, und schöner als die Königin selbst. Als diese einmal ihren Spiegel fragte: "" Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?" so antwortete der Spiegel "Frau Königin, ihr seid die schönste hier, aber Sneewittchen ist tausendmal schöner als ihr". Da erschrak die Königin, und ward gelb und grün vor Neid. Von Stund an, wenn sie Sneewittchen erblickte, kehrte sich ihr das Herz im Leibe herum, so hasste sie das Mädchen. Und der Neid und Hochmut wuchsen wie ein Unkraut in ihrem Herzen immer höher, dass sie Tag ung Nacht keine Ruhe mehr hatte. Da rief sie einen Jäger und sprach "bring das Kind hinaus in den Wald, ich will`s nicht mehr vor meinen Augen sehen. Du sollst es töten, und mir Lunge und Leber zum Wahrzeichen mitbringen. " ....

Der Koch musste sie in Salz kochen, und das boßhafte Weib aß sie auf und meinte sie hätte Sneewittchens Lunge und Leber gegessen... 

Und da sann sie aufs neue, wie sie es umbringen wollte; denn so lange sie nicht die schönste war im Land, ließ ihr der Neid keine Ruhe...

Zu dem Fest wurde auch Sneewittchens gottlose Stiefmutter eingeladen. Wie sie sich nun mit schönen Kleidern angetan hatte, trat sie vor den Spiegel und sprach: " Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die schönste im ganzen Land?" Der Spiegel antwortete "Frau Königin, ihr seid die schönste ier, aber die junge Königin ist tausendmal schöner als ihr." Da stieß das böse Weib einen Fluch aus, und ward ihr so angst, so angst, dass sie sich nicht zu lassen wusste. Sie wollte zuerst gar nicht auf die Hochzeit kommen: doch ließ es ihr keine Ruhe, sie musste fort und die junge Königin sehen. Und wie sie hineintrat, erkannte sie Sneewittchen, und vor Angst und Schrecken stand sie da und konnte sich nicht regen. Aber es waren schon eiserne Pantoffeln über Kohlenfeuer gestellt und wurden mit Zangen herein getragen und vor sie hingestellt. Da musste sie in die rotglühenden Schuhe treten und so lange tanzen, bis sie tot zur Erde fiel". 

aus: Gebrüder Grimm, Kinder und Hausmärchen, Reclam, Ausgabe letzter Hand 1857  

Nach C.G. Jung repräsentiert die Stiefmutter in vielen Märchen den Archetypus des Schattens, der zerstörenden und verschlingenden Mutter. Zu der erotischen Ebene des Märchens Schneewittchen merkt der Erzählforscher Röhrich an, dass Schönheit in Märchen immer mit Liebe korrespondiert, was hier aber ausschließlich in pervertierter Form geschieht. In Grimms Märchen sind die Vorgänge – verglichen mit anderen Versionen – nahezu asexuell geschildert. Rölleke stellt fest, dass diese Tendenz in späteren Ausgaben noch zunimmt.Die Brüder Grimm haben sich mehrere Versionen des Märchens zusammengesucht und den Wortlaut verbunden und dadurch teilweise auch verkürzt. In der ersten Ausgabe von 1812 ist die Königin die leibliche Mutter. Als Herkunft der Grimmschen Fassungen werden Marie Hassenpflug, ferner Einflüsse von Ferdinand Siebert und Albert Ludewig Grimm (in Des Knaben Wunderhorn, 1809) vermutet. Ludwig Bechstein nahm 1845 eine inhaltlich nur leicht von der Grimmschen Geschichte abweichende Version als Schneeweißchen in sein Deutsches Märchenbuch auf. Mündliche Überlieferungen sind schon früh in fast allen Völkern Europas nachweisbar. Das Motiv, den Mord am eigenen Kind in der Wildnis in Auftrag zu geben und zum Beweis Organe zu verlangen, woraufhin der angeheuerte Mörder stattdessen Tiere tötet, taucht auch in Tausendundeine Nacht (224. Nacht) auf. Alexander Puschkin verfasste bereits in den 1820er Jahren ein Märchen in Versform unter dem Titel Das Märchen von der toten Prinzessin und den sieben Recken, oft auch kurz Die leblose/tote Prinzessin genannt. Das Nachkriegsautomobil Messerschmitt Kabinenroller KR200 mit seiner zur Seite abklappbaren Plexiglas-Kuppel, der Radio-Plattenspieler Braun SK 5 und das in den 1970er Jahren gebaute Automodell Volvo P1800 ES wurden wegen ihres besonders schönen Aussehens Schneewittchensarg genannt. Gekürzt nach „Wikipedia: Schneewittchen“

Wie der Zauberberg Neurodermitis heilte...

Gemessen an der Anzahl der Krankenbetten, befanden sich bis vor wenigen Jahren die grössten europäischen Hautkliniken im Schweizer Kurort Davos. Mehrere Generationen Münchner Hautärzte begannen ihre Laufbahn als Dermatologen – und verbesserten ihre Skifahrkenntnisse - in den Schweizer Bergen. Wie kam die Medizin ins Schweizer Bergdorf? Die bekannteste Hautklinik im Ortszentrum hieß „Alexanderhausklinik“ – dieser Name zeigt den Weg. Die Klinik wurde benannt nach dem Arzt Alexander Spengler, geboren 1827 in Mannheim. Nach seinem Medizinstudium beteiligte sich der junge Spengler an der bürgerlichen Revolution von 1848. Nach ihrem Scheitern zum Tode verurteilt, floh er in die Schweiz und wurde 1853 Landarzt in Davos. In diesem unbekannten, unzugänglichen Bergdorf entwickelte Spengler zusammen mit Anderen eine neue Heilmethode für die Tuberkulose – die Liegekur im Höhenreizklima. Sie bemerkten die besondere Heilwirkung der Sonne, des immunologisch stimulierenden Reizklimas und die Allergenarmut der Bergluft. Da Antibiotika unbekannt waren, raffte die Tuberkulose im 19. Jahrhundert Tausende dahin, sie wurde „die weisse Pest“ genannt, war aber v.a. als „Schwindsucht“ berüchtigt. In „La Boheme“, „La Traviata“, der „Kameliendame“ sind der Krankheit und ihren Opfern Denkmäler gesetzt worden. Nach Alexander Spengler kamen viele andere, teils berühmte Ärzte nach Davos, eröffneten prachtvolle Sanatorien und Kliniken und legten den Grundstein zum mondänen Kurort der Jahrhundertwende. Sein Sohn Carl Spengler trat in die Fussstapfen seines Vaters. Er studierte Medizin ua in Heidelberg, promovierte und  ging ebenfalls nach Davos (seine Dissertation handelte von der angeblichen Erblichkeit bestimmter Knochenveränderungen; besonders detailliert schildert er darin die Knochenauswüchse einer jungen Dame namens Aurelie, der Tochter eines Maulwurfsfängers (!)). Als Assistensarzt führte Carl Spengler 1888 in Strassburg zusammen mit C.H. Quincke erstmals eine Thorakoplastik aus; ganze 40 Jahre bevor der grosse Chirurg Sauerbruch damit berühmt wurde und diese Brustkorboperation in Berlin und Davos zur Tuberkulosetherapie einsetzte. Nach seiner Rückkehr nach Davos ließ Spengler junior sich im Alexanderhaus in der Praxis seines Vaters nieder; sein Bruder Lucius übernahm 1900 die Leistung des Sanatoriums Schatzalp ( in dem man noch heute als Gesunder in sehenswert nostalgischem Rahmen Urlaub machen kann). 1882 hatte Robert Koch in Berlin das Tuberkelbakterium entdeckt und kurz danach – als Heilmethode – das Mittel Tuberkulinum erfunden. Carl Spengler besorgte sich das Medikament, arbeitete erfolgreich damit, wurde daraufhin Mitarbeiter von Robert Koch und von diesem sogar in seiner Nobelpreisrede 1905 erwähnt. Aus Robert Kochs Tuberkulinum entwickelte Carl Spengler bis 1936 eine aktiv-passive Immunisationsmethode, das Tuberkulose IK, später Spenglersan T genannt. Die berühmten Tuberkulosekranken der Zeit vor dem 1. Weltkrieg – ob Ernst Ludwig Kirchner, Klabund oder Katja Mann – wurden grossenteils vor allem durch die monatelangen Klimaliegekuren, aber auch mittels Spenglersan K kuriert. Eindrucksvoll geschildert wurden die Heilmethoden dieser Zeit, die besonderen Persönlichkeiten der Davoser Ärzte und die Stimmung in dem mondänen Kurort durch Thomas Manns Buch „Zauberberg“. Nach Ende des 1. Weltkriegs schlossen viele Tuberkulosekliniken. Eine neue „weisse Pest“ drangsalierte die Menschen: 1918 fegte die spanische Grippe um die Welt,  eine furchtbare Grippeepidemie – etwa 100 Millionen Menschen starben. Carl Spengler entwickelte zu ihrer Behandlung das Grippe IK,  heute als Spenglersan G bekannt (und in der Naturheilkunde zur Immunstimulation noch sehr beliebt). Um die Weltkriegsgegner zu versöhnen, stiftete er den „Spengler-Cup“, bei dem bis heute die besten Eishockey-Teams der Welt einmal jährlich in Davos gegeneinander antreten. Wie aber kamen die Hautkliniken nach Davos? Nach dem Ende des 2. Weltkriegs, der Entdeckung und grossindustriellen Herstellung von Antibiotika standen die Tuberkulosekliniken in Davos leer. Der Münchner Dermatologe Borelli suchte damals, angeregt von seinem Lehrer Marchionini, einen Ort, an dem Allergiekranke und Hautkranke mittels immunstimulierendem, allergenarmem Reizklima behandelt werden konnten. Davos bot sowohl vom Heilklima als auch seiner Infrastruktur – den leeren Klinikbetten – ideale Voraussetzungen. Nachdem die deutschen Krankenkassen und Rentenversicherungen von der Heilwirkung des allergenarmen Höhenreizklimas bei Neurodermitis, Asthma, Schuppenflechte und anderen chronischen Hautkrankheiten überzeugt werden konnten, wurden aus den alten Tuberkulosekuranstalten moderne Haut- und Allergiekliniken für deutsche, holländische und schweizer Patienten. Viele Jahre bestand eine enge Kooperation zwischen der Münchner  Universitätshautklinik am Biederstein und der Alexanderhausklinik, mitsamt ihren Dependancen. Auch die Züricher Hautklinik hatte ihren Ableger in den Graubündner Bergen, ebenso wie das niederländische Asthmazentrum. Durch die Gesundheitsreformen der Jahrtausendwende wurde diesen Kliniken die wirtschaftliche Basis entzogen, sie mussten fast alle schliessen. Heute ist nur noch eine Klinik für Patienten aus Deutschland übrig geblieben, in der in kleinerem Maßstab Allergiker und chronisch Hautkranke behandelt werden. 

Milch – die reine Lebenskraft?

Zahlreiche Patienten bitten uns in der Praxis, sie wegen des Verdachts auf eine Milchallergie zu testen. Interessanterweise kommt diese Fragestellung bei unseren asiatischen Mitbürgern fast nie vor – sie trinken einfach keine Milch. Ist Ihnen eigentlich schon einmal aufgefallen, dass die chinesische, koreanische oder indochinesische Küche praktisch keine Milchgerichte kennt?  Keine Sahnesossen, keine Käsegratins, keine Buttersoßen… Nur Eiscreme zum Nachtisch, dieses Zugeständnis an den westlichen Geschmack gestehen viele Chinarestaurants uns zu.  Viele asiatische Völker verabscheuen den Milchgeschmack aufs heftigste; die Aussicht auf ein leckeres Glas kalter Milch führt bei Ihnen zu heftigstem Würgereiz. Wie kann es sein, dass Milch in unseren Breiten als nahezu ideales Nahrungsmittel gilt – unersätzlich für Babys, wichtig für Bodybuilder ebenso wie für den Kalkgehalt mittelalter Frauen, während Millionen Asiaten darin ein schleimiges, eklig schmeckendes Drüsensekret gezähmter Wiederkäuer sehen?  Vor allem der amerikanischen Landwirtschaft ist es gelungen, Milch und Milchprodukte zu etwas unnachahmlich Gutem zu stilisieren. Zwischen 1955 und 1975 schickten die USA im Rahmen ihrer Entwicklungshilfe Millionen Tonnen Trockenmilchpulver an Bedürftige in aller Welt – es galt als selbstverständlich und über jeden Zweifel erhaben, dass Kuhmilch wie in Europa und Amerika auch in der übrigen Welt als wertvolles Nahrungsmittel gelte. Erstaunlicherweise lehnten die meisten asiatischen Ländern diese Entwicklungshilfe ab – die Menschen hatten eine ausgeprägte Abneigung dagegen. Also ging ein grosser Teil nach Südamerika und andere nichtasiatische Gegenden.  Seit 1962 wurden beispielsweise ca. 40 Millionen Tonnen nach Brasilien verschifft. Bald schon gab es Berichte, dass die Empfänger gar nicht froh mit dieser milden Gabe wurden – zahlreiche Brasilianer klagten über Blähungen, Durchfälle und Darmkrämpfe. Es dauerte lange, bis man diese Beschwerden ernst nahm. Anfangs schob man die Probleme auf unsauberes Wasser, falsches Anmischen des Pulvers usw. Doch nicht nur Brasilianer mit indigenen oder afrikanischen Vorfahren beklagten sich über das Milchpulver. Auch Indianer und Schwarze in den USA selbst klagten über ähnliche Beschwerden.  Erst 1965 entdeckten Forscher der John Hopkins Medical School die Ursache dafür: die Unterleibsprobleme entstanden, weil die Betroffenen nicht in der Lage waren, den Milchzucker zu verdauen. Der Milchzucker, Lactose genannt, ist in jeder Milch vorhanden – ausser der Milch von Seehunden, Seelöwen und Walrossen. 75% aller dunkelhäutigen Amerikaner fehlt das Enzym Lactase, welches für die Lactoseverwertung benötigt wird. Weisse Amerikaner dagegen verfügen in 75% über sehr viel Lactase. Als milchtrinkender Mitteleuropäer glaubt man vielleicht, ein Lactasemangel – und damit die Milchunverträglichkeit – sei abnorm. Weit gefehlt! Abnorm ist im Gegenteil der Zustand, dass ein Mensch grosse Mengen Milch verträgt. 95% aller Chinesen, Japaner, Koreaner oder sonstigen Ostasiaten können Milchzucker nicht oder schlecht verdauen. Bei den Ureinwohnern Neuguineas oder Australiens, in West- oder Zentralafrika gibt es fast überhaupt keine Menschen, die Milchzucker verdauen können. Europäer nördlich der Alpen sind – zusammen mit ihren „Nachfahren“ in den USA und anderen ehemaligen Kolonien – fast die einzigen grösseren Menschengruppen, die Milchzucker essen können. In den Beneluxstaten und Skandinavien verfügen 95 % der Menschen über genügend Lactase, um in Milch zu schwelgen. Auch Nordinder, Beduinen Arabiens und hirtennomadische Stämme in Nordnigeria und Ostafrika können sich von Milch ernähren. Warum aber können junge Säugetiere – und menschliche Babys - offensichtlich ihre Muttermilch gut verarbeiten? Warum verlieren so viele Säugetiere einschliesslich der Menschen die Fähigkeit zur Milchverdauung als Erwachsene? War dies bei Tieren der einfachste Weg, ältere Nachkommen zugunsten der Jüngeren von der Muttermilch zu entwöhnen? Und überhaupt – wieso gibt es so ausgeprägte ethnische Unterschiede bei der Milchverträglichkeit? Über die Antwort auf diese Fragen können Sie ein wenig bei einer guten Tasse warmer Milch nachdenken – die Antworten folgen vielleicht später hier - ein witziges, wahres Wunder der Biologie.  

"Ich rüttle dich und schüttle dich..." - Poesie mit Backenbart

Nach dem Tod von Gottfried Benn war der dermatologische Dichterthron lange unbesetzt. In den letzten Jahren mendelt sich ein neuer Dichterfürst heraus, der die Poesie der Dermatologie ganz anders, aber treffend in Versform bringt: Ole Haldrup. Im Feuilleton der FAZ wurde Anfang 2012 die detektivische Suche nach Herkunft und Wurzeln des neuen Dichterfürsten beschrieben. Das Ergebnis war spärlich, wird aber trotzdem demnächst unter dem Titel "Der Dichterkomplex" in einem Opus magnum von  Frank Schirrmacher publiziert. Haldrup führt ein Leben im Verborgenen; nur der unermüdlichen Förderung durch den Freiburger Dermatologen R. Happle ist es zu verdanken, dass die Perlen seiner Dichtkunst weitere Verbreitung fanden und finden. Einige Beispiele  für sein Werk: 

Papula:

Oft muss ein ganzer Stapel Pillen

den Juckreiz einer Papel stillen

 

Macula:

Am Hals der Gräfin leuchtet schon 

die dritte Macula.

Die Zofen flüstern: Weilt in unser

Mitte Dracula?

 

Hämatogenes Ekzem: 

Man soll nach den Testikeln sehn,

ob dort nicht auch Vesikel stehn. 

 

Trichologie: 

Man spritzte Herr Meier aus Dorsten,

um sein schütteres Haar aufzuforsten, 

Frischzellen vom Schweine.

Jetzt sind seine Beine

bedeckt mit rosigen Borsten.

 

Venerologie: 

Es betrügt eine Dame aus Landquart

ihren Dankwart mit einem Tankwart.

Der liebt sie nur mündlich,

aber so gründlich,

dass auch Dankwart vom Tankwart

krank ward. 

 

Es bemerkte ein Knabe aus Queck

an seinem Organ einen Fleck.

Sein Schrecken war groß,

doch der Doktor sprach bloß: 

"Du Idiot, wisch den Lippenstift weg".

 

Andrologie: 

Es war mal ein Jäger aus Lügde,

dem manch schöne Chance missglückte. 

Zu seinem Verdruß

tat er immer den Schuß, 

bevor er die Flinte zückte. 

 

In ihrem Witz, ihren tragischen Wendungen und überraschenden Pointen stehen diese Kleinodien fest gewurzelt in Benn`s anarchischem Werk. 

 

Verfluchter alter Abraham,

zwölf schwere Plagen Isaake

haun dir mit einer Nudelhacke

den alten Zeugeschwengel lahm.

Könnte solcherart existentielle Abrechnung Benn`s mit seinem Vater, verstechnisch gesehen, nicht auch von Ole Haldrup stammen? Er schweigt dazu; nur sein Werk soll für ihn sprechen... Jedem Dermatologen sei daher ein Besuch der Webseite www.nereus-verlag.de angeraten. Hier ist mancher Schatz zu heben. 

Luthers Laus

Die Laus wurde Adam und Eva bekanntlich von Gott in den Pelz gesetzt, damit frühmenschliche Hautschamanen nicht arbeitslos wurden. Die Lebenswelt der Laus ist seitdem die Oberfläche von Kopf und Körper - nicht jedoch das Innere des Menschen. Ein Leser der Süddeutschen Zeitung fragte sich, woher das Sprichworte komme, dass einem "Die Laus über die Leber läuft". Die kluge Fr. Weidinger antwortete am 18.8.12 wie folgt: "Sehr geehrter Herr G., sie hat ein lausiges Los, die Laus, wird sie doch in einer Fülle von Redewendungen dazu verdonnert, miese kleine Sachverhalte zu umschreiben. Oder Lausejungen zu beschimpfen. Oder sich über lausekaltes Wetter und lausige Kälte zu ärgern. Oder einer macht seinem Erstaunen Luft, indem er ruft: Mich laust der Affe. In Luthers "Tischreden" wird - ähnlich wie aus einer Mücke ein Elephant - aus einer Laus ein Kamel gemacht, das heißt,  etwas Wertloses wird fälschlicherweise hochgespielt. Und jemandem, dem etwas (eine Laus) über die Leber gelaufen ist, der hat sich sehr geärgert oder schrecklich beleidigt gefühlt. Anfänglich war die Laus in dieser Redewendung gar nicht vorhanden, die Leber stand im Mittelpunkt, galt sie doch in der Medizin des Altertums und des Mittelalters als jener Ort, am dem sich die leidenschaftlichen Wallungen und Empfindungen konzentrierten, wo die Lebenssäfte und Temperamente sprudelten. Dass später die Laus das neutrale Etwas der Redewendungen belebte, war der Vorliebe zuzuschreiben, mit dem die redensartlich gefärbte Sprache den Stabreim nutzte."  

Das geht auf keine Kuhhaut

Die Haut der Kuh ist erheblich grösser als die knapp 2  Quadratmeter menschliche Haut. Früher wurde als Papierersatz sog. Pergament verwendet, eine gelbliche Folie, die aus Schaf-, Ziegen-, Lamm oder Kuhhaut erzeugt wurde. Wenn etwas auf keine Kuhhaut geht, bedeutet das, es passt auf kein noch so grosses Pergament. Der erste Beleg für diese Redensart stammt von 1240. Seit dem Altertum wird bearbeitete Tierhaut als Vorläufer des Papiers als Schreibunterlage verwendet. Im Orient nahm man zu Beginn der Menschheitsgeschichte Leder zum Schreiben. Im Gegensatz zu Leder bei der Pergamentherstellung die Tierhaut in eine Kalklösung gelegt, bevor Haare, Oberhaut und anhaftende Fleischreste abgeschabt werden. Anschließend wird die Haut gereinigt, gespannt und getrocknet. Die Oberfläche wird mit Bimsstein geglättet und mit Kreide geweißt. Je nach Sorgfalt der Bearbeitung bleibt die unterschiedliche Oberflächenstruktur von Fleisch- und Haarseite erhalten: die Fleischseite ist glatt, die Haarseite zeigt die Poren. Die Bezeichnung Pergament stammt vom Ortsnamen Pergamon, einem heute an der Westküste der Türkei gelegenen Ort. Pergamena bedeutet „pergamenische Häute“. Nach Plinius hatte der ägyptische König Ptolemaios den Papyrusexport nach Pergamon verboten, woraufhin die Pergamener das Pergament als Ersatz erfanden. Die ältesten Dokumente griechischer Sprache auf Pergament stammen aus dem 2. Jh. v. Chr. Bis ins Spätmittelalter wurden viele kostbare Dokumente auf Pergament geschrieben. Da Pergament lichtdurchlässig ist, wurden auch Lampen und Fenster mit Pergament (Tierhaut!) verkleidet; Holzschilde wurden damit beklebt, und Arm- und Beinprothesen damit verstärkt. 

Hefeextrakt statt Glutamat

Glutamat ist ein Natriumsalz der Glutaminsäure. 1908 vom Japaner Kikunae Ikeda entdeckt, wurde Glutamat als reiner Träger der Geschmacksqualität „Umami“ ( das bedeutet auf Japanisch „Köstlichkeit“) identifiziert. Umami gilt heute als 5. Grundgeschmacksrichtung, neben salzig, sauer, süß, bitter. Kein Wunder, dass Glutamat zunächst in Asien, dann aber überall als Würzmittel und Geschmacksverstärker seinen Siegeszug startete. Weltweit werden jährlich ca. 1,5 Millionen Tonnen Glutamat produziert, industriell hergestellt aus eiweisshaltigen pflanzlichen und tierischen Rohstoffen. Auch in Deutschland ist Glutamat ein wichtiger Zusatzstoff in Würzmitteln und in Fertigprodukten wie Pizza, Knabberartikel, Suppen, Wurst usw. Glutamat wird überall dort zugesetzt, wo eine „fleischig-würzige“, „herzhafte“ Geschmacksnote gewünscht wird. Wird Glutamat eingesetzt, ist dies am Etikett an der E-Nummer erkennbar.  6 verschiedene Glutamate sind erlaubt – E 620 bis E 625, am häufigsten E 621 Mononatriumglutamat. Unter aufgeklärten Verbrauchern hat Glutamat ein schlechtes Image – schlechte Köche peppen damit ihre Gerichte auf, wir gewöhnen uns an einen Einheitsgeschmack, vielleicht stört Glutamat im Gehirn die Appetitsteuerung von Kindern und Jugendlichen und fördert damit Übergewicht, angeblich verursacht Glutamat das "China-Restaurant-Syndrom"... Interessante Fragen, aber sehr umstritten unter Wissenschaftlern. Zumindest in kleineren Mengen ist Glutamat sicher nicht gesundheitschädlich.  Trotzdem verkaufen sich viele Nahrungsmittel besser mit der Aussage „ohne Geschmacksverstärker“.  Viele Lebensmittelhersteller gehen daher dazu über, ihren Produkten statt reinem, deklarationspflichtigem Glutamat Hefeextrakte beizumischen. Dabei werden Kulturen von Zuchthefe auf 50 Grad erhitzt (oder mit Salzsäure versetzt) und zerstört, der übriggebliebene Hefezellextrakt enthält hohe Konzentrationen an Glutamat. Da diese Extrakte immer Mischungen von Eiweiss, Glutamat, Vitaminen und Mineralstoffen sind, gelten sie nicht als Geschmacksverstärker – Geschmacksverstärker sind laut EU Definition immer Reinstoffe.  Verbraucherschützer reden von Etikettenschwindel, wenn auf einer Suppenpackung steht „ohne Geschmacksverstärker“, auf der Zutatenliste aber Hefeextrakt erwähnt wird. Ein "wunderbares" Beispiel dafür, wie die Industrie den staatlichen Regulierungsbemühungen ein Schnippchen schlagen kann. Aber: Hauptsache, es schmeckt; oder wie wir Saarländer sagen: "Hauptsach gutt gäss". 

P.S: Wobei der gemeine Saarländer exotischem Schina-Gewürz eher misstraut und stattdessen seit jeher die "Maggiwürze" deutlich bevorzugt - diese wiederum enthält ebenfalls Glutamat. 

P.P.S: Wer hat`s erfunden? Die Schweizer! Genauer: der Schweizer Julius Maggi 1886.

P.P.P.S: Liebstöckel, das Maggikraut, ist in Maggi nicht enthalten

P.P.P.P.S: in Vietnam ist "Maggi" so populär, dass die Vietnamesen "Maggiwürze" für ein einheimisches Produkt halten

P.P.P.P.P.s: liebe Schweizer, auch wenn ihr es erfunden habt - schon seit 1887 steht das Stammhaus der Firma in Deutschland; also ist Maggi eigentlich doch ein deutsches Produkt; aber in der Neuen Deutschen Küche (mindestens genauso gut wie die Neue Skandinavische Küche oder die Neue Spanische Küche ) wird Maggi sowieso nur noch eher selten verwendet

Verjüngung in der Hexenküche (oder: auf dem AntiAging-Kongress)

Faust: Mir widerstrebt das tolle Zauberwesen.  Versprichst du mir, ich soll genesen   in diesem Wust der Raserei?  Verlang`ich Rat von einem alten Weibe?   Und schafft die Sudelköcherei   wohl dreissig Jahre mir vom Leibe?   Weh mir, wenn du nichts bessers weißt!   Schon ist die Hoffnung mir verschwunden.   Hat die Natur und hat ein edler Geist   nicht irgendeinen Balsam aufgefunden?

Mephistopheles: Mein Freund, nun sprichst du wieder klug!   Dich zu verjüngen gibt`s auch ein natürlich Mittel;  Allein es steht in einem andern Buch   und ist ein wunderlich Kapitel. 

Faust: Ich will es wissen !

Mephistopheles: Gut! Ein Mittel, ohne Geld   und Arzt und Zauberei zu haben;   Begib dich gleich hinaus aufs Feld,   fang an zu hacken und zu graben,   erhalte dich und deinen Sinn   in einem ganz beschränkten Kreise,    ernähre dich mit ungemischter Speise,   leb mit dem Vieh als Vieh und acht es nicht für Raub,   den Acker, den du erntest, selbst zu düngen!   Das ist das beste Mittel, glaub,   auf achzig Jahr dich zu verjüngen!

Faust: Das bin ich nicht gewöhnt, ich kann mich nicht bequemen,    den Spaten in die Hand zu nehmen;    Das enge Leben steht mir gar nicht an.

Mephistopheles: So muß denn doch die Hexe dran!

...

Die Hexe: (mit seltsamen Gebärden, zieht einen Kreis, stellt wunderbare Sachen hinein... Sie winkt Faust, zu ihr zu treten)

Faust (zu Mephistopheles): Nein, sage mir: was soll das werden?   Das tolle Zeug, die rasenden Gebärden,   der abgeschmackteste Betrug -  sind mir bekannt, verhaßt genug!

Mephistopheles: Ei, Possen. Das ist nur zum Lachen;   Sei nur nicht so ein strenger Mann!   Sie muß als Arzt ein Hokuspokus machen,   damit der Saft dir wohl gedeihen kann.       

aus: Faust I, Goethe, ca. 1788 

Die 3 Erkenntnisstufen der Medizin

Früher: "Das ist nicht wahr"

Gestern: "Das ist nicht so wichtig"

Heute: "Das ist weiter nichts neues"

Jesuitenpulver, Hahnemann und Wodka Lemon 

Bei der gnadenlosen Eroberung Südamerikas ging es den edlen Rittern von der iberischen Halbinsel oft recht elend: sie wurden von Fieberschüben der Malaria (und vielen anderen Tropenkrankheiten) geplagt. Ihre Ärzte praktizierten nach den Prinzipien der antiken Säftelehre - fiebersenkende Mittel hatten bitter zu sein. So stießen sie bei der Suche nach einem Malariaheilmittel auf die Rinde der Cinchona-Bäume, die in Südamerikas Bergen beheimatet sind. Der Name "Cinchona" geht angeblich auf die Heilung der Gräfin von Cinchon, der Gattin des spanischen Vizekönigs von Peru zurück. 1639 wurde ihre Malaria durch ein bitteres Rindenextraxt geheilt, welches ihr ein Jesuitenpater zubereitet hatte. Der Botaniker von Linne nahm dies zum Anlass, der Pflanzengattung den Namen Cinchona zu geben. Besser bekannt ist die Pflanze heute als Chinarindenbaum. Mit China oder Asien hat dies nichts zu tun: auf Peruanisch hieß Rinde "Kina".  Man vermutet übrigens, dass die Malaria erst durch die Spanier nach Südamerika eingeschleppt wurde - die Chinarinde ist als keine Naturmedizin der indianischen Ureinwohner gewesen. Heute wissen wir, dass Chinabaumrinde ca. 6,5% Alkaloide enthält, vor allem Chinin und Chinidin. Ihr bitterer Geschmack beruht auf diesen Alkaloiden und Triterpen-Bitterstoffglykosiden. Eigentlich wurde damals eine andere, sehr begehrte Baumrinde "Kina-Kina" genannt - Myroxylum balsamum. Sie lieferte den begehrten Perubalsam (sic! siehe dort). Da die Perubalsam - Rinde sehr teuer war, wurde sie wohl mit Cinchona-Rinde gestreckt - der Verschnitt wirkte überraschenderweise stärker fiebersenkend, und war bald teuerer als reiner Perubalsam. Die Jesuiten brachten die Chinarinde nach Europa; schon 1687 wird sie erstmals in deutschen Arzneibüchern erwähnt.  Bis zur Erforschung und Entdeckung des Malariaerregers war Chinarinde Mittel der Wahl gegen Malaria. Im Jahr 1790 berichtet der hochgelehrte, umtriebiger Leipziger Arzt, Wissenschaftler und Schriftsteller Dr. Hahnemann darüber, dass bei ihm in einem Selbstversuch die Einnahme von Chinarinde zu heftigem Fieber geführt habe. Er wusste, dass Chinarinde ein bewährtes Fieber- und Malariamittel war. Er glaubte darüberhinaus daran, dass man "Gleiches mit Gleichem", "Ähnliches mit Ähnlichem" heilen könne. So gilt dieser historische Selbstversuch mit Chinarinde als Ausgangspunkt des homöopathischen Prinzips "similia similibus curentur" - diejenige (niedrigdosierte) Substanz soll zur Krankheitsheilung eingesetzt werden, welche hochdosiert die gleichen Symptome hervorruft wie die Krankheit selbst. So weit, so gut? Leider wissen wir heute, dass die Einnahme von hochdosierter Chinarinde kein Fieber verursacht. Hahnemann, der mit seinen wissenschaftlichen Versuchen den meisten Ärzten seiner Zeit weit voraus war, ist wohl einem Trugschluss, einer Autosuggestion, erlegen. Eines der Fundamente der Homöopathie beruht also auf einem vermeintlich experimentellen Beweis, der leider falsch beobachtet war und aus dem falsche Schlussfolgerungen gezogen wurden. Das "Simile"-Prinzip war eigentlich keine Entdeckung Hahnemanns. Er war sehr belesen und kannte sicherlich die zahlreichen vorwissenschaftlichen Ärzte - von Paracelsus bis Hippokrates -, welche über Analogie- und Gleichheitsprinzipien die mysteriöse "Lebenskraft" beeinflussen wollten. Eine Wiederholung der alten Selbstversuche hat gezeigt, dass in den wenigsten Fällen die Ausgangssubstanzen homöopatischer Medikamente die Symptome erzeugen können, die man ihnen in der Literatur zuschreibt. Chinin behielt auch nach der Entdeckung der Malariaerreger seine medizinische Bedeutung; ein noch heute wichtiges Malariamittel enthält synthetisches Chinin. Die wirtschaftliche Bedeutung der Chinarinde geht darüber aber weit hinaus. Seit 1922 gab es ein "Kina"-Büro, welches die weltweite Chinarindenproduktion von ca. 1500 Tonnen Baumrinde regulierte. Die Vernichtung von Chinarindenplantagen des Kriegsgegners war im 2. Weltkrieg ein beliebtes taktisches Mittel zur Schwächung der Gegenseite . Erst die Synthese von Chloroquin und Primaquin lösten das Chinin nach dem Krieg als wichtigstes Malariamittel ab. Der Grossteil der Chininproduktion geht heute in die Lebensmittelindustrie. Das bittere Alkaloid wird Alkoholika und Erfrischungsgetränken als Geschmackstoff zugesetzt. Tonic Water und Bitter Lemon enthalten ca. 40-80 mg /Liter (zum Vergleich: eine Malariatablette enthält 250 mg, die Malariabehandlung erfordet ca. 1000-1250 mg/Tag; ab drei Gramm entsteht der sog. China-Rausch mit Übelkeit, Schwindel, Ohrgeräuschen, Temperaturabfall mit Schüttelfrost - vielleicht Hahnemanns "Fieberzustand"? Das Fieberthermometer war zu seiner Zeit noch nicht erfunden). Die tödliche Dosis liegt bei 8-15 g reinem Chinin. Anhänger Hahnemanns argumentieren, dass er  vielleicht aufgrund einer Chininallergie Fieber entwickelt habe. Tatsächlich sind Chininallergien bekannt. Die Münchner Hautklinik am Biederstein veröffentlichte 2012 den Fall einer 19 jährigen Patientin, welche nach dem Genuss von Aperol, Gin Tonic und Wodka Lemon starke Allergiebeschwerden entwickelte. Als Ursache wurde eine eindeutige Chininallergie nachgewiesen. Fieber aber gehörte weder bei ihr noch anderen Chininallergikern zu den geklagten Beschwerden. Bitter für Betroffene: Chinin ist nur in alkoholfreien Getränken deklarationspflichtig; wer weiss schon, dass neben Wodka Lemon auch Aperol, mancher Glühwein und Jägermeister sowie viele andere "Magenliköre" das Extrakt der Chinarinde enthalten? 
 

Doktor Allwissend - oder: Denke nach und werde reich

"Es war einmal ein armer Bauer Namens Krebs, der fuhr mit zwei Ochsen ein Fuder Holz in die Stadt und verkaufte es für zwei Taler an einen Doktor. Wie ihm nun das Geld ausbezahlt wurde, saß der Doktor gerade zu Tisch: da sah der Bauer wie er schön aß und trank, und das Herz ging ihm danach auf er wäre auch gern ein Doktor gewesen. Also blieb er noch ein Weilchen stehen und fragte endlich ob er nicht auch könnte ein Doktor werden. "Oh ja", sagte der Doktor, "das ist bald geschehen". "Was muss ich tun?" fragte der Bauer. "Erstlich kauf dir ein ABC-Buch, so eins, wo vorn ein Göckelhahn drin ist; zweitens mache deinen Wagen und deine zwei Ochsen zu Geld und schaff dir damit Kleider an, und was sonst zur Doktorei gehört; drittens laß dir ein Schild malen mit den Worten "ich bin der Doktor Allwissend", und lass das oben über deine Haustüre nageln". Der Bauer tat alles, wie`s ihm geheißen war. Als er nun ein wenig gedoktert hatte, aber noch nicht viel, ward einem reichen großen Herrn Geld gestohlen. Da ward ihm von dem Doktor Allwissend gesagt, der in dem und dem Dorfe wohnte und auch wissen müsste, wo das Geld hingekommen wäre. Also ließ der Herrn seinen Wagen anspannen, fuhr hinaus ins Dorf und fragte bei ihm an ob er der Doktor Allwissend wäre? Ja, der wär er. So sollte er mitgehen und das gestohlene Geld wiederschaffen. Oh ja, aber die Grete, seine Frau, müsste auch mit.............................Nun zeigte der Doktor Allwissend dem Herrn wo das Geld lag, sagte aber nicht wer`s gestohlen hatte, bekam von beiden Seiten viel Geld zur Belohnung, und ward ein berühmter Mann."

Da fehlt doch was ?! Neugierig geworden auf die Erkenntnismethoden von Dr. Krebs Allwissend und seiner Frau Grete? Kostenloser Lehrgang bei Brüder Grimm, Kinder- und Hausmärchen. 

Dorian Gray - Forever young

„Wir wollen uns im Schatten niederlassen“, forderte ihn Lord Henry auf. „Wenn Sie sich noch länger den Sonnenstrahlen aussetzen, ruinieren Sie Ihren Teint, dann wird Basil Sie nie wieder malen wollen. Sie dürfen sich nicht von der  Sonne verbrennen lassen. Das würde Ihnen nicht gut stehen“.  „Was liegt denn daran!“ lachte Dorian.. „Es ist ausserordentlich  viel für Sie daran gelegen, Mr.Gray.“ „Weshalb denn?“. „Weil jetzt der Schmelz der Jugend Sie umgibt, und die Jugend ist doch das einzig Wertobjekt des Lebens.“ „Das finde ich nicht, Lord Henry“.  „Jetzt finden Sie es nicht. Aber eines Tages, wenn Sie alt, runzelig und hässlich geworden sein werden,  wenn die Gedankenarbeit Ihre Stirn durchfurcht hat und die Leidenschaft Ihre Lippen gebrandmarkt, dann werden Sie es herausfinden, und Sie werden schrecklich darunter zu leiden haben. ..Ihr Gesicht ist von vollendeter Schönheit, Mr. Gray. Regen Sie sich nicht darüber auf. Es ist so. Schönheit ist eine Erscheinungsform des Genies, und es ist sogar noch mehr als das Genie, da sie keines Beweises bedarf. .. Sie hat ein göttliches Recht auf Herrschaft. Sie macht diejenigen zu Fürsten, die sie besitzen.  Sie lächeln darüber! Ach, wenn Sie sie erst verloren haben, werden Sie nicht mehr lächeln. Es gibt Leute, die behaupten, dass die Schönheit etwas Überflüssiges sei. Sie mögen in Ihrer Weise recht haben. ..Für mich ist die Schönheit das Wunderbarste unter dem Wunderbaren. Nur törichte Menschen beurteilen die Dinge nicht nach ihrer Erscheinungsform… Jawohl  Mr. Gray, die Götter haben Sie bevorzugt. Aber was die Götter geben, fordern Sie oft plötzlich zurück. Sie haben nur über wenige Jahre zu verfügen, in denen es sich lohnt zu leben. Wenn Ihre Jugend dahin ist, ist es auch mit Ihrer Schönheit aus, alsdann werden Sie die Entdeckung machen, dass Sie keine Triumphe mehr zu feiern haben.. Jeder schwindende Monat bringt Sie dem scheusslichen Verfall näher…Ihre Gesichtsfarbe wird gelb, Ihre Wangen Fallen ein, und Ihr Blick wird stumpf“. .. . Dorian Gray lauschte, das Auge weit geöffnet, sein Gesicht zeigte den Ausdruck des höchsten Erstaunens. ..

Dorian trat behutsam vor sein Portraitbild, um es zu betrachten. Kaum war aber sein Blick auf dasselbe gefallen, da überzog eine leichte Röte seine Wangen vor Freude. Als er jetzt den Abglanz seiner eigenen Herrlichkeit erblickte, da begriff er erst die ganze Wahrheit des Gesagten. Der Tag, da sein Gesicht runzelig und welk, sein Auge trüb und farblos ward, die Anmut verflüchtet und seine Gestalt gebrochen und verwüstet, der  Tag des Verfalls musste kommen. Das Purpur seiner Lippen und das Gold seiner Haare mussten dahinschwinden.  Unedel, abstossend und hässlich sollte er werden.

Als er an alles das dachte, fühlte er einen wilden Schmerz, als wenn ein Messer ihm in die Brust gesenkt worden wäre; sein zarter Organismus bebte bis in die feinsten Verästelungen.. .Ihm war, als hätte eine eisige Hand sein Herz berührt.

„Wie traurig es doch ist!“ bemerkte Dorian Gray, während er seine Augen auf das Bildnis heftete. „Ich soll alt, abstossend und hässlich werden, während das Bild immer jung bleibt… Wenn es doch anders wäre! Wenn ich doch jung bliebe und das Bild dafür älter würde! Dafür würde ich alles hergeben! Es ist in der Tat nichts in der Welt für mich, das ich nicht dafür opfern könnte!  Meine Seele würde ich dafür hingeben!“ …“Ich weiss jetzt, dass, sobald man seine Schönheit – welcher Art sie auch immer sei – einbüßt, man alles verliert. Das Bild hat es mich gelehrt.  Lord Henry hat vollkommen recht.  Die Jugend ist das einzige Wertobjekt, das wir besitzen. Sobald ich bemerke, daß ich alt werde, töte ich mich.“     

Aus:Oscar Wilde: „Das Bildnis des Dorian Gray“ 1890

Das Dorian-Gray-Syndrom

Seelische Unfähigkeit zu altern und zu reifen, durch Ablehnung der eigenen Gestalt (Dysmorphophobie) und durch exzessiven Gebrauch sogenannter Lifestyle-Angebote. Im Jahr 2000 vom Psychologen Burkhard Brosig geprägt. Der Begriff lehnt sich an den Roman Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde an und nimmt ein Motiv des Werkes, die Unfähigkeit zu altern und damit auch seelisch zu reifen, im Sinne einer klinischen Beschreibung und syndromatischen Einordnung auf.

Psychodynamisch besteht eine Wechselwirkung zwischen narzisstischen Tendenzen (Stichwort: Alterslose Schönheit), Problemen der psychosexuellen Progression (Stichwort: Vermeidung von Entwicklung und Reife) und schließlich, im Sinne einer Abwehr, dem Gebrauch von Lifestyle-Angeboten in der Medizin. Dies dient als Mittel, ohne innere psychische Verarbeitung äußere Perfektion zu erreichen und ewige Jugend festzuhalten. Das so beschriebene Krankheitsbild weist dabei über die differentialdiagnostisch wichtigen Krankheitsbilder der Dysmorphophobie, der narzisstischen Persönlichkeitsstörung und der Paraphilien hinaus, weil das Ineinandergreifen dieser unterschiedlichen Dynamiken eben der Kernpunkt des Dorian-Gray-Syndroms ist und somit eine gesonderte klinische Entität darstellt. Nach vorsichtigen Schätzungen dürften 2 bis 3 % der Bevölkerung an dem beschriebenen Syndrom erkrankt sein . (nach: Wikipedia)

Barbie - "Bild" war dabei

Barbie - die plastiline Traumfrau älterer Männer und jüngerer Mädchen gilt gemeinhin als groteske Vision amerikanischer Schönheitsideale. In Wirklichkeit stammt Barbie aus - Deutschland.  Seit 1952 erschien bei der "Bildzeitung" ein Comic über ein süsses Dummchen namens Lilli. 1955 wurde die junge Comicdame als Herrenspielzeug hergestellt und erregte so die Aufmerksamkeit einer amerikanischen Unternehmerin. Diese Dame, Ruth Handler, kaufte die Rechte daran bei einer Europareise, gibt ihr den Namen ihrer Tochter - "Barbie" - und branchte die Schönheit 1959 zum Preis von 3 Dollar auf den Markt. Barbie wurde ein Riesenerfolg und die Erfolgsbasis des Spielzeugkonzerns Mattel (heute 4,7 Milliarden Euro Umsatz, 580 Millionen Gewinn, 28000 Mitarbeiter). Seit vielen Jahren hat Barbie einen richtigen Namen: Barbara Millicent Roberts. Man gab ihr eine Familienlegende ( sie sei die älteste Tochter von Margaret und George Roberts, mit Highschoolabschluss in Kalifornien und New York, mehreren Doktortiteln als Tierärztin, Kinderärztin, Zahnärztin und Frauenärztin, Führerschein und Pilotenlizenz. Barbie kandidierte in ihrem Universum sogar mehrmals für das Amt der US-Präsidentin. Das Schönheitsideal von Barbie ist flexibel: eine Frau mit den ursprünglichen Barbiemaßen wäre in der Wirklichkeit schwerbehindert, so deformiert sind ihre Körperproportionen (ursprünglich 39-18-33 Inch, das sind etwa 99-46-84 cm, zu grosser Kopf, zu kleine Füsse, zu dünne Arme, Bauch und Unterleib zu klein zur Aufnahme lebenswichtiger Organe...). Trotzdem gibt es Barbie-Versionen von Angela Merkel, Liz Mohn und zahlreichen Schauspielerinnen. Kleine Mädchen sind verrückt nach Barbie und lernen von ihr, wie man sich schminkt, kämmt und worauf es im Leben wirklich ankommt (geschmückte Pferde, hochhackige Schuhe, glitzernde Kleider, Ken...).  Die eigentliche Zielgruppe von Barbie ist heute 6-7 Jahre alt, vor einigen Jahren spielten dagegen noch 10 jährige intensiv mit Barbie. Besonders sympatisch ist die sogenannte "Barbie-Hass-Phase" - eine Zeit in der Entwicklung mancher Mädchen, in der durch Abreissen von Barbieköpfen oder Gliedmaßen der Abschied von der Kindheit zelebriert wird.  In den 60iger Jahren gab es Diätratgeber als Barbiezubehör, deren wichtigster Rat war:" Iss nichts". Als Barbie-Syndrom wird in der Schönheitschirurgie der Versuch mancher Frauen bezeichnet, mit operativen Eingriffen dem Aussehen von Barbie nahezukommen. Barbie verkörpert eben - nicht nur in den Augen ihrer Macher-  mehr als ein Schönheitsideal: Barbie ist ein Lebensgefühl - in Pink. Besonders gruselig wird dieses "Lebensgefühl" von der 29 jährigen Walerija Lukjanowa - Kunstname "Amatue" - verkörpert. Als "human barbie" hat sie - mutmaßlich - nicht nur ihre Brüste vergrössern, Fett absaugen und das Gesicht vielfältig umgestalten lassen. Für eine schmalere Taille hat sie wahrscheinlich sogar Rippen entfernen lassen.

Kunst + Kapital: mit Knollennase

John P. Morgan (1837-1913) war im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts neben Rockefeller einer der reichsten und einflussreichsten Menschen dieser Welt. Als junger Mann hatte er sich mit 300 $ von seiner Dienstpflicht im amerikanischen Bürgerkrieg freigekauft; durch undurchsichtige Waffenverkäufe in diesem Krieg zu erstem Geld gekommen, startete er eine phänomenale Karriere, die ihn am Ende grosse Teile der amerikanischen Eisenbahnen, der Stahlindustrie und des Bankenwesens kontrollieren ließ. Die Morgan-Chase Bank war 2010 die grösste Bank weltweit. Zu Morgans Imperium gehörte ua auch die "Titanic" - nur eine Erkrankung verhinderte, dass er an ihrer Jungfernfahrt teilnahm. Mr. Morgan litt seit etwa dem 15. Lebensjahr unter Rosacea. Die Krankheit entwickelte sich bei ihm rasch zu einer ausgeprägten Knollennase, dem Endstadium der männlichen Rosacea. Während seines Studiums ( ua in Göttingen 1856) verzichtete er darauf, einer schlagenden Verbindung beizutreten, da er weitere Verunstaltungen seines Gesichts befürchtete. Als reicher Finanzmagnat unterdrückte er Fotographien von sich, wo immer er konnte - oder ließ sie wenn immer möglich retuschieren. Trotz seines ungewöhnlichen Aussehens war er bis ins hohe Alter ein unermüdlicher, und erfolgreicher Schürzenjäger. Zu seinen Hobbies zählte der Kunstkauf - und die Unterstützung amerikanischer Museen. Von 1904 bis 1913 war er Direktor des Museum of Modern Art in New York. Zeitweise war auch das Gemälde "Greis mit Kind" (1488, D. Ghirlandaio) in seinem Besitz; es zeigt einen älteren Mann mit ausgeprägter Knollennase. Der Kurater des Metropolitan Museum of Art sagte über Morgan: er sei "der häßlichste, der abstoßendste Mann mit einer Nase wie eine riesengrosse Erdbeere" gewesen. Morgan lobte eine 100 000 Dollar Prämie aus für eine Heilung seines Rhinophyms, musste die Prämie aber nie bezahlten. Einige Jahrzehnte später hätte Morgan vielleicht die Bilder von Andy Warhol gesammelt - auch er ein Rosacea-Patient. Andy Warhol kämpfte sein Leben lang gegen seine Rosacea; er verglich sich selbst mit "Rudolf, the red-nosed reindeer". 1957 ließ er sich die Nasenwucherungen mittel Dermabrasion abschleifen. Seit dieser Operation interessierten ihn die Methoden der plastischen Chirurgie. Eine seiner Schöpfungen - "Bevor and after"/Whitney Museeum New York - erhebt eine gelungene Nasenoperation zum Kunstobjekt. J.P. und Andy hätten sich sicher verstanden; beide liebten Kunst und Kapital. Die Aussage "Kunst = Kapital" stammt allerdings von Josef Beuys (den Warhol sehr bewunderte) - und sie bedeutet etwas ganz anderes, als man gemeinhin vermutet. Aber das ist wieder eine andere Geschichte....

Europa-Allergie

Mancher Einwohner der EU mag unter einer Europa-Allergie leiden; dass der Beitritt zur Europäischen Gemeinschaft tatsächlich ein allergologisches Risiko darstellt, haben Epidemiologen in Polen herausgefunden. Im Jahr 2003, ein Jahr vor dem EU Beitritt, lag dort in ländlichen Gegenden die Allergie (Atopie-) Häufigkeit bei 7 % - um bis zum Jahr 2012 auf 20% anzusteigen. Der Grund dafür? Darüber wird noch spekuliert. Möglicherweise liegt die Ursache im Rückgang der landwirtschaftlichen Aktivitäten nach dem Beitritt. 2003 hielten viele Polen noch Kühe oder Schweine auf kleinen Höfen. Das wurde in der EU unrentabel, die Tiere wurden abgeschaft. 2003 hatten noch etwa 20-30% der Polen direkten Kontakt zu Nutztieren, 10 Jahre später waren es nur noch 4-14%. Wir wissen, dass der Kontakt mit Kühen oder Schweinen im Kindesalter einen schützenden Effekt auf das Immunsystem hat. Wahrscheinlich trainiert der Tierkontakt das Immunsystem so, dass die Allergiebereitschaft später sinkt. Wie unsere Grosseltern schon wussten: Kinder, die im Dreck spielen, sind gesund.

Stuka-Tabletten: rock die Technowelle

Ein junger, fahrig wirkender Mann beklagt sich über Hautentzündungen, Haarausfall und Schlafstörungen. Im Gespräch erzählt er von seinem grossen Hobby: Party-machen von Freitag bis Sonntag. Um gut drauf zu sein, konsumiere er regelmässig verschiedene Muntermacher, u.a. Ecstasy, Crystel, Ritalin, zum Runterkommen auch Cannabis. Hier ist der Hautarzt überfordert - zur weiteren Behandlung wurde er an eine suchtmedizinische Einrichtung überwiesen. Was hatte dem Mann die Party so gründlich verdorben? Um was handelt es sich bei dem von ihm bevorzugten Aufputschmittel Crystal (alias Speed, Crystal Meth, Dixies, Diamonds ....)? Nach der erstmaligen Synthetisierung 1893 wurde in Deutschland seit 1937 ein Medikament namens "Pervitin"  vermarktet. Sein Wirkspektrum: Dämpfung von Angst, Hunger, Müdigkeit, Steigerung der Leistungsfähigkeit und Konzentration. Bald schon entdeckte (nicht nur) die deutsche Wehrmacht das Potential der Substanz für ihre Zwecke und wurde jahrelang zum Hauptabnehmer der Pillen. Mehr als 35 Millionen Pervitin-Tabletten wurden im 2. Weltkrieg an deutsche Soldaten verteilt; in der kämpfenden Truppe waren sie berühmt-berüchtigt unter Namen wie Fliegerschokolade, Panzerschokolade, Stuka-Tabletten oder Hermann-Göring-Pillen. Rasch entdeckten Ärzte aber auch ihr erhebliches Suchtpotential, sodass die Pillen ab 1941 dem Reichsopiumgesetz unterlagen. Nach dem Krieg wurde das Medikament im Vietnamkrieg, aber auch im Sportdoping munter weiter verwendet, bis es 1988 aus dem Handel verschwand. Natürlich blieb die Nachfrage nach einer solch "sagenhaften" Substanz weiter bestehen. Verschiedene Amphetamin-Abkömmlinge waren und sind bis heute als Medikament erhältlich - und dienen nicht wenigen Schülern und Studenten als illegale Wachmacher vor wichtigen Prüfungen. Natürlich entstand auch rasch ein Schwarzmarkt - Pervitin`s Inhaltsstoff N-Methylamphetamin lässt sich leicht in illegalen Drogenküchen zusammenbrauen.  Man schätzt, dass weltweit ca. 26 Millionen Konsumenten auf "Speed" oder "Crystal" abfahren. Seit den 90iger Jahren verbreitet sich die Droge im Rahmen der Technowelle auch in Deutschland, v.a. entlang der tschechischen Grenze. So kostet ein Gramm Crystal in Thüringen oder Nordbayern heute ca. 30 Euro, vor einigen Jahren war der Preis noch dreifach höher. Stundenlange Euphorie und Risikobereitschaft nach der Einnahme, Bewegungsdrang und fehlende Müdigkeit machen die Droge neben dem günstigen Preis zur immer häufiger konsumierten Partydroge. Die Folgen sind weniger party-like: Kreislaufprobleme, Angst- und Wahnzustände, Schlaflosigkeit, Zittern, Übelkeit, Halluzinationen, im Extremfall Nieren- und Herzschäden, Zahn- und Haarausfall, Aggressivität, Unterernährung, Depressionen und Abhängigkeit... Eine tolle Karriere der Panzerschokolade. Schöner wird man durch Crystal Meth jedenfalls nicht - denn viele Konsumenten kann man an ihren schlechten Zähnen erkennen. Deren - oft Meth-Mouth genannte - erschreckende Gebisszustand resultiert wohl durch Mundtrockenheit, heftiges Zähneknirschen und mangelnder Hygiene.

Fussball und Medizin

Cesar Menotti, Vorbild von Pep Guardiola, meint : " Frei nach Hippokrates: Wer nur die Medizin kennt, der weiss nichts von der Medizin; und wer nur vom Fussball was versteht, der versteht nicht mal was vom Fussball"

Neulich am Nordseestrand...Quallenlarm

Quallenalarm am Badestrand - "They are  taking over", wie es die New York Review of Books in einem grossen Artikel formulierte. Quallen sind weltweit auf dem Vormarsch: von der Arktis bis zum Äquator und der Antarktis, von Florida, dem Mittelmeer und Schwarzen Meer bis zum Indischen Ozean. Die Ursachen dafür sind nur teilweise geklärt, auch wenn Übersäuerung, Sauerstoffarmut und Überdüngung der Meere,  der Zusammenbruch vieler Ökosysteme durch Überfischung, Umweltverschmutzung und Klimawandel ihre Vermehrung sicher fördern. Ihre natürlichen Feinde wie Sardellen, Schildkröte, Tunfisch, Schwertfisch und Hai landen dagegen weltweit in immer grösseren Mengen im Schleppnetz und im Kochtopf. Viele Meeresbiologen befürchten, dass wir vor einem "Jahrhundert der Quallen" stehen. 1999 verursachten Quallen auf den Philippinen einen Zusammenbruch der Stromversorgung, weil sie die Seewasser-Kühlsysteme vieler Kraftwerke verstopften. 2006 geriet der damals modernste amerikanische Flugzeugträger, die USS Ronald Reagen, in Seenot vor Neuseeland, weil das seewassergekühlte Kühlsystem ihres Atomreaktors von Quallen lahmgelegt wurde. Japanische und indische Atomkraftwerke an der Küste müssen täglich bis zu 150 Tonnen Qallen aus den Kühlsystemen ihrer Anlagen entfernen - ein sehr schwieriges Unterfangen. Die Fischbestände des schwarzen Meeres wurden seit den 80iger Jahren durch Quallen so vermindert, dass die Fischereiindustrie von Bulgarien, Rumänien und Georgien vor dem Ruin stehen. Quallen sind faszinierende Wesen. Die an deutschen Stränden häufigste Art ist die Ohrenqualle; nass wiegt sie ca 500 g, trocken dagegen ca 10 g. Die grösste Qualle, die japanische Nomura-Qualle, kann bis 2 m breit und 200 kg schwer werden. Die Seewespe, eine Quallenart mit Wohnort Australien, verfügt in ihren Nesselzellen über genug Gift, um 250 Menschen zu töten. Im November 2007 verfing sich ein Schwarm Feuerquallen nördlich von Belfast in den Netzkäfigen einer nordirischen Lachsfarm. Der Schwarm war ca 25 km2 gross und tötete 240 000 Lachse. Quallen selbst schmecken nach nichts, sind in Japan aber - mariniert in Sojasosse und Sesamöl - eine Delikatesse. Das leckerste Stück sei der Schirm, der im Gegensatz zum gummigen Inneren sehr zart sei. Sie kosten ca 20 Euro pro Kilogramm; allerdings sind nur ein Dutzend der vielen Hundert Quallenarten überhaupt essbar. Quallen gibt es seit ca. 500 Millionen Jahren auf der Welt. Sie haben kein Hirn, kein Herz und keine Lunge; ihr Mund ist auch ihr After, sie sind Nichtschwimmer und treiben mit Strömung, Wind und Wellen. Was tun bei Quallenkontakt? Zuerst einmal: möglichst schnell zurück ans Ufer. Nur wenige sterben an der Qualle, die meisten Opfer ertrinken in Panik. Dann: Ruhe bewahren, trotz der Schmerzen - Bewegung aktiviert die Nesselzellen. Verboten: Abwaschen mit Süsswasser oder Alkohol, dann explodieren die Nesselkapseln noch schneller. Man sollte das schleimigen Feind mit Meerwasser oder Essig abwaschen. Dann kann man Sand auf die verletzten Hautstellen streuen, und mit einer EC-Karte oä das restliche Sand-Quallengemisch abkratzen. Ein besonderer Tip: Rasierschaum aufsprühen. Die Nesselkapseln explodieren im Schaum, der dann abgekratzt werden kann; und bei Kreislaufproblemen, Atemnot oder Fieber nach Quallenkontakt umgehend  Arzt oder Krankenhaus ansteuern. Literaturempfehlung: "Stung!", L.Gershwin, Chicago Press.

Medizin, Konvexität und Opakheit

"Die Geschichte der Medizin ist die ... Geschichte der Dialektik zwischen Handeln und Denken - und die Geschichte der Frage, wie wir unter opaken Bedingungen, also in Zusammenhängen, die wir nicht restlos durchschauen, Entscheidungen treffen können... Ärztliche Methoden sollten nur dann zur Anwendung kommen, wenn der zu erwartende Nutzen für die Gesundheit sehr hoch ist ... und wenn dieser Nutzen ganz klar den potentiellen Schaden übersteigt. Hier gilt dasselbe wie bei Eingriffen durch den Staat... Denn in diesen Fällen hat die Medizin positive Asymmetrien - Konvexitätseffekte, und die Entstehung von Fragilität ist weniger wahrscheinlich...Auch hier ist die Lösung ganz einfach, eine Ausweitung des Via-Negativa-Grundsatzes..: Das Nicht-Natürliche muss seinen Nutzen beweisen, nicht das Natürliche - was auf das schon vorgestellte statistische Prinzip zurückgeht, dass die Menschen mit sehr viel grösserer Wahrscheinlichkeit Dummköpfe sind als die Natur. In einem komplexen Bereich kann nur die Zeit - ein langer Zeitraum - als Beweis fungieren. Bei jeder Art von Entscheidung wird das Unbekannte auf einer Seite stärker ins Gewicht fallen als auf einer anderen... Ich kann nicht widerstehen, die Interventionsverzerrung (mit negativen Konvexitätseffekten) mit folgendem Beispiel zu illustrieren. In den 1940er und 50iger Jahren erhielten viele Kinder und Jugendliche Bestrahlungen gegen Akne, Vergrösserungen der Schilddrüse, Mandelentzündung, zur Entfernung von Muttermalen und der Behandlung von Schuppenflechte. Es kam zur Entwicklung von Kröpfen und zu anderen Spätfolgen, und ausserdem starben ungefähr sieben Prozent der Patienten, die dieser Bestrahlung unterzogen worden waren, zwei bis vier Jahrzehnte später an Schilddrüsenkrebs. Gegen Bestrahlung, wenn sie von Mutter Natur stammt, ist andererseits nichts einzuwenden. Wir sind zwangsläufig gegen eine bestimmte Strahlendosis - gegen Mengen, die in der Natur auftreten - antifragil... Und wo wir schon beim Thema Strahlen sind, nur wenige fragen sich, warum sich die Menschen, nachdem sie sich Hunderte von Millionen von Jahren den Strahlen der Sonne ausgesetzt haben, plötzlich in solch besonderem Maß davor schützen sollen - liegt es daran, dass wir aufgrund der Veränderungen in der Atmosphäre stärker gefährdet sind, oder weil immer mehr Menschen in einer Umgebung leben, die mit der Pigmentierung ihrer Haut nicht übereinstimmt, oder lediglich daran, dass die Hersteller von Sonnenschutzmitteln hohe Gewinne erzielen wollen?"
aus: Nassim Nicholas Taleb "Antifragilität", Knaus Verlag, 2012.

 

Anteil der Deutschen, die Tattoos und Piercings sehr attraktiv finden, in Prozent:  6

Anteil der Deutschen, die Tattoos und Piercings haben, in Prozent: 15

aus: Brand Eins, 10/13

Stinken durch Spalten

Forscher haben erstmals sämtliche Bakterien ausfindig gemacht, die in der Achselhöhle des Menschen leben. Demnach gedeihen dort Exemplare aus 40 verschiedenen Gattungen. Unter Ihnen seien auch einige neue Arten, sagt A. Tauch vom Centrum für Biotechnologie der Universität Bielefeld. Das Ausgangsmaterial für die Untersuchungen lieferten sechs Männer, die sich einige Tage nicht wuschen. In den Proben konnten Tauch und seine Mitarbeiter dank einer speziellen Nachweismethode erstmals auch erkennen, dass die Bakterien unterm Arm insgesamt 2600 verschiedene Proteine herstellen. Darunter müssen sich auch jene Enzyme befinden, die den Schweissgeruch verursachen: Sie spalten die geruchslosen Sekrete aus den Hautdrüsen in flüchtige Substanzen. Schon plant eine Kosmetikfirma, die verantwortlichen Enzyme ausfindig zu machen und Hemmstoffe gegen sie zu entwickeln. Dies könnte zu einem spezifischen Deodorant führen, das die am Gestank unschuldigen Mitglieder der Achselflora verschont.

aus: Der Spiegel 51/2013: 94

Wieso lebt der „Weichselzopf” ?

Der dänisch-norwegische König Christian IV (1577-1648), Verteidiger des Protestantismus, Widersacher Tillys und Wallensteins, führte in seiner Regentschaft eine Mode am Dänischen Hof ein, die uns heute schwer nachvollziebar ist. Er trug einen Teils seines Haupthaares in Form eines „Dreadlocks“ -  seine Zeitgenossen sagte dazu „Schweineschwanz“. Man muss sich darunter einen Strang verfilzten Haares vorstellen, der von der linken Seite seines Kopfes herabhing und mit einer roten Schleife verziert war. Dieser Haarmode ergab sich der reiche und kriegerische König jedoch nicht freiwillig – wir wissen heute, dass die eigentliche Ursache der Verfilzung ua massiver Kopflausbefall gewesen sein muss, den er sich wahrscheinlich im Lager eines seiner zahlreichen Feldzüge zugezogen hatte. Zwar ging man schon damals auf Kopflausjagd, denn Kopflausbefall ist sehr unangenehm; ein Abschneiden des Zopfes kam aber nicht in Frage. Warum plagten sich dänischer König und Hofstaat aber mir diesem Übel, das über lange Zeit in Deutschland unter dem Namen „Weichselzopf“ bekannt war? Das Krankheitsbild war den damaligen Ärzten rätselhaft.  1888 beschrieb der budapester Hautarzt Ernst Ludwig Schwimmer es so: „Plica polonica…, der Weichsel- oder Wichtelzopf, ist die Bezeichnung für jene unentwirrbare Verschlingung und Verfilzung der Kopfhaare, welche in früheren Jahren, namentlich in Polen, an der Ufern der Weichsel…, sowie in Russland als eine endemische Krankheitsform betrachtet wurde. Es sind kaum einige Decennien, dass man die Plica noch für eine eigenthümliche dyskrasische Affection hielt, theils für eine Abart der Syphilis und der Lepra, theils für eine Form der Gicht, und es erregte den Unwillen der Gelehrten, wenn sich ein vorurtheilsloser Arzt zu der Annahme verstieg, dass die Plica vielleicht nur eine locale Erkrankung der Haut darstelle. […] Die Literatur über diese Krankheitsform hat von der Zeit des 17. Jahrhunderts an bis fast in unsere Zeit hinein eine riesige Ausdehnung erlangt“.  Schwimmer vermutete also – sehr fortschrittlich - bereits ein lokales Problem der Kopfhaut als Ursache.  Das  Grosse Universal-Lexicon von 1748 leitet den Namen Plica polonica davon ab, dass „am meisten die Pohlen von dieser Beschwerung angegriffen” würden. Es handele sich dabei um „eine Verwicklung und Zusammenbackung der Haare [...], welche von sehr zähen und schleimichten, auch bösartigen Säfften” herrühre. Die Krankheit komme allerdings nicht nur in Polen vor, sondern ebenso in der Schweiz, im Elsass und in den am Rhein gelegenen Teilen der Niederlande. Zuweilen hätten in Ungarn auch Tiere, vor allem Pferde, unter der Störung zu leiden. Der Weichselzopf war häufig von Hauterkrankungen begleitet und v.a. in den ärmeren Bevölkerungsschichten verbreitet. Es entstand zunächst an einzelnen Punkten der Kopfhaut, konnte später  die ganze Fläche der Kopfhaut als nässender, schorfiger Ausschlag bedecken und die Haare zu einer filzartigen Platte  verkleben. Ein Auskämmen der Haare wurde wegen Schmerzhaftigkeit und abergläubischer Vorurteile vermieden. So lagerte sich in dem Haarfilz neben Wundexsudat auch sonstiger Schmutz ab, der die Haarmasse noch dichter machte und ein ideales Lebenrevier für Kopfläuse und andere Insekten bot.Im Volksglauben – und der medizinischen „Wissenschaft“ der Zeit - wurde die Verfilzung auf viele geheimnisvolle Ursachen zurückgeführt: Einwirkung von Elfen und Wichtelmännchen, unerfüllte sexuelle Bedürfnisse von Frauen – oder Pferden –, und Ungleichgewichte der Körpersäfte war gern angeführte Auslöser für die Krankheit, die auch Drudenzopf, Trollenzopf oder Alpschwanz hieß. Nach allgemeiner Auffassung handelte es sich bei der Krankheit um eine „Dyskrasie auf skrofulöser Basis”, die entweder von Innen heraus entstehe oder sich durch Ansteckung ausbreite. Ein Abschneiden des Weichselzopfes sei nicht ohne Gefahr für den Patienten möglich, da schlechte Säfte sich damit einen anderen, schlimmeren Ausgang suchen würden. Diese Anschauung resultierte auf Theorien der damals vorherschenden sog. Humoralpathologie oder Viersäftelehre, wonach eine fehlerhafte Mischung der vier Körpersäfte Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim zu Krankheiten führe. Noch heute treffen Hautärzte zuweilen auf ähnliche Vorstellungen einer „helfende” Hautkrankheit, die in der Lage sei, durch ihr Erscheinen eine Reihe innerlicher Krankheitssymptome auszulöschen und diese somit scheinbar zu heilen (Beispiel: Neurodermitis dürfe man nicht mit Kortisonsalbe „unterdrücken“, da der Körper über das Ekzem „Gifte“ ausscheide). Dahinter steht die in der damaligen Schulmedizin - und heutigen Volksmedizin - verbreitete Vorstellung, dass man eine gefährliche Krankheitsmaterie vom Körperinneren auf die Körperoberfläche abzuleiten müsse, um sie unschädlich zu machen.Auf einer Naturforscherversammlung in Bremen demonstierte 1844 der Kasseler Arzt Johann Ludwig Grandidier einen massenförmigen Weichselzopf einer polnischen Dame aus den höheren Ständen. Der Zopf sei insgesamt dreimal abgeschnitten worden, jedoch stets wieder nachgewachsen. Nach dem dritten Schneiden seien als Folge der Rasur ein schweres Leiden mit heftigen, reißenden Schmerzen in Kopfes und Extremitäten, zahlreichen Geschwüre an den Schleimhäuten des oberen Verdauungstraktes sowie Erscheinungen beginnender Lungentuberkulose aufgetreten. Weitere Symptome des Weichselzopf-Syndroms waren nach Adamowicz gelbliches Hautkolorit, Ohrensausen, Magenschmerzen, Pilzerkrankung der Nägel, Onychogryposis, Stockschnupfen, Mundgeruch und Transpiration, Hypochondrie und Hysterie. Die Kaiserliche Medizinische Gesellschaft zu Wilna schrieb eine Prämie von 500 Silberrubel für die Klärung der Krankheitsursache. Als Vertreter der wissenschaftlichen Dermatologie argumentierten die DermatologenPick und Hebra (1816 - 1880), dass der Weichselzopf ausschließlich eine Folge von anderen zu Grunde liegenden Erkrankungen wie Syphilis, Ekzemen, Krätze, aber auch von langwierigen Fiebern in Verbindung mit Schmutz und Unreinlichkeit sei. Ähnliche Erscheinungen könnten durch Vernachlässigung des Haarwuchses jederzeit künstlich veranlasst werden. Was tun gegen den Zopf? Das Naheliegendste, das Abschneiden der Haare, kam nicht in Frage. Folgen einer Rasur könnten Verblutung, Auszehrung oder sogar Tod sein. Stattdessen solle man lieber eine Nachbildung davon herstellen, und diese zusammen mit einem Brötchen und einer Silbermünze in einer Kirche deponieren. Nur an einem Karfreitag dürfe man den Zopf danach mit einem Steinmesser abschneiden. Ernst Schwimmer resümierte 1888 zu Recht, dass die Geschichte des Weichselzopfes „in vieler Beziehung eine Geschichte der Irrlehre ärztlicher Wissenschaft” sei, da man fest gewurzelte Anschauungen und glaubwürdig erscheinende Überlieferungen nur schwer ausrotten könne. Es genüge nicht, ein altes, lang bestehendes Vorurteil zu bekämpfen und zu widerlegen, es müssten vielmehr auch „der Boden und die Empfänglichkeit für solche Angriffe vorhanden sein, um selbe siegreich durchführen zu können” . Erst die Abkehr der Medizin von der antiken Säftelehre leitete im 19. Jahrhundert den Wandel zur naturwissenschaftlichen Medizin ein, der auch den Weichselzopf als eigenständige Krankheit aus den Medizinbüchern verschwinden ließ. Das Beispiel des Wechselzopfes zeigt eindrucksvoll, dass die Wahrnehmung und Interpretation der Wirklichkeit in der Medizin entscheidend vom vorherrschenden theoretischen Krankheitskonzept abhängt. Diese Wechselbeziehung von Empirie und Theorie gilt genauso heute noch - lang lebe der Weichselzopf. 

Intimchirurgie, oder: "Bush is back"

Immer mehr Menschen reden über Schamhaare, und um den Stand der Debatte (tatsächlich: Debatte) hier noch einmal kurz wiederzugeben: Alles fing mit den geilen Männern an, die so lange von Youporn infiltriert worden waren, bis sie irgendwann auch von den Frauen, mit denen sie real ins Bett gingen, die blitzblanke Vulva forderten, woraufhin natürlich die Frauen, die ewigen Opferdummchen, ihre Schamhaare - Rrrratsch!-wegwaxen liessen, was die Feministinnen erboste, die eine blitzblanke Vulva bei einer erwachsenen Frau für den Rückfall in einen präpubertären, also unmündigen Kleinmädchen Zustand hielten, wogegen allerdings die Tatsache sprach, dass auch die männlichen Genitalien immer blanker und also kindlicher wurden, obwohl, vielleicht auch bloß prominenter ("Je niedriger die Hecke, desto höher erscheint das Haus", Sky du Mont), dafür juchzten die Intimchirurgen, die sich der Optimierung der nun ja sichtbaren Schamlippen widmen konnten, was nicht nur die Feministinnen erboste, jetzt aber vielleicht auch schon wieder egal ist, denn wie jeder weiß, wurden in der Lower East Side von Manhatten inzwischen Schaufensterpuppen gesichtet, die zur Reizwäsche ein Schamhaartoupet tragen, was die NewYorkTimes zu einem vielbeachteten Trendwendstück veranlasste mit dem Tenor "Bush is back".   In der Tat, und was folgt daraus? Auch Körperhaare sind Trends unterworfen. Gut, das wussten wir schon vorher. Wenn aber beispielsweise die taz Ex-Playboys und sonstige Experten nach vorne pfeift und aufsagen läßt, was vom vermeintlichen "Diktat der Rasur" zu halten ist, wenn sich in Internetforen zum Thema Kahlschlag-oder-nicht die Leute geifernd an die Gurgel gehen, dann scheint irgendwo in diesem Gestrüpp ein Richtig oder Falsch verborgen zu sein, das es zu ermitteln gibt. Offenbar sollen wir alle jetzt mal prinzipiell Stellung beziehen; was absurd ist. Als könne man allen Ernstes für oder gegen Schamhaare sein.   Jedenfalls berichten sie gerade flächendeckend. Die Boulevards, weil Madonna jetzt immerhin Achselhaare trägt, Hollywood aber weiterhin komplettrasiert sein soll. Die Feuilletons, weil das fehlende Schamhaar in das postmoderne Zeichensystem eingefügt werden muss. Die Gesellschaftsteile, weil das alles irgenwie mit der Emanzipation der Frau zu tun hat oder auch mit dem Gegenteil davon. Und die Wissenschafts-Resort, weil ja überhaupt noch zu klären ist, ob die rasierte Scham nicht die Gesundheit gefährdet (Stichwort "Genitalwarzen" und "Humane Papillomviren" - danke dafür, Spiegel Online!).  Liest man diese Beiträge, stößt man oft auf die hüstelnde Vokabel "untenrum"; vor allem aber scheint aber scheint es einen Haufen Autoren zu geben, die irre dankbar sind, sich die eigene Verklemmtheit endlich in Form beflissen recherchierter Features vom Leib zu schreiben und dabei Worte zu benutzen, die sie noch nie im Leben laut ausgesprochen haben... Es ist nämlich so: Wer sich die Schamhaare absäbelt oder es läßt und warum, das ist tatsächlich Privatsache, das geht keinen etwas an, und das will auch keiner wissen, der noch halbwegs bei Trost ist. Das muss, liebe Zeitgeist-Sezierer und Meinungsmuftis, im schlimmsten Fall noch nichtmal was bedeuten. Immerhin: Während die Debatte lärmend voranschreitet, ist nicht die Schambehaarung, wohl aber das Schamgefühl  vieler Menschen noch weitgehend intakt. Und das ist doch mal eine erfreuliche Nachricht.

Tanja Rest, Süddeutsche Zeitung, Ostern 2014

Bemerkung von mir: mit diesem Artikel und der darin vorkommenden Verwendung zahlreicher anatomischer Begriffe, die von Apple für anstößig gehalten und damit zensiert werden, ist meine Webseite ab sofort wahrscheinlich für das komplette Apple-Universum indiziert.

 Wimmerl

 "Ähnlich klingend, hat das Wimmerl mit dem Wammerl dennoch nichts zu tun. Das Wammerl lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen, das Wimmerl treibt einem Jugendlichen eher den Schweiss auf die Stirn. Das hat die Kabarettistin Martina Schwarzmann zur Genüge erlebt. Karottenjeans haben ihre Jugendzeit begleitet, dazu eine "Scheissfrisur und Wimmerl im Gesicht". Freilich, Wimmerl können immer und überall auftreten, das behauptet jedenfalls die Autorin Rita Falk in ihrem Regionalkrimi "Winterkartoffelknödel" (2010): "Lass die Händ`weg von deinem Schniedl, weil: da kriegst Wimmerl". Gemeint sind Hauterhebungen, die man schriftsprachlich als Bläschen, Pusteln oder Pickel bezeichnet. Im Dialekt sagt man Blaserl oder eben Wimmerl. Wer je eine richtige Pubertät durchlebt hat, der hat auf seiner Haut gewiss auch Wimmerl ausgedrückt. Das Frühneuhochdeutsche kennt den Begriff Wimmer für hervorwölbende Erhebungen, etwa für einen Auswuchs aus Holz oder für Warzen. Auch das Gürteltascherl von Wanderern und Skifahrern, in dem der Proviant verstaut wird, heißt Wimmerl. Und wenn jemand nervt, dann nennt ihn der Volksmund "ein lästigs Wimmerl". Neuerdings gibt es sogar Wiesn-Wimmerl als Accesoire fürs Oktoberfest und Disco-Wimmerl für Nachtschwärmer.

aus: H. Kratzer: Ausgeprochen Bairisch, SZ Edition

"The phantom of fifth avenue. The mysterious life and scandalous death of heiress Huguette Clark"

 "Als die Patientin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, fehlte ihr bereits ein beträchlicher Teil der Unterlippe. Ein Hautkrebs wucherte in ihrem Gesicht; an einigen Stellen hatten aggressive Basaliome den Blick auf den Schädelknochen freigelegt. Das Verhalten der Kranken war bis dahin einer Genesung wenig dienlich gewesen: Sie hatte ihre Wohnung abgedunkelt und sich ein Handtuch um den Kopfgewickelt -weitere Massnahmen unterblieben. Erst als sich eine Freundin einschaltete, wurde die Leidende schliesslich in eine Klinik gebracht. Das Krankenhauspersonal reagierte irritiert auf den Neuankömmling: Sie sahen eine über 80-jährige, stark abgemagerte Frau, bekleidet mit einem schmutzigen Bademante....Die Ärzte und Pfleger des Doctors Hospital in Manhatten waren weitgehend ahnunglos, wen sie vor sich hatten, als Huguette Clark im März 1991 eingeliefert wurde. Tatsächlich war jene Elendsgestalt, die infolge der Verletzungen durch den Hautkrebs an ihrem Mund drauf und dran war zu verhungern, eine der reichsten Frauen Amerikas...Nachdem Huguettes  Hautkrebs behandelt worden war, legten ihr die Verantwortlichen des Doctors Hospitals nahe, wieder nach Hause zu gehen. Zur Verblüffung der Ärzte und Schwestern weigerte sich die Genesene aber, ihr Krankenlager zu räumen. Weil Clark nicht krankenversichert war, musste sie ihr spartanisch eingerichtetes Patientenzimmer... aus eigener Tasche bezahlen: 1200 Dollar am Tag, mehr als 400 000 Dollar im Jahr; eine Kleinigkeit für die schwerreiche Frau... Sie verweigerte während der gesamten 20 Jahre ihres Spitalaufenthalts jedweden Aufenthalt an der frischen Luft...Die Fürsorge für die extraordinäre Patientin erwies sich für das Krankenhauspersonal als überaus lohnend...doch bei anderer Gelegenheit bewies die Dame durchaus erstaunliche Widerstandskraft. Der Versuch der Krankenhausleitung, ihr eine monumentale Spende von 125 Millionen Dollar abzuringen, scheiterte... Immerhin 20 Jahre verbrachte die Eigentümerin diverser Luxusimmobilien in einem schnöden Krankenzimmer, aus freien Stücken, ohne je ernsthaft krank gewesen zu sein - ehe sie 2011 im Alter von 104 Jahren starb..." 

aus: Rätselhafte Lady. Der Spiegel 25/2014: 132-133

Grundkurs Patient: was Sie dem Arzt unbedingt sagen müssen

"Bevor Ärzte Ihnen helfen können, brauchen sie Informationen. Der einfachste Weg ist, wenn Sie als Patient ihnen diese geben...Sie sollten sich als Patient also bemühen, korrekt und umfassend zu antworten. Das gilt auch, wenn die Fragen Ihnen albern erscheinen oder der Arzt Ihnen zu jung und unwichtig vorkommt und Sie sich die entscheidende Pointe lieber für den Professor aufheben möchten. In diesem Zusammenhang ist zB wichtig, seit wann ihre Beschwerden bestehen. Irrelevant hingegen ist der Name des Vorgängers Ihres Hausarztes, der ähnliche, aber irgendwie andersartige Beschwerden bei Ihrer Schwägerin damals nicht ernst genommen hatte. Auch dass Sie nach dem Krieg schwer arbeiten mussten und sich trotzdem nie haben unterkriegen lassen, ist keine Information, die zur Diagnosesicherung beitragen wird. Völlig unerheblich ist, dass der Professor irgendeiner medizinischen Fachrichtung Ihr Kegelbruder ist...Welche Medikamente Sie regelmässig einnehmen..., sollten Sie Ihrem Arzt dagegen unbedingt mitteilen können...Erwähnen Sie bitte auch die Medikamente, die Sie selbst für nicht so wichtig halten: Die halbe kleine Tablette wirkt sich unter Umständen stärker auf die Vorgänge in Ihrem Körper aus als die dicke rote... Das gilt übrigens auch für rein Präparate, die "rein pflanzlich" sind. Der Schierlingsbecher, an dem Sokrates starb, war rein pflanzlich und hat den Gesundheitszustand des Philosophen dennoch nicht entscheidend beeinflußt. Neben ihren Medikamenten interessiert Ihren Arzt ihre Krankheitsvorgeschichte. Er nennt das Anamnese. Hier ist jede Ihrer Krankheiten nennenswert, selbst wenn sie gut behandelt ist und Ihre OP-Narbe schon lange verheilt...Nennen Sie bitte alle Ihre bekannten Erkrankungen, nicht nur die, welche Sie für wichtig halten. Wenn Sie selbst diese Dinge beurteilen könnten, müssten Sie nicht zum Arzt gehen. Sehen Sie ihn bitte als das an, was er ist: ein Ihnen völlig fremder Mensch, der nichts über Sie weiß ausser dem, was Sie ihm verraten." Jens Hofmann, FAZ, 6.7.14

Der Autor schildert, offensichtlich leicht ironisch und etwas frustriert, ein häufiges Dilemma: wie erhält ein Arzt in begrenzter Zeit möglichst viele relevante Informationen zu einem Patienten und seinem Krankheitsbild? Schriftliche Anamnesebögen werden oft unvollständig - und ohne die Rückseite zu beachten - ausgefüllt. Ihr Einsatz kann sogar zu hämischen Negativbewertungen auf Ärzteportalen führen - wieso macht sich der Arzt auch die Mühe nicht selbst, alle 26 Herzmedikamente von Hand aufzuschreiben? Ein präzises Frage-Antwort-Gespräch scheitert nicht selten am verständlichen Trost- und Kommunikationsbedürfnis des Kranken. Fragen nach Hobbies, Beruf und Lebensverhältnissen werden - insbesondere von Geschäftsführern und Managern - zuweilen als ungehörliches, neugieriges Eindringen in die Privatsphäre missverstanden. Nicht hilfreich ist auch die Haltung einiger Patienten, den Arzt "auf die Probe" zu stellen - nach dem Motto: "wenn ich ihm Alles schon am Anfang erzähle, kann er mir ja sein Können nicht beweisen". Berüchtigt sind sog. Doktor-Hopper: dem 3. Arzt wird nicht mitgeteilte, welche Untersuchungsergebnisse und Diagnosen seine beiden Vorgänger bereits erhoben haben, damit man alle Drei bei Widersprüchen und damit ihrer Inkompetenz ertappen kann. Wie vermint kann so ein Gespräch doch sein, das mit der einfachen Frage beginnt: "Wie geht es Ihnen ?".

The Bad Doctor

"Auch das Comic bleibt vor dieser "Medicalisierung" der Popkultur nicht gefeit. In Japan gibt es längst ein eigenes medizinische Comic-Genre, das Medical Manga. Die westliche Populärkultur kann ebenfalls auf eine wachsende Szene  medizinischer Comic-Autoren blicken. Grossen Anteil an ... dieser Szene hat Ian Williams".. mehr sehen: www.graphicmedicine.org

Struwwelpeter im Nagelstudio

Nicht nur der arme Edward mit den Scherenhänden hatte ungewöhnliche Auswüchse an den vorderen Extremitäten. Auch im ländlichen China gibt es noch heute Menschen, deren Fingernägel grotesk lang gewachsen sind. Diese langen Fingernägel gelten als Statussymbol: da Finger mit zentimeterlangen Nägeln für körperliche Arbeit ungeeignet sind, demonstrieren sie, dass ihr Besitzer sich die "Hände nicht schmutzig" machen muss - also zu einer höheren gesellschaftlichen Klasse gehört. Ihre Abneigung gegen das Nagelschneiden beruht auf deutlich anderen Motiven als die des kleinen Struwwelpeter im Märchenbuch. Als Hautarzt sieht man täglich Menschen, die unter brüchigen, unansehnlichen und schlecht wachsenden Nägel leiden. Der Geschäftszweig der Nagelstudios existiert nur deshalb, weil schöne und geschmückte Nägel als schön, ja sogar erotisch empfunden werden können. Biophysiker der Universität Nottingham erforschen, warum und wie Nägel in eine bestimmte Form wachsen. Ihr Computer-Simulations-Modell erläutert, warum junge Menschen und Schwangere besonders oft an eingewachsenen Nägeln der Grosszehen leiden. Nägel wachsen und müssen sich dabei vom Nagelbett lösen. Der anhaftende Nagelanteil ist seitlich kürzer als in der Mitte des Nagels. Da der Nagel hier schneller wachsen müsste, aber nicht kann, entstehen Querverspannungen, welche die Krümmung des Nagels ausformen. In der Pubertät und Schwangerschaft wachsen Nägel schneller als sonst, weshalb die Geometrie des Nagels oft nicht mehr perfekt funktioniert. Häufiges und falsches Nagelschneiden kann solche Ungleichgewichte verstärken. Struwwelpeter war also wohl entweder in der Pubertät, oder schwanger. Die Empfehlungen für richtiges Nagelschneiden widersprechen sich übrigens erheblich. Nur eins ist klar: Struwwelpeternägel sind auch im echten Leben ungesund.

SuperSonne - SuperVideo

Effekt von Sonnencreme sehenswert visualisiert: ww.bit.ly/sonnenlicht

Fischeier im Gesicht - der Siegeszug der Kaviarcreme

Werbeanzeige für Kaviarkosmetik in einer Fachzeitschrift für Wellness-Institute (findet sich so aber auch in jedem Flughafen-Shop): "Caviar Power Imperial Serum: Es gehört der absoluten Luxusklasse an und ist ein Hightech-Serum, das als Care-Kraftpaket und Pflege-Wunderwaffe jeden Hauttyp mit einem sensationellen Anti-Aging-Effekt ausstattet... Hochwertiger Caviar-Komplex und natürliche Bio-Peptide...soll einen natürlichen Stretching-Effekt bewirken..." Da fliegt dir doch das Dach weg (Entschuldigung für die Wortwahl), aber die menschliche Gutgläubigkeit scheint wirklich grenzenlos zu sein. Offensichtlich gibt es MitbürgerInnen mit zuviel Geld, die sich bei solchem PR-Geschwafel nicht angewidert abwenden. Der VKE-Kosmetikverband lässt aus Berlin verlauten: "Im Kosmetiksegment sind es gerade die Frauen, die sich diesen sogenannten kleinen Luxus regelmässig gönnen". Fast jede 3. Frau sei bereit, dafür sogar auf ein Schmuckstück zu verzichten. "Die Hälfte der Befragten fühlt sich glücklicher und entspannter, wenn sie Luxusprodukte kauft". Muss die Kaviarcreme eigentlich mit Silberlöffel und Perlmutt-Spatel aufgetragen und mit trockenem Chablis abgewaschen werden? Im Dschungel-Camp gibts wenigstens noch Geld für die abgehalfterten Pseudostars, wenn sie sich Fischeier ins Gesicht schmieren lassen - aber dafür auch noch zahlen? Warum dann nicht einfach Heringseier original von der Fischtheke, oder deutschen Seehasen-Kaviar aus dem Supermarkt, oder gallertigen Froschlaich natürlich direkt einmassieren? Vielleicht auch mal leckeren griechischen Taramosalata auf die Falten auftragen, oder geräucherten Dorschrogen aus Schweden? Auch leuchtender japanischer Sushi-Tobiko ist am Haaransatz sicher wertvoll fürs Haarwachstum.  Wird bei der Herstellung der Kaviarcreme eigentlich europäischer Kaviar mit Boraxzusatz ((E285) verwendet? (Borax gilt als giftig, schädigt die Fruchtbarkeit, reichert sich im Körper an, reizt Augen und Haut und ist nur zur Konservierung von echtem Kaviar zugelassen, da man diesen i.a. nur in geringen Mengen verzehrt). Enthält der Serum-Kaviar vielleicht - wie oft - E151, E132, E110, E104, Sorbit, Glutamat, Natriumbenzoat oder andere Zusatzstoffe? Die Grenzen des Irrsinns? Die italienische Kosmetiklinie Dea Terra hobelt die seltenen weissen Trüffel Norditaliens in ihre Mischbottiche, und die Luxuslinie "LÓr de Vie" mischt in ihre Gesichtsmasken einen Hauch bestens Weins, des Premier Cru Superieur des Chateau d`Yquem.  Magisches Denken im 21. Jahrhundert, oder: Matthaeus 5:3

Verrückt? Hier mehr davon : www.psychosoziale-gesundheit.net/psychohygiene/lachen.html

Saurer Wein

Auch wenn wir Deutschen, vulgo Germanen und Kelten, erst durch die Italiener, vulgo Römer, das Weintrinken erlernt haben: Kopfschmerzen müssen wir deshalb keine haben. Nach der Bibel war Noah (genau: der mit der Arche Noah) der erste Winzer, und König Salomo wusste den Trunk bei seinen Begegnungen mit der Königin von Saba als Rauschmittel zu schätzen (sie war von seiner Weisheit übrigens so überwältigt, dass sie ihm 120 Zentner Gold schenkte, nach heutigem Wert etwa 210 Millionen Euro). Woran kann es liegen, wenn das ähnlich kostbare Glas Bordeaux am nächsten Morgen mehr als einen Kater hinterlässt? Unverträglichkeiten auf Wein können viele Ursachen haben. Häufiger als echte Allergien plagen den Weinbacchanten wohl Pseudoallergien. Die Weintraube selbst kann der Übeltäter sein, aber auch die bei der Weinherstellung zugesetzten Hilfsstoffe. Wer ahnt, dass dabei Fischgelatine und Hausenblase, Hühnerei, Milch, Gummi arabicum, Lysozym, Pektinase, Cellulase, Glucosidase, Urease und Aromaenzyme (als Hefen und Klärmittel) eingemischt werden - vom Schwefeln ganz zu schweigen?  Bei Winzern ist die Weinpollen-Allergie, die Schimmelpilzallergie aus dem Weinkeller (ja, genau: Botrytis cinerea), Spinnmilbenallergie und Schwefelallergie als Berufserkrankung anerkannt. Rotweinmigräne können auch die sog. phenolischen Flavonoid, Anthozyanide und Cetechine, aus der Traubenhaut auslösen, "weil diese die Cetechol-O-Methyltransferase in der Darmwand und die Phenolsulfontransferase hemmen" (so sagts der Chemiker). Beim Alkoholabbau selbst können Acetaldehyd und Essigsäure entstehen - Quaddelsucht ist die juckende Folge. In Kopenhagen leiden immerhin etwa 8% aller Befragten an Überempfindlichkeit gegen Rotwein. Bayern ist mal wieder vorbildlich: hier müssen alle Qualitätsweine zumindest nachweisen, dass sie nicht überschwefelt sind; das ist in anderen Weinbauregionen Deutschlands nicht selbstverständlich. Histaminintoleranzen werden nach Rotweingenuss häufiger als nach Weisswein beobachtet, oft aber nur bei gleichzeitiger Aufnahme von Fischgerichten, Aspirin oder Metamizol-Tabletten. Für Allergiker spielt sogar die Weinsorte eine Rolle. Speziell Merlot kann, sogar in Mischweinen mit nur 10% Anteil, am frühen Morgen Blutdruckkrisen und infarktähnliche Beschwerden auslösen. 

Der Fuchs biss die Zähne zusammen, rümpfte die Nase und meinte hochmütig: „Sie sind mir noch nicht reif genug, ich mag keine sauren Trauben.“ Mit erhobenem Haupt stolzierte er in den Wald zurück.

Nickelfreier Modeschmuck: ein Mythos

Kinder und Jugendliche haben über Modeschmuck noch immer starken Kontakt mit Nickel. Zwar ist der zulässige Nickelgehalt im Schmuck europaweit seit 2001 gesetzlich begrenzt - entgegen landläufiger Meinung ist Nickelschmuck aber nicht verboten worden. Kinderhaarspangen enthalten in 79% Nickel, Kinderfingerringe in 20% und Ohrringe in 14,5%. Auch beim Piercing werden oft nickelhaltige Metall eingesetzt. Die häufigste Ursache dieser Krankheit ist noch immer das Ohrlochstechen - über 30% der Mädchen mit Ohrlöchern haben eine Nickelallergie, dagegen aber nur 2 % bei fehlendem Ohrloch. Immerhin ist die Nickelallergie seit 2001 deutlich rückläufig. Weitere Infos auf dem Selbsthilfeportal www.nickelfrei.de

Burka aus Fleisch

"Der Vatikan hat neuerdings das Thema "weibliche Kultur" für sich entdeckt. So meinte Pabst Franziskus vor kurzem, seine Kirche sei oft "zu macho". Und seit Wochen macht eine italienische Schauspielerin, Nancy Brill, in einem Video Werbung für eine Konferenz des Vatikans, in der über die "Aggression gegen den weiblichen Körper" diskutiert werden soll (www.cultura.va/content/cultura/it/plenarie/2015-women/prep.html). Die päbstliche Konferenz will sich dabei vorrangig mit dem Verhältnis der Kirche zu Frauen und mit dem Thema Gewalt gegen Frauen beschäftigen. Im Vorfeld der Veranstaltung sorgte jedoch ein Arbeitspapier des Kirchenstaates für Aufsehen, in dem Schönheits-OPs als "Burka des Fleisches" bezeichnet werden. Der Präsident des päbstlichen Kulturrates... sagte in einem Interview mit Radio Vatikan: "Es ist, als ob Frauen dazu verpflichtet seien, einem Rollenbild der Werbung zu entsprechen". Außerdem sprach er von einer "Diktatur der Ästhetik". Sicher hat er Recht, wenn er kritisiert, dass sich beispielsweise "junge Frauen zu ihrem 18. Geburtstag eine Brust-OP wünschen". Ob die Wortwahl allerdings als geglückt bezeichnet werden kann, darf bezweifelt werden. Und ob mit dieser Kampagne tatsächlich eine Bewusstseinsänderung herbeigeführt wird, ist ebenfalls fraglich, zumal Nancy Brill nicht gerade so aussieht, als wären ihr Besuche bei plastischen Chirurgen gänzlich fremd. In den USA, Kanada, Grossbritannien und Australien waren die Proteste gegen den Videoclip so massiv, das der Päbstliche Kulturrat beschloss, die englischsprachige Version aus dem Netz zu nehmen..." G.Kllinkhammer, Randnotiz, Deusches Ärzteblatt 2/15

 Mausohr, Bezoar und Kinderwunsch

Es war einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich schon lange vergeblich ein Kind, endlich machte sich die Frau Hoffnung der liebe Gott werde ihren Wunsch erfüllen. Die Leute hatten in ihrem Hinterhaus ein kleines Fenster, daraus konnte man in einen prächtigen Garten sehen, der voll der schönsten Blumen und Kräuter stand; er war von einer hohen Mauer umgeben, und niemand wagte hinein zu gehen, weil er einer Zauberin gehörte, die grosse Macht hatte und von aller Welt gefürchtet ward. Eines Tages stand die Frau an diesem Fenster und sah in den Garten hinab, da erblickte sie ein Beet, das mit den schönsten Rapunzeln bepflanzt war: und sie sahen so frisch und grün aus, dass sie lüstern ward und das grösste Verlangen empfand von den Rapunzeln zu essen….“ (Grimms Märchen: Rapunzel).

Und so nimmt das Unheil seinen Lauf; es werden präsentiert: ein Mann mit schlechtem Gewissen, eine anfangs gnädige, später bösartige Zauberin, eine Kindsentführung,  uneheliche Zwillinge, ein blinder, geblendeter Thronfolger. Und am Ende des Märchens von der wunderschönen Kindfrau „Rapunzel“ mit den langen goldenen Haaren gibt es eine veritable Wunderheilung.

Wissen Sie, was die Mutter von Rapunzel so lüstern machte? Rapunzelsalat ist nichts anderes als Feldsalat, im Saarland „Mausohr“, in der Schweiz „Nüsslisalat“, in Österreich „Vogelsalat“ genannt. Im Garten der Zauberin wuchs wahrscheinlich die besonders herzhafte,  dunkelgrüne Variante mit kleineren Rosetten. Früher wurde der Feldsalat als Wildgemüse am Acker- oder Wiesenrand gesammelt. Da er erst seit dem 19.  Jahrhundert zur Kulturpflanze aufstieg, kann Grimms Märchen nicht allzu alt sein. Mausohr ist ein Baldriangewächs, seine Wurzeln und teils auch Blätter enthalten beruhigendes Baldrianöl – vielleicht war das der Grund, warum die kinderwunschgeplagte, depressive Frau den Salat essen wollte.

Und was hat das alles mit der Dermatologie zu tun? Ab und zu sehen wir in der Hautarztpraxis Menschen – vor allem Frauen – mit einer besonderen Form von Haarausfall, der sogenannten „Trichotillomanie“. Sie leiden unter dem meist unbewussten, ständigen Impuls, an den Haaren herumzuspielen, sie auszureissen oder sogar zu verschlucken. Verschluckte Haare können sich in seltenen Fällen im Magen zu grossen, steinartigen Gebilden verfestigen, sogenannten Bezoaren. Bezoare finden sich im Tierreich relativ häufig (bei Vögeln spricht man von Gewölle), oft als harte Bezoarsteine in den Eingeweiden. Tierischen Bezoaren wurden in vielen Kulturen magische und medizinische Kräfte zugeschrieben ( und tauchen so auch in Harry Potter Band 1 und 6 auf). In den barocken Wunderkammern europäischer Fürstenhäuser zählten goldgefasste Bezoare zu den wertvollsten Inventarstücken; in der Schatzkammer der Münchner Residenz ist eine ganze Sammlung zu besichtigen. Sie konnten  - angeblich – vor Vergiftungen schützen. Bezoare wurden entweder in ein Getränk eingetaucht, oder das Getränk wurde aus dem geschnitzten Bezoar selbst getrunken, um verborgene Gifte aufzuspüren. Der Habsburger Kaiser Rudolf II ließ um 1600 die vermeintliche Schutzwirkung seiner Wunderkammerbezoare sogar „wissenschaftlich“ an Menschen erproben, die zum Tode verurteilt worden waren. Während tierischen Bezoare in den heutigen Schlachhöfen häufig gesehen und als Abfall entsorgt werden, sind menschliche Bezoare selten. Als „Rapunzel-Syndrom“ wird eine besonders selten Variante bezeichnet; dabei entwickelt sich in Magen und Dünndarm meist junger Mädchen ein „zopfartiger“, harter Haarknäuel. So wurden schon 5 kg schwere, 120 cm lange Haar-Bezoare entfernt, welche für die betroffenen Mädchen lebensbedrohliche Ausmaße angenommen hatten.  Gedeihstörungen, Magendurchbruch oder Darmverschluss drohen. Trichobezoare und Rapunzel-Syndrom sind immer Ausdruck einer schweren, kinder- und jugendpsychiatrischen seelischen Erkrankung.

Warum der Erstbeschreiber allerdings auf den Ausdruck „Rapunzel-Syndrom“ kam, bleibt ein Rätsel. Im Märchen werden Rapunzels Haare  nicht gegessen, sondern als Strickleiter genutzt und letztlich abgeschnitten. Gegessen wird nur Rapunzelsalat – und der führte sogar zur Schwangerschaft.

Knoblauch-Zwiebel-Salbe: Rezeptur aus dem Mittelalter tötet Superbakterien

Von Angelika Franz, Spiegel Online 10.4.15

Wirkt eine mittelalterliche Augensalbe wie ein Antibiotikum? Eine Historikerin und Mikrobiologen haben sich zu einer ungewöhnlichen Allianz zusammengeschlossen, um die Wirkung an gefährlichen Supererregern zu testen. Man nehme Knoblauch und Zwiebeln und gebe diese mit Wein und Ochsengalle in einen Kessel aus Messing, lasse die Mixtur neun Tage lang ruhen und filtere das Gebräu am Ende durch ein Tuch. Fertig ist die Salbe. Am Abend mit einer Feder aufgestrichen, soll sie bei Augenentzündungen helfen. So steht es in Bald's Leechbook, einer altenglischen medizinischen Handschrift aus dem 10. Jahrhundert. Doch vielleicht steckt noch viel mehr in dieser angelsächsischen Rezeptur, berichtet Christina Lee, Professorin für angelsächsische und Wikinger-Studien an der University of Nottingham. Erste Tests ließen vermuten, dass die mittelalterliche Salbe multiresistente Staphylococcus aureus (MRSA) abtötet - jene Bakterienstämme, gegen die beinah sämtliche verfügbaren Antibiotika wirkungslos sind. Weitere Untersuchungen an Mäusen an der US-amerikanischen Texas Tech University verliefen ebenfalls vielversprechend: "Dieses antike Mittel funktionierte genauso gut, wenn nicht sogar besser, als herkömmliche Antibiotika", berichten die Mikrobiologen.

Die Ergebnisse stellten sie auf der Jahreskonferenz der Society for General Microbiology in Birmingham vor. Ein Forschungsantrag für Folgestudien ist bereits gestellt. Es begann damit, dass Historikerin Lee sich mit ihren Kollegen, den Mikrobiologen Freya Harrison und Steve Diggle, unterhielt. Diggle hatte von dieser Augensalbe gehört und fragte sich: Wie wirksam könnte dieses Zeug wohl sein? "Das Problem ist, dass die angelsächsischen Rezepte keine Mengenangaben enthalten", erzählt Lee. "Wir mussten also schätzen." Die Forscher stellten sich an die Kochtöpfe und brauten vier separate Versuchsmixturen mit jeweils frischen Zutaten. Zusätzlich kochten sie zum Vergleich eine Variante ohne Gemüse.Für den Test züchteten sie das Bakterium Staphylococcus aureus in Petrischalen - und behandelten auch Mäuse mit infizierten Wunden. Setzten sie die Bakterien nur einzelnen Zutaten aus - also Knoblauch, Zwiebeln, Wein oder Ochsengalle allein - passierte nichts. Erst wenn die im Messingkessel aufgekochte Mischung aufgetragen wurde, ließen sich die Staphylococcus-Populationen fast komplett auslöschen. Nur etwa eines von tausend Bakterien soll die Behandlung überlebt haben.Selbst verdünnt half die altenglische Knoblauch-Lösung. Dann reichte die Wirkung zwar nicht mehr aus, um die Bakterien zu töten. Aber sie störte die Kommunikation zwischen ihnen und verhinderte so, dass die Infektion sich weiter ausbreiten konnte. Das erstaunte die Mikrobiologen. In einer Pressemitteilung der Universität gibt Studienleiterin Harrison zu: "Wir waren absolut überrascht, wie effektiv diese Wirkstoffkombination ist. Vor Beginn ihrer Tests hatten sie zwar die Hoffnung, dass das Gemisch einen Effekt hat, denn Kupfer und Gallensalze können bekanntermaßen Bakterien abtöten. Und die antibakterielle Wirkung von Knoblauchgewächsen ist mindestens schon seit der Antike bekannt. Was die Professorinnen dann aber beobachteten, übertraf ihre Erwartungen bei Weitem. Ob damit aber tatsächlich ein Wundermittel gegen die gefährlichen Krankenhauskeime gefunden ist, muss sich erst noch zeigen. "Ob so etwas in einer Petrischale funktioniert oder im menschlichen Körper, das sind zwei sehr unterschiedliche Sachen", mahnt Marc Stadler vom Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung. "Die einzelnen Zutaten sind ja schon lange bekannte Breitbandspektrum-Antibiotika", sagt er. Aber sie wirkten zum Teil auch unspezifisch, und die seit Jahrzehnten bekannten antibiotisch aktiven Inhaltstoffe von Knoblauch und Zwiebeln seien eben nicht besonders stabil. Daraus ein haltbares Arzneimittel herzustellen, das dann noch die klinische Prüfung besteht, ist laut Stadler "gar nicht so einfach".

Aber stecken in Bald's Leechbook vielleicht noch mehr Überraschungen? Schwer zu sagen, aber nicht alle Rezepte klingen so vielversprechend wie die Augensalbe. Hat beispielsweise ein Pferd Schmerzen, empfiehlt das Buch, man solle die Worte: "Gesegnet seien alle Werke des Herrn der Herrn" auf einen Dolchgriff ritzen. Denn die Ursache für die Schmerzen, mutmaßt der Verfasser des Werkes, könne das Unwesen einer Elfe sein.

 

Kosten, die US Krankenhaus für 1 Packung sterile Tupfer in Rechnung stellt: $ 77.-

Anfangsgehalt Assistenzarzt in US-Klinik: $ 52 000.- /Jahr

Jahresgehalt Geschäftsführer des New York Presbyterian Hospital: $ 3 580 000,-

 

"Zurück zu Wasser und Seife"

Der Spiegel, 14/2015

Kersin Kullmann interviewt den kanadischen Gesundheitsexperten T.Caulfield zu seinem Buch: " Is Gwyneth Paltrow wrong about everything?"

Spiegel: Professor Caulfield, der Schauspieler Tom Cruise lässt sich Gesichtsmasken mit Nachtigall-Exkrementen anmischen, an Demie Moores Körper saugen Blutegel, das israelische Topmodel Bar Rafaeli pflegt sich das Gesicht mit Goldpaste - das klingt amüsant, aber weshalb sollte uns Nichtpromis das stören? Caulfield: Ich bin mir sicher, dass die Promikultur uns alle beeinflusst, denn sie setzt fest, was unser gesellschaftlicher Standard ist: in diesem Fall die Idee, dass man alles mögliche tun sollte, um das eigene Altern aufzuhalten... Spiegel: In Ihrem Buch schreiben Sie, dass die Promikultur eine Quelle der Desinformation sei, ein Hort der Pseudowissenschaft. Viele Menschen würden, davon inspiriert, teure, im schlimmsten Fall aber auch falsche Entscheidungen für ihre Gesundheit treffen. Welche? Caulfield: Verstehen Sie mich nicht falsch: ich liebe die Promikultur... Wir müssen Sie aber genau als das betrachten, was sie ist: eine Form der Unterhaltung...Viele Dinge in unserem Leben würden gar keine Rolle spielen, wenn sie nicht von Prominenten mit Nachdruck beworben würden: Diäten, Fastenkuren, das Trinken von püriertem Gemüse, Darmspülungen, jede Art von Anti-Aging-Kosmetik, das Schlucken von Vitaminpillen oder Schönheitsoperationen. Letztere sind natürlich überhaupt kein trivialer Akt. Spiegel:..Wie genau schädigen die Berühmtheiten unserer Gesundheit? Caulfield: Für das Buch habe ich einige der von Promis gepriesenen Methoden ausprobiert. Die Schauspielerin Gwyneth Paltrow zum Beispiel...preist... eine Art Fastenkur an, die helfen soll, den Körper zu entgiften. Der "Cleanse" kostet 425 Dollar. In den USA werden mit solchen Kuren bis zu 5 Milliarden Dollar umgesetzt. Spiegel: Sie schreiben, diese angeblichen Gifte seien "die bösen Geister" unserer Zeit. Caulfield: Ja, denn die Idee, dass man seinen Körper entgiften müsse, ist wissenschaftlich vollkommen unbewiesen... Unsere Körper erledigen das Entgiften von Natur aus sehr gut - zum Beispiel jedes Mal, wenn wir auf die Toilette gehen... Spiegel: Die Popsängerin Katy Perry hat auf Twitter ihren fast 70 Millionen  Followern mitgeteilt, dass sie "total auf Zusatzpräparate und Vitamine" stehe. Caulfield: Ich habe vor kurzem in einem Klatschmagazin gelesen, dass sie jeden Tag 26 Tabletten schluckt... Das ist eine Industrie, die geschätzt weltweit etwa 60 Milliarden Dollar Gewinn macht. Wissenschaftlich gibt es kaum Belege dafür, dass Zusatzpräparate etwas nützen...Spiegel: Wie steht es um Kosmetik - Cremes und Peeling? Caulfield: Da ist es ähnlich; es gibt kaum unabhängige Studien zur Wirksamkeit von Kosmetika. Zugleich gibt es zahlreiche Studien, die belegen, dass Frauen und Männer wissen, dass die Produkte, die sie kaufen, nicht wirken. Sie kaufen sie trotzdem...Ich benutze jetzt wieder Wasser und Seife. Auch bei der Pflege ist das, was wirklich etwas bringt, ziemlich simpel: nicht rauchen, Sonnenschutz, genügend Schlaf, gute Ernährung, Sport.... Spiegel: Warum lassen wir uns von Prominenten so gern erzählen, dass es Methoden gibt, die uns ein wenig schöner machen? Caulfield: Evolutionär gesehen könnte man sagen, dass es immer von Vorteil war, wenn man denen nacheiferte, die erfolgreich waren...Eine Studie aus dem Jahr 2013 zeigt, dass all das, was Promis über soziale Medien ihren Fans präsentieren, diesen das Gefühl einer "authentischen Beziehung" zu ihrem Star vermittelt. Spiegel: Stimmt es eigentlich, dass Gwyneth Paltrow raucht ? Caulfield: Ja. Gelegentlich... Sie sagt, es belebe sie, und diese Momente seien genau das richtige Maß an Anrüchigkeit, das sie brauche. Für eine Frau, die sich regelmässig den Darm spülen lässt und an die Entgiftung des Körpers glaubt, ist das ein ziemlich kurioser Gedanke.   

 "Gräserpollenallergie? Gras-Allergie!"

Nach der Legalisierung des Cannabis-Anbaus in einigen US-Bundesstaaten gewinnt dort ein Nebenaspekt des Cannabis-Problems eine neue Brisanz. Cannabis-Pflanzen vermehren sich durch Pollen; und diese "Gras-Pollen" werden durch die Luft sehr gut und weit verbreitet. In Indien, Pakistan, Italien und den USA wurde diese besondere Pollenart bereits regelmässig in Luftproben nachgewiesen. Für eine Selbstaussaat scheinen die Umweltbedingungen meist zu schlecht zu sein, jedenfalls sind bisher keine natürlichen, von helfenden Händen unbetreute Cannabis-Felder entdeckt worden. Leider kann vor allem der grasanbauende oder graskonsumierende Atopiker eine Allergie gegen die Pollen entwickeln - vor allem dann, wenn er bereits andere Pollenallergien besitzt. Kreuzallergien scheinen zu Beifuss und Platanen, aber auch Tomaten und Pfirsisch zu bestehen. Neben dem Protein Can s 3 wird auch dem THC (Delta-9-Tetrahydrocannabinol), der psychoaktiven Komponente der Pflanze, eine allergene Potenz zugeschrieben. Die Diagnosestellung fällt auch dem erfahrenen Allergologen nicht leicht: die wenigsten Konsumenten werden spontan den Gras-Konsum bekennen; und standardisierte oder unstandardisierte Testextrakte für den Allergietest im Verdachsfall gibt es nicht.  Wir wissen deshalb fast nichts über die Häufigkeit der Gras-Allergie und ihre Behandlungsmöglichkeiten. Unsere amerikanischen Kollegen werden dazu aber in den nächsten Jahren sicher sehr viele Artikel verfassen können....

Kurz, je weniger Aberglaube, desto weniger Fanatismus, und je weniger Fanatismus, desto weniger Unheil  (Voltaire)

Vitiligo und Aberglaube

Eine besonders widerliche Form menschlichen Aberglaubens hat sich in Afrika um Menschen mit Pigmentstörungen der Haut entwickelt, den Albinismus. Weltweit wird jedes 20 000ste Neugeborene mit dieser Störung geboren, bei der die Pigmentbildung von Haut, Augen und Haaren mehr oder weniger stark vermindert ist. In Europa fallen selbst Menschen mit vollständigem Albinusmus trotz sehr heller Haut, weissblonden Haaren und roten Augen kaum auf; ihre grössten gesundheitlichen Probleme sind ein hohes Hautkrebsrisiko und Sehstörungen. In Afrika, wo die Häufigkeit zB in Tansania zehnmal höher ist als in Europa, sind sie dagegen leicht zu erkennen; das Risiko einer Ausgrenzung aufgrund ihres fremdartigen Aussehens ist hoch. In vielen afrikanischen Ländern standen sie im Ruf, Unglück zu bringen. Auch in Europa wurden Menschen mit schneeweisser Haut lange auf Jahrmärkten gezeigt, und der dämonische Mönch Silas in "Der Da Vinci Code - Sakrileg" zeigt uns, dass ihre andersartiges Aussehen auch bei uns ein Stigma ist. In Tansania dagegen grassiert in den letzten 15 Jahren der Aberglauben, dass ihrer Haut und Körperteilen magische Kräfte innewohnten und Glück  bringen könnten. Man vermutet, dass in Ostafrika in dieser Zeit mehr als 100 Kinder und Erwachsene mit Albinismus ermordet, ihre Haut, Ohren, Hände und Gliedmaßen zu Talismanen verarbeitet wurden. Viel häufiger noch sind die Fälle, in denen lebenden Kindern Finger, Hände oder Beine zur Produktion von Glücksbringern abgeschlagen wurden. Besonders fatal ist das Gerücht, daß diese Talismane nicht nur Wohlstand, Glück und Heilung erzeugen, sondern sogar Wahlsiege herbeiführen könnten. Daher stieg die Zahl der Übergriffe in Wahlzeiten beängstigend an. Wie Recherchen der Süddeutschen Zeitung und anderer seriöser Journalisten ergaben, werden für einzelne Körperteile mehrere Hundert Dollar, für ganze Leichen bis 75 000 Dollar bezahlt. Zum Schutz von Kindern mit Albinismus wurden und werden "sichere Häuser" eingerichtet, in denen sie leben können, ohne Angst vor einer Entführung aus dem Elternhaus haben zu müssen. Um einem Massaker vorzubeugen, wurden vor der im Herbst 2015 anstehenden Präsidentenwahl in Tansania 200 traditionelle Heiler festgenommen, denen man diese Praktiken vorwirft.

Wissenschaft und Dünnbrettbohren

Es klingt wie ein grotesker Aprilscherz, ist aber wissenschaftlicher Alltag: hochkarätiges Dünnbrettbohren. Internationale Forscher haben (Spiegel 24/15) bei Studien an 140000 Menschen in 17 Ländern in jahrelangen Untersuchungen festgestellt, dass die Stärke des Händedrucks beim Händeschütteln Auskunft über den Gesundheitszustand geben kann. Nicht nur das: in einer Studie an 2000 Probanden zwischen 50 und 80 Jahren wurde festgestellt, dass diejenigen, die beim Aufstehen vom Fussboden langsamer waren, auch kränker waren und früher starben. In  neun Studien an über 30000 Teilnehmern konnten die Arztkollegen erkennen, dass flotte Spaziergänger gesünder waren als langsame. Auch Kurzatmigkeit bei körperlicher Anstrengung scheint tatsächlich ein Hinweis darauf zu sein, dass der Mensch weniger fit ist als derjenige, der weniger schnauft beim Treppensteigen. Solche Beobachtungen verraten tatsächlich mehr über die Lebenserwartung, als Laborwerte oder Röntgenbilder. "Solche einfachen, nicht invasiven Methoden wurden jahrelang vernachlässigt", sagt ein Kardiologe der TU München im Spiegel; "Aber diese Forschungsrichtung gewinnt jetzt an Bedeutung". Ist das nicht toll? Wenn Sie in Zukunft wissen wollen, ob Ihnen etwas fehlt, muss Ihr Hausarzt Sie nicht mehr in den Computertomographen stecken, oder eine Genanalyse machen. Er muss sie nur beim Eintreten ins Sprechzimmer anschauen, Ihnen die Hand geben und Sie fragen, wie es Ihnen geht. Schon kann er kompetent feststellen: "Mir scheint, Ihnen fehlt was. Sind Sie vielleicht nicht ganz gesund?".  Natürlich konnten Ärzte und Menschen mit gesundem Menschenverstand schon immer erkennen, dass Kurzatmigkeit, ein schlapper Händedruck, Unbeholfenheit  und körperliche Unbeweglichkeit kein Zeichen besonderer Gesundheit sind. Aber jetzt ist der evidenzbasierte Beweis geliefert: es hilft dem Arzt bei der Untersuchung des Patienten, ihn anzusehen, ihn zu beobachten und ihm zuzuhören. Halleluja.

Knabberfische schmecken mit der Afterflosse

In fliessenden Süssgewässern an der Wiege der Menschheit, dem sogenannten fruchtbaren Halbmond des vorderen Orients, lebt ein etwa 12 cm langer Fisch. Garra rufa, die rötliche Saugbarbe, wird auf englisch „doctor fish“ genannt. Seit seiner biologischen Erstuntersuchung 1843 wurde dieser Fisch immer wieder zu medizinischen Zwecken eingesetzt. Seinen deutschen Namen Kangalfisch erhielt er durch sein Vorkommen in der türkischen Region Kangal, aber auch in Israel, Syrien und dem Irak gibt es Populationen der freundlichen Tiere.

Menschen machen sich das natürliche Verhalten der Fisch zunutze, der Algen von Steinen und Pflanzen knabbert. Genausogut schmecken den Fischen aber auch die oberen Hornhautschichten der menschlichen Haut. Die Fische besitzen an Lippen und Körper zahlreiche Geschmacksknospen – unter anderem auch an ihrer Analflosse. Der pflegebedürftige Mensch setzt oder legt sich also in ein nach oben offenes Grossaquarium, die gutmütigen und nichtsahnenden Fische stürzen sich auf seine Haut und knabbern stupsend die aufgeweichten Hautschichten. Man nennt diese Behandlung „Ichthyotherapie“; sie wurde lange zur Behandlung von Schuppenflechte eingesetzt, in den letzten Jahren aber zunehmend kommerziell in Wellness-Betrieben als Fusspflege-Ersatz propagiert (Fischpediküre). Bis zu 150 Fische mühen sich dabei im Wasserbecken um einen Menschen.

Nicht eindeutig geklärt sind hygienische Fragen beim Einsatz der Fische. Prinzipiell ist die Übertragung von Bakterien, Pilzen und anderen Krankheitserregern von einem Patienten zum anderen denkbar – in den USA ist die Behandlung deshalb verboten. Immerhin bieten die feuchtwarmen Tauchbecken ideale Bedingungen zur Kultivierung von Fusspilz und anderem. Das Risiko scheint aber gering zu sein, und konkrete Schadensfälle wurden bisher wissenschaftlich nicht beschrieben. Medizinische Therapiezentren unterziehen die Fische zwischen zwei Einsätzen einer Quarantäne – oder töten sie sogar. Ob die Behandlung besonders appetitlich ist, darüber gehen die Geschmäcker auseinander. Der Export der Fisch aus der Türkei wurde inzwischen verboten, um ihre natürlichen Bestände zu schützen .

Die Tiere sind in Deutschland wie alle Wirbeltiere geschützt, weshalb es immer wieder Streit zwischen den Betreibern solcher Knabber-Anlagen und den Tierschutz- und Umweltschutzbehörden gibt. Eine gewerbsmäßige Haltung zu kosmetischen und Wellness-Zwecken ist nach einer Rechtsauffassung nicht erlaubnisfähig, weil durch die Haltung den Fischen unvermeidbare Schmerzen, Leiden und Schäden zugefügt würden, die mit einem vernünftigen Grund nicht in Einklang zu bringen seien. Manche Gerichte sehen dies allerdings anders: sie werten das Recht auf freie Berufswahl der Fisch-Unternehmer höher als den Tierschutz. Juristisch werden Kangalfische beim Einsatz am Menschen genau wie Blutegel zur Thrombosebehandlung oder Fliegenmaden zur Wundbehandlung als Arzneimittel bewertet. Sofern zur Linderung oder Heilung von Krankheiten (Schuppenflechte!) eingesetzt, ist eine Heilpraktikererlaubnis erforderlich.

Die Haut - das analoge Facebook

"Menschen, die gerne Quizfragen lösen, tippen bei der Frage, welches das grösste Organ des Menschen sei, zuverlässig auf die Haut. Das heisst, sie tippen natürlich nicht auf die eigene Haut, sondern auf den Begriff Haut, das ist ja diese berühmte Unterscheidung, welche die Linguistik zwischen Signifikant und Signifikat macht, aber egal. Wichtig ist nur, dass man die Haut wie einen Freund behandelt, denn sie ist meist genauso empfindlich wie die allermeisten Freunde, die man hat. Deshalb steht hinter der Haut eine ganze Wohltätigkeitsindustrie, die hier beratend, dort mahnend die Stimme erhebt und natürlich die entsprechenden Pflegemittel bereitstellt. Es gibt in Hautfragen ein Dringlichkeits-Ranking, das mit der Bekämpfung von Irritationen beginnt und bei der Behandlung allergischer Reaktionen noch lange nicht aufhört.Ganz weit hinten steht seltsamerweise der Knutschfleck. Menschen, die ein verschmitztes Verhältnis zu ihrer Jugendzeit unterhalten, wissen, wie ein Knutschfleck entsteht: der Knutschende saugt so lange an der Haut des Beknutschten, bis diese einen rötlich-blauen Fleck mit leicht gelblichen Einfärbungen aufweist. Fertig ist der Knutschfleck, den es dann vor Freunden mit fantastischen Ausreden zu rechtfertigen galt. Wenn heute ein Knutschfleck auf der Haut erscheint, schlagen Dermatologen so Alarm, wie Facebook-Bewohner Alarm schlagen, wenn jemand eine nicht likebare Meinung vertritt. Die Deutsche Presseagentur lanciert eine Soforthilfe-Empfehlung des Visagisten Peter Arnheim, der Knutschfleckenträger dringend dazu aufruft, ihren Knutschfleck zu kühlen, damit er zumindest kleiner wird. Eine gute Handreichung, wenngleich insofern rührend, als es ja kaum noch Knutschflecken gibt - welcher Jugendliche stellt heute noch Knutschflecken her? Andererseit muss die Haut als grosses Palimpsest weiterhin Übermittlerin schöner und flüchtiger Liebesbotschaften sein. Neu und erfrischend keck ist die Mode, mithilfe von kleinen Schablonen einen räumlich begrenzten Sonnenbrand auf die Haut zu zaubern, der, schmerzhaft zwar und ungesund, die Form eines Herzens beschreibt. Selbstverständlich warnen Hautärzte auch vor diesen Liebesbotschaften, denn ihr Datenträger kann schlimm krank werden, wenn heisse Herzen in ihn eingebrannt werden. Dabei haben die Dermatologen eigentlich verstanden, dass die Haut eine "soziokultuelle Projektionsfläche" ist, man könnte sogar behaupten, die Haut sei das analoge Pendant zu den sozialen Medien, wo ja auch vieles geschrieben wird, was auf keine Kuhaut, naja, kleiner Scherz. Wie auch immer, es gebe, sagt ein besorgter Dermatologe, keinen vernünftigen Grund dafür, dass einer sich ein Herz auf die Haut brennt. Und genauso wenig vernünftige Gründe gibt es dafür, sich zu verlieben."

aus: Süddeutsche Zeitung, Das Streiflicht, 10.9.15

"Sind wir nicht alle ein bischen Bluna?"

Grob geschätzt werden in der Dermatologie etwa 2000 Krankheiten behandelt. Nach wissenschaftlichen Schätzungen gibt es aber nur 10-15 dermatologische Krankheiten, zu denen mehr als 1 zur Behandlung zugelassenes Medikament existiert. Das bedeutet: für 99 % aller Hautkrankheiten gibt es nur ein einziges, meist aber überhaupt kein Medikament, welches von unseren Behörden für die Therapie erlaubt wurde. Oft ist für den Hautarzt die sogenannte "Off-label-Therapie" die einzige Behandlungsmöglichkeit überhaupt. Off-Label bedeutet: Nutzung ausserhalb des geprüften und genehmigten Gebrauchs. Die off-label-Behandlung hat in der Dermatologie eine lange Tradition, weil sie für die meisten Patienten mit eher seltenen Krankheiten schon immer die einzige Therapiemöglichkeit darstellt. Das Problem dabei: die Kassen zahlen nicht, der Dermatologe macht sich sehr leicht strafbar, und der Patient erhält eine vielleicht wirksame Behandlung nicht.

Dermatologischer Schneiderkurs nicht nur für Anfänger

Den jüngeren Kollegen, die sich hierher verirren, möchte ich für den Beginn ihrer operativen Karriere folgendes Buch ans Herz legen: Mileham Hayes: "Practical Skin Cancer Surgery". Beantwortet alle Fragen, die man in der Hautklinik am Op Tisch nicht zu fragen wagt.

 

Viel" Wissenschaftliches" zum Thema Medizin und Humor finden Sie hier: www.arztmithumor.de/forschung/medizin/

 

Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche....

Unter deutschen Dermatologen tobt zur Zeit ein erbitterter Streit, ob das Hautkrebsscreening auf Krankenschein sinnvoll ist oder nicht. Da wird mit komplizierten mathematisch-statistischen Waffen und persönlichen Verunglimpfungen gefochten. Zum Thema Vorsorgeuntersuchungen hatte der Bremer Hautarzt Prof. Bahmer Kontakt mit dem grossen deutschen Schriftsteller Robert Gernhardt (die Qualität seiner Arbeiten ist normalerweise durchweg höher als die des folgenden Gedichts, aber hier zählt das gute Ziel). Er lieferte dazu einige Skizzen in unserer Verbandszeitschrift  (Der Dtsch Dermatologe 2015; 63(11): 826f). Gernhardt starb an einem zu spät entdeckten Darmkrebs, verfasste dazu ein Gedicht, und erlaubte Prof. Bahmer, dies brachial auf den Hautkrebs umzuschmieden. Anbei das Werk.

"Zum guten Schluss ein wirklich guter Rat"

Ungutes gibt es zu berichten - Schwarzer Krebs trifft alle Schichten.

Zwanzigtausend fällt er an, und das jährlich, mehrere Tausend sterben dran,

seien wir ehrlich:

Totsein hilft nicht wirklich weiter. Überleben wär gescheiter,

und das geht, vorausgesetzt, dass dem Tod, ders Messer wetzt

Letzeres zu Boden sinkt, ehe er den Stich anbringt.

So ein Tod geht über Leichen. Nicht durch Worte zu erweichen,

muss man ihn durch Taten hindern, unsre Lebenszeit zu mindern.

Jedem Heute folgt ein Morgen, also gilt es vorzusorgen,

was im Falle Hautkrebs heißt, dass man etwas Mut beweist

und an der Haut charakterfest, eine Inspektion zulässt.

 

Vom Scheitel bis zur Sohl, mit Mole-Max und Dermatoskop,

wird die ganze Haut kartiert und die Male klassifiziert.

Harmlos sind die Altersflecken, während bunte, diese Jecken

schnell Malignitätsverdacht erwecken.

Der Arzt entnimmt dann eine Probe, das ganze untersucht der Pathologe.

Bald schon meldet das Labor: stimmt, hier liegt ein Hautkrebs vor.

 

Zack! Das Melanom hat sich geoutet, weshalb unser Fazit lautet:

besser eine Untersuchung kriegen als das Leben zu besiegeln.

Klüger ist`s, den Krebs zu schneiden, als das Sterben zu erleiden.

Besser ist`s zu therapieren, als Gesundheit zu verlieren.

Also lautet meine Meaning: unterzieh dich diesem Screeing,

da selbst der, der kein Prophet ist, weiss, dass nicht mehr früh - zu spät ist.

 

Früherkennung sei das Motto! So ein Krebs ist zwar ein Lotto,

das, dem Zufall unterstellt, den verschont und den befällt.

Doch ein Schicksal ist er nicht. Flackert auch das Lebenslicht,

kann doch der, der`s früh erkennt, helfen, dass es weiterbrennt.

Helfen, das meint: nicht erzwingen. Doch beim Hautkrebs kann gelingen,

wonach alles Leben strebt, nämlich: das es weiterlebt.

Sonne - gut!

"Am persischen Golf lassen sich die energieverschwenderischen Vorläufer einer solchen Technowelt bereits heute besichtigen. Die Menschen dort leben überwiegend in voll klimatisierten Urbanisationen - mit bizarren medizinischen Folgen: Obwohl in Abu Dhabi das ganze Jahr über die Sonne scheint, leiden die Einwohner unter heftigem Lichtmangel. Nirgendwo sonst gibt es so viele Menschen mit Vitamin D Defizit, das unter anderem zu Rachitis führen kann. " Spiegel 45/2015

Dr Google und die Folgen

"Vor einiger Zeit hatte ich einen Hirntumor, ein Aneurysma und ausserdem Multiple Sklerose. Lauter Ferndiagnosen des Arztes meines Vertrauens: Dr Google. Er ist meine erste Anlaufstelle, wenn mir etwas fehlt. Normalerweise geht es um Kleinigkeiten, einen schmerzhaften weissen Fleck im Mund beispielsweise, der Fachbegriff dafür ist Aphthe. Letztens entdeckte ich eine beim Zähneputzen, und als ich das nächte Mal online war, gab ich "Aphthe" bei Google ein. Einfach so, mehr nebenbei, ich wollte eben wissen, was so los war in meinem Mund. Ich merkte, dass Aphthen nicht nur für mich ein Thema sind. Es existieren ganze Webseiten nur über Aphthen. Es gibt Aphthen - Blogs. Es gibt unzählige Forenbeiträge... Nutzer, die Hausmittelchen empfehlen, Ingwer kauen, Myrrhe-Tinctur auftragen, Mund spülen mit Teebaumöl-Lösung. Nicht zu vergessen die einschlägigen Internetseiten für hypochondrisch Veranlagte, allen voran das Gesundheitsportal NetDoktor mit seinem "Symptom-Checker". Ich las: Aphthen seien harmlos und verschwänden meist nach ein bis zwei Wochen von selbst. Nur in seltenen, schweren Fällen können Aphthen auf ernste Erkrankungen hinweisen - Morbus Behcet, Zöliakie, Neutropenie, HIV-Infektion, um nur ein paar zu nennen.  Deshalb wäre es in dem Moment klug gewesen, auf das Kreuz rechts oben in meinem Browser zu klicken... Ich tat es nicht. Ich googelte weiter. Die Aphthe verschwand einige Tage später von selbst. Aber ein paar Wochen später saß ich an meinem Laptop beim Arbeiten und stellte fest, dass ich meine Finger nicht mehr gut spürte, wie waren wie taub.... Dr. Google half mir nicht, er stieß das Tor zur Hölle auf. Ich machte mich daran, im Wikipedia-Artikel zu Multipler Sklerose den Abschnitt über erste Anzeichen durchzulesen und Punkt für Punkt mit meiner Verfasssung abzugleichen...In den nächsten Tagen schlief ich schlecht... Dachte ich über mein Leben nach, über das, was war, und das was vielleicht nie sein würde?... Nein, und nein. Das hatte ich alles schon in den Tagen und Nächten zuvor gemacht, an meinem Laptop, in den einsamen Stunden mit Dr. Google.... Ich ... wurde an meinen Hausarzt verwiesen. Ich beschrieb ihm meine Symptome, ich sagte ihm, welche Befürchtungen meine Internetrecherche geweckt hatte. Er hörte mir zu, leuchtete mit einer kleinen Lampe in meine Augen und fragte dann: "Hatten Sie vor kurzem einen Unfall?".. Dann fiel mir ein Sturz ein, den ich völlig vergessen hatte. ... Ich war durch den Wald gelaufen, über eine Baumwurzel gestolpert und hingefallen..."Vielleicht liegt es daran, vielleicht ist ein Nerv an der Halswirbelsäule eingeklemmt" sagte der Arzt... Zum Abschied sagte er: "Versuchen Sie, keine Krankheiten mehr zu googeln". Daran habe ich vor kurzem wieder gedacht. Ich lag im Bett, und die Muskeln in meinen Waden zuckten. Ich habe ehrlich versucht, es nicht zu tun. Jetzt habe ich die Wahl zwischen Stress, Magnesiummangel und ALS." A.Duong, Der Spiegel 46/2015

 

Hier gehts zur grossen Humor-Wiki-Seite: www.stupidedia.org/stupi/Portal:Heilkunde

Madame meidet möglicherweise magere Models

Das französische Parlament hat im Dezember 2015 ein Gesetz beschlossen, welches gesundheitsgefährdendes Untergewicht bei Models bannen soll. Um auf Modeschauen, bei Foto-Shootings oder in der Haute Couture arbeiten zu können, benötigen Models in Zukunft ein ärztliches Attest. Darin muss bescheinigt werden, dass ihr Gesundheitszustand mit ihrem Beruf vereinbar ist - wichtigster Faktor dabei ist der Body Mass Indes BMI (genau Ausführungsbestimmungen fehlen noch). Dabei wird das Körpergewicht in Verhältnis zur Körpergrösse gesetzt. Untergewicht beginnt bei einem BMW von 18,5. Eine 20jährige von 1,80 m Grösse müsste danach mehr als 60 kg wiegen. Wer dünne Models ohne Attest bucht, dem drohen bis zu 75 000 E Strafe und 6 Monate Gefängnis. In Israel sind magere Models schon länger verboten. In anderen Ländern, zB Italien, gibt es nur Selbstverpflichtungen von Designern.

 

Antifaltencremes? - vergiss es !

http://www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/stiftung-warentest-zu-antifaltencremes-alle-mangelhaft-a-1068977.html

 

Foodamentalismus, Orthorexie, allergisch gegen Alles

Was haben Nahrungsmittelallergien, Laktoseintoleranz, Imkerschulungen bei der VHS, glutenfreier Kuchen im Kindergarten, Veganismus, Minibrauereien und Bio-Eis miteinander zu tun? Für eine wachsende Anzahl Menschen muss Essen heute nicht nur satt machen, schmecken oder gesund sein. Es muss "rein" sein, den Menschen sogar von innen reinigen oder zumindest bezeugen, dass der Esser die Welt verbessern will. Nach Detox, Pilates, Fitness-Apps und Öko-Spa`s ist Essen ein weiterer Baustein in der Selbstoptimierungskette mittelalter Hipster und Urbanauten. In den USA wird dieser Trend "Foodamentalismus" genannt, und seine Anhänger, welche diesen Begriff meist nicht kennen, tauchen immer öfters in unseren Arztpraxen auf, um testen zu lassen, welche Nahrungsmittel erlaubt oder verboten sind. Es ist sehr schwierig, sie davon zu überzeugen, dass man "gesunde" oder  "wertvolle" Nahrung nicht austesten kann, dass diffuse Befindungsstörungen meist nichts mit der Ernährung zu tun haben und Nahrungsmittelallergien sehr selten sind. Natürlich gibt es Menschen mit Nussallergien, Lactose-Intoleranzen und Glutenunverträglichkeiten. Sie müssen erkannt, ernst genommen und behandelt werden. Ihre Zahl ist jedoch weitaus geringer als diejenigen, die in einer speziellen Ernährungsform - wie Paleo-Diät, Raw-Vegan oder Juice-Cleanse - eine Lebensideologie mit dem Charakter eines Religionsersatzes gefunden haben. Die Extremform dieser Einstellung wird von einigen Wissenschaftlern schon "Orthorexia nervosa" genannt, angelehnt an Anorexia nervosa. Die Betroffenen denken nicht, sie seien zu dick - sie glauben, sie wären innerlich verunreinigt und würden eine Reinigung über Ernährung und Darm benötigen.  Orthorexie ist also eine Eßstörung, bei der Betroffene sich zwanghaft "richtig" und vermeintlich gesund ernähren müssen. Richtig heisst dabei oft: weniger. Weniger Zucker, weniger Öl, weniger Fleisch, weniger Weizen, weniger Eier, weniger Gebratenes, weniger Gekochtes usw - und damit weniger Auswahl, weniger Geschmacksvielfalt. Natürlich springen McDonalds, Nestle und die anderen natürlichen Feinde der Bewegung längst auf diesen Zug auf, kopieren deren "Wording" und bieten ihr Convenience-Food mit passenden Versprechen an. Schon bald werden auch in Europa die kleinen Öko-Bistros um die Ecke die Konkurenz von amerikanischen "Healthy-Fast-Food" Ketten wie Sweetgreen oder LyfeKitchen spüren. Eines ist sicher: Ärzte sind die falschen Ansprechpartner, um die neuesten Ernährungsvolten zu kommentieren. Der Ernährungswahnsinn wird weitergehen.

"Der Plural von medizinischer Anekdote ist nicht Daten. Sondern Anekdoten."

 

Pickel und Pusteln statt Lidstrich und Botox - Akne ist der neue Trend

Wenn schon minderjährige Models, dann richtig. Nix Rasieren, nix Dünn, nix Perfekt: Mailands Designer rüsten ab:

http://www.bento.de/style/designer-in-mailand-zeigt-models-mit-pickeln-und-akne-auf-der-fashion-week-654571/

 

Es kommt von überall, es weiss alles: big data, big blunders, complete bullocks

44% aller deutschen Erwachsenen nutzen beim Auftreten von Krankheitsbeschwerden das Internet oder soziale Medien als Informationsquelle. Schon vor 10 Jahren, als das daraus resultierende Datenvolumen viel geringer war als heute, hatten einige clevere IT Experten folgende Idee. Wenn man die Häufigkeit von Google-Suchanfragen zu "Grippesymptome", "Apotheke in der Nähe" usw auswerten würde, müsste man eine beginnende Grippeepidemie viel früher vorhersagen können, als mit den traditionellen Meldungen von Ärzten ans Gesundheitsamt. Rasche Vorbeugung müsste so ein schnelles Eindämmen von Seuchen möglich machen. Die Idee war so plausibel, dass eine entsprechende Studie von Google- und Yahoo-Datenexperten 2008 im wichtigsten Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurde. Die entsprechende Anwendung nannte sich GoogleFluTrends GFT. GFT wurde in den Jahren danach von der IT Industrie ständig als praktisches, hoffnungsvolles Beispiel für die positiven Möglichkeiten von "BigData" zitiert, um Unternehmen und Öffentlichkeit massenhaftes Datensammeln schmackhaft zu machen . Die Analyse riesiger Datenmengen, "BigData", wurde zur neuen Herausforderung und Chance der Computerindustrie erklärt und machte rasch Medienkarriere.  Big Data scheint auch in der Medizin unausweichlich und glücklicherweise auf dem Vormarsch zu sein – wenn man der veröffentlichten Mainstream-Meinung der Experten glaubt und ihre Heilsversprechen ernst nimmt. Die stetig wachsenden Datenmengen aus Abrechnungs- und Behandlungsakten, Untersuchungsergebnissen und neuerdings auch Fitness-Tracking-Tools scheinen ein ungehobener Schatz, eine unerschöpfliche Quelle von Gesundheit, ein Innovationsmotor zu sein. Big Data ermögliche eine individualisierte Therapie, die sich aus der Gesamtheit der Körper- und Krankheitsdaten bestimmen lasse. Auch Risikofaktoren zur Krebsvorbeugung ließen sich angeblich sicher erkennen; Krankenkassen könnten durch Auswertung ihrer Mitgliederdaten die beste Betreuung empfehlen und Abrechnungsbetrug verhindern. Soweit die bisher rein hypothetischen Chancen. Leider gibt es sehr konkrete Risiken. In den USA gibt es schon heute Firmen, die ihren Mitarbeitern Fitnesstracker aufdrängen, um deren Daten zu sammeln und dadurch an günstigere Versicherungsprämien der Krankenkassen zu kommen. Viele BigData-Gesundheitsdaten liegen auf den Servern von Versicherungen, Krankenhäusern oder IT Firmen ausserhalb Europas, sodass unserer Datenschutzgesetze wirkungslos verpuffen. Missbrauch ist vorprogrammiert. Aber sind denn nicht unsere Versicherungen und Politiker die Guten? In England jedenfalls hat der staatliche Gesundheitsdienst NHS medizinische Daten zuerst gesammelt, und dann der Polizei Zugriff auf die Akten gewährt – obwohl die gesammelten Daten angeblich anonymisiert waren. Krankenakten wurden vom NHS an Unternehmen verkauft, die Risiken von Versicherungen berechnen. Dutzende Gigabyte Daten des NHS wurden von Beratungsfirmen auf Server in die USA verschoben, und Zugriffe auf Krankenhausdaten wurden Consultingfirmen wie McKinsey oder dem Pharmakonzern AstraZeneca erlaubt.  Was kann BigData bisher liefern? Im Jahr 2013 erschien ein neuer Artikel über die Seuchenvorbeugung mittels GoogleFluTrends in "Nature". Das Ergebnis der Vorhersagequalität war niederschmetternd. Die Analyse der Fragebögen aus Papier hatte bessere Ergebnisse ergeben, als die Analyse von "BigData". GoogleFluTrends wurde zum Synonym für Hybris und Grössenwahn. BigDate hat bis heute die hochfliegenden Versprechnungen nicht erfüllt. Das staatliche Gesundheitssystem Englands NHS verbrannte 10 Milliarden Pfund beim vergeblichen Versuch, alle Krankendaten des Landes zentral in einer Datenbank zu sammeln. In Deutschland glauben nur noch ein paar Politiker daran, dass die Datensammelwut im Gesundheitswesen und der Aufbau einer entsprechenden Infrastruktur in den nächsten Jahren irgendeinen praktischen Nutzen haben werden. Vielleicht gilt der Aphorismus von D.Ariely: "Mit BigData ist es wie beim Sex im Teenageralter. Jeder spricht darüber, keiner weiss wirklich, wie es geht. Alle denken, dass die anderen es tun, also behauptet jeder, dass er selbst es auch tut". Mehr Daten bedeutet heute vor allem: Überforderung. Das hat auch sein Gutes, denn technische Überforderung der BigDataSammler ist vielleicht unser bester Schutz vor den unerwünschten Folgen der Datenanalyse. Der Begriff BigData wurde 2015 dann leise aus dem Lexikon der Trendbegriffe entfernt - zu unscharf sei der Begriff und eigentlich gar keine Technik. BigData war vielleicht nur "die nächste Sau, die durchs Dorf getrieben wurde"  (Umgangssprachlich für eine Sache, die viel diskutiert wird und Aufregung erzeugt. Man will zum Ausdruck bringen, dass diese Sache schnell von etwas Neuem abgelöst werden wird).

Alles so schön bunt hier

In Europa sind etwa 12% der Bevölkerung tätowiert, in den USA ca. 24%. Nahezu allen Tätowierten ist unklar, was sie sich da beim Tätowieren eigentlich in die Haut spritzen lassen. Tätowierer kaufen ihre Farben entweder im Internet oder bei spezialisierten Händlern. Beim Stechen befördern die Tattoo-Nadeln pro cm2 etwa 2,5 mg Farbe in die Haut. Ein Teil bleibt in der (Leder)Haut - das sichtbare Bild. Ein Teil wird über Blut und Lymphe abtransportiert, in Lymphknoten oder anderen Organen abgelagert oder wieder ausgeschieden. Gefärbte Lymphknoten in der Nähe von Tattoos sind lange bekannt. Tätowierer verwenden meist moderen Industriefarben, weil die so haltbar, brillant, wasserlöslich und schön bunt sind. Sie kaufen meist fertige Mischsuspensionen, die neben den eigentlichen Farbpigmenten viele weitere Chemikalien enthalten. Für diese Farben gibt es keine Regeln, sie sind weder Medizinprodukte, noch Kosmetika oder Arzneimittel. So findet man Verunreinigungen der verwendeten Pigmente, Lösungsmittel, Emulgatoren, Bindemittel, Antischaummittel, Konservierungsmittel wie Parabene, Formaldehyd, Phenol und Methylisothiazolon, Metallte wie Nickel, Chrom und Kobalt, polyzyklische Kohlenwasserstoffe und Phthalate. Ausserdem sind immer mal wieder Krankheitserreger wie Bakterien nachweisbar, die entweder bei der Herstellung oder beim Umfüllen in den Tattoo-Studios hineingelangen. Genau wie bei der völlig unzulänglichen Kontrolle und Regulierung von Lasern in Laienhand ist völlig unklar, ob und wann der Gesetzgeber sich bemüßigt fühlen wird, für die bekannten gesundheitlichen Risiken der Massentätowierungen eine gesetzliche Regelung zu finden. Da packt man doch einfacher auf die zahlreichen, zum Teil völlig überflüssigen Qualitäts- und Hygieneinstitute/Gesetze/Regeln/Kontrollen bei Ärzten noch ein paar zusätzliche obendrauf. Lieber verpflichtet man jeden niedergelassenen Arzt zur Einstellung einer eigenen Hygienefachkraft (die aber leider auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht existieren), statt den Tätowierern ihre allergenen und giftigen Auto-Lacke aus der Spritzpistole zu nehmen. Politik ist eben nicht immer "das Bohren dicker Bretter", sondern hier eher "den Weg des geringsten Widerstandes gehen".

Von schräg unten: Qualität

"Ganz selten, also eigentlich in letzter Zeit immer öfter, genau genommen täglich und überall höre ich Klagen über die zunehmende Bürokratisierung der helfenden Berufe. Eine giftige Krake sei dies, nimmersatt dürstend nach Unmengen von Daten, die es auf unverständlichen Formularen einzutragen gilt, für die sich nacher kein Mensch interessiert. Schlimmer noch: Diese Krake gebiert eine Parallelwelt, die nichts mehr mit unserer Realität zu tun hat.  Unzählige Male berichten mit Patienten, die stationär betreut wurden, von Dokumentationen in der Patientenkurve über jeden Handschlag, von denen aber kein einziger ankam. Krankenhausangestellte klagen, dass sie vor lauter Dokumentation keinerlei Zeit mehr haben, sich um die Patienten zu kümmern.Ich halte dies für stark übertrieben. Dokumentation ist essentiell, damit unsere Leistung gewürdigt werden kann, unser Können transparent wird! Ich für meinen Teil dokumentiere mein Tun so ausführlich wie möglich, immer in Gedanken daran, dass mir fachkundige Kollegen in die Daten, damit also über die Schulter schauen und völlig fassungslos von meiner Qualität sind! Sozusagen sprachlos - was sie sicherlich bisher daran gehindert hat, mir dies persönlich mitzuteilen. Dokumentation ist Qualität! Qualität ist Dokumentation, und damit sind wir erst in der Lage, unser glanzvolles Wirken.... was soll das denn jetzt, meine Fachangestellte kommt einfach so in mein Sprechzimmer und meine Gedanken gestürmt: "Herr Doktor, der Notfallpatient ist schon da und kann .... warten! Ich muss mich maximal konzentrieren, ich bin gerade höchstgradig qualitativ und dokumentierend unterwegs, da hat alles andere Zeit! Sie trollt sich wieder. Wo war ich stehengeblieben, ach ja: die Dokumentation meines Könnens ist nicht lästige Pflicht, sondern mein höchstpersönlicher Auftritt vor grosser Bühne, auf der ich mich vor stehenden Ovationen verneige... meine Güte, warum werde ich schon wieder gestört?! "Herr Doktor, wir haben schon mal das EKG geschrieben, können Sie nicht ....?" Nein, ich kann jetzt nicht ! Merkt sie denn nicht, dass ich mit wahrllich wichtigerem beschäftigt bin ?!Ach, das ist ja nicht zum Aushalten, schliesslich muss ich dokumentieren, zu welch superben fachkünstlerichen Leistungen ich imstande bin, die die Welt in Erstaunen versetzen und... was soll das schon wieder?! "Herr Doktor, es ist wirklich wichtig...", dass ich ständig erreichbar bin! Sieht sie denn nicht, dass jeden Moment ein Anruf kommen kann, von der Kammer, von den Verbänden, vielleicht sogar aus dem Ministerium, um mir für die Dokumentation meiner Qualität zu danken? Also bitte ! War war ich... ach ja: Nicht nur mir, sondern allen gebührt allerhöchster Respekt und unendlicher Dank für diese penible Dokumentation medizinischer Daten, für dei wir einen Grossteil unserer Lebens-, Arbeits- und Schaffenskraft geopfert haben! Meine Fachangestellte kommt wütend herein und knallt mir einen Transportschein auf den Tisch: "Unterschreiben!". Ich bin ausser mir, völlig empört und schnappe nach Luft. "Wir haben das EKG bei dem Notfallpatienten geschrieben, er hat einen ST Hebungsinfarkt, der Notarzt hat ihn schon mitgenommen, und Sie können wenigstens den Transportschein unterschreiben". Ich bin fassungslos. Das... das geht nicht! "Wie, das geht nicht?". Der Notarzt muss sofort mit dem Patienten zurück in die Praxis! "Gehts Ihnen noch gut? warum das denn?" Wenn ich das nicht dokumentiere, hat das keine Qualtät!"

Dr. Th. Böhmke, Dtsch.Ärzteblatt 113/40 (2016): 56

"Wen juckt schon Rechtschreibung?"

Seit über 20 Jahren ist eine automatische Rechtschreibprüfung in Textverarbeitungsprogrammen etabliert. Man sollte also annehmen, dass die Zahl an Schreibfehlern in medizinischen Publikationen verschwindend gering sei sollte. Doch einem an Literatur zu Juckreiz interessierten Arzt aus den USA war aufgefallen, dass das aus dem Latein stammende Wort Pruritus erstaunlich oft falsch geschrieben wird. Das nahm er zum Anlass für eine Spurensuche (Fleischer AB. Acta Derm Venerol. 2016; 96: 826-7). Demnach finden sich in der Zitationsdatenbank PubMed im Vergleich zu 17377 Studien zu "Pruritus"  149 Einträge, in denen von "Pruritis" die Rede ist. In allen Fällen ist keine Entzündung einer "Prur" gemeint, sondern Juckreiz. Auffällig ist, dass die Schreibfehler seit 2010 stark zugenommen haben und dass die meisten Verursacher aus dem englischen Sprachraum kommen: 60% der Fehler stammen von Autoren aus den USA, Australien, Grossbritannien, Indien und Irland. Deutsche Autoren dagegen, die für 5% aller Pruritusstudien verantwortlich sind, verwendeten immer die korrekte Schreibweise. Das Latinum macht sich also nachweislich bezahlt! Der aufmerksame Arzt empfiehlt, in künftigen internationalen Publikationen ein Wort zu verwenden, das auch von rechtschreibschwachen Dermatologen immer korrekt geschrieben wird: "itch".

Sebastian Lux, hautnah dermatologie 2016; 32(6): 10

Monster Melanome

www.spiegel.de/netzwelt/web/melanome-als-zombies-visualisiert-nur-ein-harmloser-leberfleck-a-1122404.html

copyright: Zombie studio   http://www.docmashop.de/

 

"Abgeschmiert" in Filterblasen

Jan Kedves ("Pop-Redakteur") berichtet aus der Filterblase (des Pop-Feuilltons und der Kosmetikindustrie) am 14.1.17 für die SZ: "Wer nicht sterben muss, der findet auch Falten im Gesicht nicht so schlimm. Logisch, oder? Auf diese Formel lassen sich die Sorgen bringen, die die Beauty- und Anti-Aging-Industrie derzeit umtreiben. Die verzeichnete bislang von Jahr zu Jahr verlässliche Umsatzzuwächse, aber jetzt, da die Millennials zur größten Konsumgruppe geworden sind, gibt es eine Stagnation bei den Antifaltencremes und Skin-Repair-Ampullen... Seit 2015, um genau zu sein...Die jungen Menschen, die zwischen 1980 und 2000 geboren und mit Smartphones und sozialen Netzwerken aufgewachsen sind, scheinen keine Angst mehr vor dem Älterwerden zu haben... Warum treibt es sie nicht in Massen an die Tiegelchen und Seren, die Zeitstopp oder Zeitumkehr im Gesicht versprechen? ... Die ersten Erkenntnisse gibt es bereits, ebenso die ersten speziell auf die Zielgruppe ausgerichteten neuen Anti-Aging-Produkte. Die dürfen allerdings - erste Erkenntnis der Forscher - auf keinen Fall "Anti-Aging" heissen. Der Begriff erinnert Millennials nämlich unangenehm ... an die ... Mimik ihrer Mütter. Millennials mögen Natürlichkeit ... und Gesundheit...Damit wäre man auch schon bei der zweiten Erkenntnis der Forscher: Der Health-Food-Trend greift auf das Anti-Aging-Geschäft über. Wer einmal mitbekommen hat, mit welchem Ekel Millennials ... über Mitmenschen herziehen, die noch ... Kaffee mit Zucker trinken, dem wird sofort einleuchten, dass sie Pflege ... nur dann interessant finden, wenn diese den Eindruck erweckt, im Prinzip genauso innerlich anwendbar zu sein. ... Gerade hat die zu LOreal gehörende Firma Kiehls ihre neue "Pure Vitality Skin Renewing Cream " lanciert. Die besteht zu 99% aus natürlichen Inhaltsstoffen, u.a. rote Ginsengwurzel.. und Manuka-Honig... Klingt gesund und lecker.Dass draufsteht, woher die Zutaten kommen, auch das ist für Millennials sehr wichtig, denn es suggerierte Nachhaltigkeit und macht ein gutes Gewissen...Möglicherweise ist das Konservieren eines jugentlichen Antlitzes... ohnehin nur für jene Menschen noch ein Ideal, die Tod und Siechtum fürchten. Wer das Leben aber nicht mehr als endlich wahrnimmt, sondern als fortlaufende Entwicklung hin zum nächsten Durchbruch in Medizin und Gentechnik, der kann gelassen auf Fältchen reagieren. Und genau das sind ja die Millennials:die erste Generation , die sich realistisch Hoffnungen darauf machen kann, dem Sensenmann ein Schnippchen zu schlagen und noch zu Lebzeiten in den Genuss von Zellerfrischungs- und anderen lebensverlängernden Therapien zu kommen. 120 Jahre alt werden? Mindestens!.." usw usw. Unglaublich, wie man so viele Sätze aneinander reihen kann, von denen kein einziger auch nur Millimeter unter die Oberfläche von was auch immer dringt. Sowas entsteht wahrscheinlich dann, wenn Marketingmenschen und Pop-Journalisten zu lange im eigenen Saft köcheln... oder wie es heute heisst, ihre eigenen Online- und Echtzeit-Filterblasen nicht erkennen.

Schmuddelkind als Drogendealer

Jede Profession hat ihre Helden, aber auch ihre Schmuddelkinder: der korrupte Politiker, der betrügerische Banker, der pädophile Lehrer, der bestechliche Richter... Gewöhnlich werden sie in den Rückblicken und Hagiographien der Berufsverbände nur diskret erwähnt oder ganz übergangen. Ein besonders "interessanter" Vertreter dieser Spezies war "Professor" Dr. Theodor Morell, der Leibarzt Adolf Hitlers. Nach Medizinstudium an verschiedenen Orten promovierte er 1913 in München an der Frauenklinik und eröffnete 1918 in Berlin eine Privatpraxis für urologische Krankheiten und Geschlechtskrankheiten. Da es damals weder einen Facharzt für Urologie noch für Dermatologie im heutigen Sinne gab, bezeichnete er sich selbst zuweilen als Urologe, zuweilen als Dermatologe und Venerologe. Seine Behandlung von Geschlechtskranken würde eine Zuordnung zu beiden Fächern ermöglichen, seine Beschäftigung mit Ekzemen und Lauserkrankungen verschafft eher den Hautärzten die "Ehre", ihn als einen der Ihren ansehen zu müssen. 1936 heilte er den Leibphotographen Hitlers, Heinrich Hoffmann (in dessen münchner Geschäft in der Schellingstrasse Hitler übrigens Eva Braun kennenlernte), anscheinend erfolgreich wegen einer Gonorrhoe (einem Tripper). So lernte er Hitler kennen und blieb bis 1945 dessen persönlicher Leibarzt, wo er zB zwischen 1941 und 1945 volle 885 Tage unmittelbar an dessen Seite war. Wir wissen heute, dass Hitlers Vertrauen, ja Abhängigkeit von Morell ganz wesentlich darin begründet war, dass Morell ihn mit einer wilden, heute unglaublichen Mischung aus Vitaminen, Hormonen, Cocain, Morphin, Frischzellen und Amphetaminen - wahrscheinlich unwissentlich - medikamentenabhängig gemacht hatte. Hitler gab sich zwar nach aussen das Image des selbstlosen, vegetarischen, alkoholablehnenden, teetrinkenden, zölibatären Altruisten. In Wahrheit war er kokain-, opiat- und amphetaminabhängig und konnte kaum einen Tag ohne einen "Schuss" seines Doktors überstehen. Schon damals wurden diese Behandlungen von anderen Ärzten sehr kritisch betrachtet. Hitler aber war so begeistert von den Behandlungen, dass er Morell zu dessen Schutz zum Honorarprofessor ernennen ließ. Aufgrund der damals weltweit führenden Stellung der deutschen chemischen Industrie und dem damals üblichen, sorglosen Umgang mit solchen Medikamenten war die Versorgung mit den Drogen-Medikamenten einfach: 40% der weltweiten Opiat-Exporte und 80% der weltweiten Kokainproduktion stammten in den 30iger Jahren aus Deutschland (!), und während des Krieges produzierten deutsche Pharmaunternehmen täglich bis zu 1 Million Pervitin-Pillen - das damals beliebteste Aufputschmittel (siehe dazu oben: "Panzerschokolade").  Morell führte genau Buch über seine Behandlungen bei "Patient A", wie er Hitler nannte. Wir wissen daher, dass von den 98 im Lauf der Zeit verabreichten Medikamenten allein 17 "Psychopharmaka" im weiteren Sinn waren. Morell nutzte seine Position als Hitlers Drogendealer, um reich zu werden: am Kriegsende besaß er Villen in Berlin, an der Ostsee und Berchtesgaden, und produzierte seine Vitaminpillen, Hormonpräparate und Läusepulver in mehreren eigenen Fabriken. Als der Nachschub an Medikamenten zu Kriegsende versiegte, entwickelte Hitler rasch und ausgeprägte Entzugssymptome. Es liegen viele Berichte darüber vor, wie schockiert Besucher im Führerbunker in Berlin gegen Kriegsende über den schlechten Gesundheitszustand Hitlers gewesen sind. Ob er nun Urologe oder Hautarzt war, eines galt damals wie heute: "wunderbar" wirksame Spritzen und Infusionen geheimnisvoller Zusammensetzung schaden langfristig oft mehr, als sie nützen (zum Weiterlesen: N.Ohler "Der totale Rausch", Drogen im 3. Reich. Kiepenheuer+Witsch). 

Glatzengene

Es gibt viele Gründe für Männer, sich die Haare zu raufen. Glatzen bilden sich so fast nie; die entstehen aus politischen oder genetischen Gründen. Aber auch die genetischen Ursachen des Haarverlusts bei Männern sind vielfältig. Aus Studien an Zwillingen ist bekannt, dass etwa 90 % der Haarschönheit bei Männern genetisch mitbedingt ist. Nun fanden englische Wissenschaftler – nach Studien an 52000 Männern - heraus, dass es 287 Stellen auf unseren Genen gibt,  welche männliche Haarpracht beeinflussen. Überraschenderweise liegen davon  40 auf dem X-Chromosom, das wir Männer von unseren Mütter erben. Gerade hier befindet sich ein Gen, welches für den Androgen-Rezeptor – die Hormon-Andockstelle verantwortlich ist. Dessen Varianten wiederum sind für die häufige androgenetischen Alopezie von Bedeutung. (Ein paar Details für die Freaks: die Funktion der Gene ist nur in Umrissen bekannt. FGF5 regelt zumindest bei Mäusen das Haarwachstum, IRF4 macht graue Harre, MEMO1 und SLC14A2 sind für Haare und Krebs von Bedeutung, HDAC9 beeinflusst die Genregulation, Varianten im Gen MAPT macht eventuell kahl und dement, EBF1 und WNT10A beeinflussen Dicke und Form der Haare, EDA2R lässt Haare auf den Zähnen wachsen, Defekte in OPHN1 and ZC4H2 können zur mentalen Retardierung führen, und FGF5 lässt die Augenwimpern wachsen. Die Liste läßt sich fortsetzen) . Nur bei Gesamtanalyse der Varianten ist eine Vorhersage über späteren Haarverlust möglich. Leider ist die Treffsicherheit solcher Vorhersagen noch zu gering, um daraus bereits einen Labortest oder gar eine Behandlung ableiten zu können.

Gesichtsaufbau Extrem - die wahre Geschichte

Das wäre die ultimative Schönheitsoperation - die Transplantation eines Gesichts von einem Menschen zum anderen. In Filmen wurde die Idee schon wiederholt durchgespielt. In der Wirklichkeit existiert die Technik ebenfalls, allerdings nur als Hilfe für schwer entstellte Unfallopfer. Dabei wird das Gesichts eines frisch Verstorbenen auf einen lebenden, entstellten Menschen übertragen. Die Operateure arbeiten dabei am Rand des medizinisch Möglichen. Man vermutet, dass es weltweit bisher etwa 37 Gesichtstransplantationen gegeben hat. Doch die wahre Geschichte der Gesichtstransplantationen ist bisher keine Ruhmeserzählung für die plastische Chirurgie. Die erste Gesichtstransplantation erfolgte vor 12 Jahren bei einer Französin, der ein Hund Nase, Mund und Teile des Kinns abgebissen hatte. Ihr wurde unter weltweiter Aufmerksamkeit das Gesicht einer hirntoten Frau übertragen; eine - aus technischer Sicht - heroische Meisterleistung der Operateure. Einige Jahre konnte die Empfängerin ein fast normales Leben führen. Jetzt wurde bekannt, dass ihre Ärzte ihr im Januar 2016 ihr neues Gesicht wieder abnehmen mussten und sie kurz danach an Lungenkrebs gestorben ist. Bereits vorher waren Teile des neuen Gesichts entfernt worden, weil das Gewebe abstarb. Nach der Gesichtstransplantation musste sie starke, immununterdrückende Medikamente einnehmen, die möglicherweise die Krebsentstehung begünstigten. Leider ist das Schicksal der meisten anderen Patienten nach den Gesichtstransplantationen unbekannt. Erstaunlicherweise wurden ihre medizinischen Lebensläufe bisher kaum wissenschaftlich erfasst und ausgewertet - was bei Nieren-  oder Herztransplantationen selbstverständlich ist. Eine französische Datenbank erfasst immerhin 29 der 37 Operationen; aber aus China, Russland, den USA, der Türkei und Belgien fehlen alle Daten. Von anderen Transplantationen weiss man, dass etwa 15% der Menschen mit Spenderorganen innerhalb von 5 Jahren an Krebs erkranken; nach 10 Jahren sogar 32%. Weisser Hautkrebs und Lymphome entstehen am häufigsten. Die Tumore wachsen bei ihnen schneller und streuen häufiger. Die Analyse der bisherigen Fälle führte die Forscher zu dem Schluss, dass man mit einem transplantierten Gesicht etwa 10-15 Jahre leben kann, ähnlich wie mit einer transplantierte Niere. Danach müsse das Gesicht abgenommen und durch ein neues ersetzt werden, da das verpflanzte Gewebe abstirbt. In Deutschland wurde bisher übrigens noch nie ein Gesicht übertragen. Die Pläne dazu sind fertig, die Operateure aber aus gutem Grund sehr zurückhaltend. Als Methode einer ästhetischen Verschönerung werden wir alle die Gesichtstransplantation nicht mehr erleben; und das ist auch gut so.

 

Demnächst an dieser Stelle (steht hier seit Jahren, aber eines Tages kommt`s wirklich):

"Mikrokokken in den Socken - das stinkt mir gewaltig..." 
"Raphael und das Osterwunder: die Geschichte eines Hautkeims" 
"Das tödliche Aknepflaster" 
"Was ihre Hautbakterien mit Ihrem Mineralwasser zu tun haben" 
"Wie halten es eigentlich die Schönheitschirugen mit dem Altwerden?" 
"Faltenspritzen und Weltuntergang"
"Humphrey Bogart, Brazil, Der Club der Teufelinnen: plastische Chirurgie im Spielfilm" 
"Der Fieberschweiss der Malaria" 
"Katzenkratzkrankheit? - die kratzen doch alle!" 
"Erben bringt Scherben: von Linsengerichten, Vitiligo und anderen Erbfällen" 
"Statt Eminenzbasierter Medizin: Evidenz basierte Medizin - alter Wein in neuen Schläuchen?"  
 

und noch viel mehr,

von Ihrer dermaPraxis Dr. Bresser, Peschelanger 11, 81735 München 089-677977, www.drbresser.de 

Copyright Dr H Bresser, Peschelanger 11, 81735 München, 089-677977, www.drbresser.de